Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 51 (14.12.1886)
- Date
- 1886-12-14
- Page
- Seite 804 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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804 die Besitzenden zu Mord und Plünderung auf, was „die furchtbarste Revolution der modernen Zeiten verwirklichen würde". Dies sind Worte Drumont's selbst, der also zur Anarchisten- und Dynamitbande gehört. Der Vers, verurtheilt Drumont, daß er in seiner Feindseligkeit gegen die Financiers diese als müßig auf ihren Geldsäcken sitzend und nur nach immer größeren Reichthümern strebend darstelle. Bon den angesammelten Kapitalien flösse immerfort die größte Befruchtung für alle größeren industriellen und commerziellen Unternehmungen aus; ohne sie wäre Frankreich zurückgeblieben und hätte auf der industriellen Leiter der Völker eine der untersten Stufen eingenommen. Würde man diese Financiers und ihre Kapitalien beseitigen, wie Drumont verlangt, so würde eine Lücke entstehen, die gar nicht auszufüllen wäre und welche die Verarmung Frankreichs bewirken würde. Einen anderen Grund für die günstige Lage der Juden findet er darin, daß die Franzosen die Sitte hätten, ihre Kinder nicht zu demselben Geschäfte zu erziehen, durch welches sie reich geworden. Die Söhne sollten nur Beamte werden und vergeuden in der Regel durch Luxus und schlechte Sitten, was die Väter erworben. Anders verhält es sich bei den Juden; sie treten frühzeitig in das Geschäft des Vaters ein, und die Sittenstrenge der Familie hält sie in der Regel von Ausschreitungen zurück. Er sagt da weiter: „Sie, Herr Drumont, kommen immer wieder auf die wenigen jüdischen Barone und Journalisten zurück, welchen Sie überall in Paris begegnen und welche Sie ärgern, jedenfalls aus ganz persönlichen Gründen. Warum geben Sie uns nicht ein Bild der jüdischen Familie, wie sie bescheiden und rechtschaffen, nach ihren Mitteln wie die Bourgeoisie oder wie der kleine Kaufmann oder Arbeiter lebt? Sie wollen die milden und patriarchalischen Sitten dieser braven Leute nicht bewundern. Sie wollen übersehen, daß sie nur selten schlechtes Beispiel geben und daß ihre Existenz eine enthaltsamere ist als die unsere." „In Luncville, wo ich noch Steuerempfänger im Augenblick des Krieges war, kannte ich mehrere jüdische Familien, von denen ich die beste Erinnerung bewahrt habe. Die Familien lebten in großer Einigkeit und die Großeltern wurden verehrt. Gerade dieser Familiencultus befestigt ihre Grundsätze im Glauben, in der Ordnung und in der Arbeit. Ich hatte immer gedacht, daß wir sie zum Vorbild nehmen sollten, und da predigen Sie den heiligen Krieg, bescheiden begrenzt! zur Massenaustreibung und zur Confiscation der Güter. Sie werfen alle meine Ideen um, und frage ich mich, wie die Juden, welche Sie für unbeweglich erklären, sich so haben ändern können, um so schreckliche Strafen zu verdienen. — Wir sehen die Juden nur selten vor den Gerichten wegen Verbrechen und Vergehen erscheinen. Sie behaupten, daß man nicht wagt, sie zu verfolgen; aber das glauben Sie nicht, weder ich noch Sie. — Und ihre Kinder, glauben Sie, daß die Erziehung, welche sie erhalten, nicht ebenso gut sei wie die, welche wir den unsrigen geben? Wenigstens beobachten sie die Traditionen der Eltern; sie verstehen ihr Vermögen zu erhalten und geben uns nicht das so traurige und häufige Schauspiel, wie die Familiensöhne die väterliche Erbschaft so thöricht vergeuden. Wir würden gut thun, ich wiederhole es, an ihnen ein Beispiel zu nehmen und diese Achtung vor der Familie auszuüben, welche der Schlüssel zur Befestigung einer Nation ist." — Unser Vers, nimmt dann die Anklagen Drumont's gegen die Juden nach einander durch und kommt zu dem Schluß: „Die Fehler, die Sie unaufhörlich bei den Juden aufdecken, sind allen Völkern gemeinsam, während ihre guten Eigenschaften seltener sind." „Sie sagen", ruft er aus, „der Jude hat ein Vaterland, dem er niemals entsagen wird, das ist Jerusalem, das heilige und geheimnißvolle Jerusalem. Wo ist da das Uebel? Jerusalem ist für die Juden die Hauptstadt der israelitischen Welt, wie Rom für uns die Hauptstadt der katholischen Welt ist. Uebrigens ist Jerusalem für sie kein Vaterland, wie Sie es verstehen; das ist das himmlische Vaterland." — Herr Rehnaud verschmäht es auch nicht, interessante Anekdoten und Geschichtchen hineinzuweben, welche ein Streiflicht auf Juden und Christen werfen, wobei die ersteren gar nicht übel wegkommen. Dann aber versenkt er sich wieder in die ernstesten Fragen der Zeit, z. B. in die französische Colonialpolitik. Er hat ein offenes Wort für die Fehler der französischen Nation und bemüht sich zu erweisen, daß, was man den Juden als Fehler nachsagt, theils solche sind, zu welchen man sie durch Jahrhunderte langen Druck gezwungen hat und die sie seit einem Jahrhundert abzulegen suchen, theils solche, welche sie von den Völkern, unter denen sie leben, gelernt haben. So, wenn Drumont den Juden vorwirft, nach Orden und Adel allzu begehrlich zu sein, meint Reynaud, daß es wohl keine Nation gebe, in der man lüsterner nach Orden, Auszeichnungen und Ehren wäre, als die französische, und wo die Fälle häufiger wären, daß man unberechtigter Weise ein de vor den Familiennamen setze. Kurz, er kommt immer wieder darauf zurück: die Juden seien ebenso gut Franzosen wie er und Drumont, ein sehr nützliches Element der Nation und damit fallen alle Insinuationen Drumont's zusammen. — Daß wir dem braven Verfasser eine ausgedehnte Wirkung wünschen, ist selbstverständlich. >) 1) Einer Episode wollen wir noch erwähnen, die sich im Gil Blas, einem Pariser humoristischen Blatte, vom 22. und 27. Nov. abgespielt hat. Ein Mitarbeiter desselben, Herr Abraham Dreyfuß, behauptet in einem witzigen Artikel, Drumont sei ein Jude, und be> weist dies in launiger Weise aus dessen Physiognomie, seinem Naj men, der eigentlich „Dreimond" heißt, weil sein Großvater in einer! elsässischen Stadt Brillen verkauft habe in einem Hause, das zu den