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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-12-14 · Heft 51 (14.12.1886) · p. Seite 803

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 51 (14.12.1886)
Date
1886-12-14
Page
Seite 803 (sequence 3)
Language
German
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803 Wir werden in der heiligen Schrift überall dahin geleitet, das Prinzip aufzusuchen, von welchem entweder die Fäden des Details ausgehen oder zu welchem sie hinführen. So ist der lüsterne, sinnliche Zug, der durch das Hohelied geht, nur dienstbar, um zu dem hohen sittlichen Werthe zu leiten, der allein der wahren und treuen Liebe innewohnt, und die also dem ehelichen Bunde zur Grundlage dienen muß. °) (Werden fortgesetzt.) Der Antisemitismus in Frankreich. IV. Die Wetterkundigen sprechen oft Vieles über eine starke Depression, die etwa über dem Norden liege, dann nach Osten oder Süden wandert und sich über weite Länderstriche ausbreite, woraus dann die zeitweise Beschaffenheit des Wetters entspringt, bis sie wieder durch eine Veränderung des Luftdruckes behoben wird. Eine solche geistige Depression ist der Antisemitismus. Er zog von Deutschland nach Oesterreich und Ungarn und hat sich jetzt auch über Frankreich gelagert. Rußland erwähnen wir nicht, weil da jene Depression dauernd vorhanden ist und nur unter dem großherzigen Alexander II. einige Erleichterungen erhalten hatte. Nun ist zwar in allen den genannten Ländern eine den Juden ungünstige Gesinnung immer vorhanden gewesen; sie war und ist leider eine Erbschaft aus alter Zeit. Aber als agitatorische Partei bildete sie sich zuerst in Deutschland aus und ward von hier aus das Vorbild für andere Nationen. Findet der Antisemitismus nun in Frankreich einen fruchtbaren Boden? Wir bezweifeln es. Es erschien das berüchtigte Buch La France juive, d. h. Frankreich ist jüdisch geworden von Drumont, und dieses hatte einen beispiellosen Erfolg. Dennoch ist dies kein Beweis für einen tief gehenden und weit verbreiteten Antisemitismus. Die französisch nationale Empfindlichkeit ist sehr stark und mußte so schon von diesem Titel gereizt werden. Die Hauptsache aber war, daß Drumont in seiner Schrift die prickelndsten Pikanterien und seines früheren Lebens schildert, und wie er nach seinen Leiden vermehrten Ersatz erhält und sein Alter im höchsten menschlichen Glücke verbringt. 6) Darum heißt es am Ende des Buches (8, 6.): „O, leg' wie einen Siegelring mich auf dein Herz, wie einen Siegelring auf deinen Arm! Denn gleich dem Tode stark ist Liebe, fest wie die Gruft ihr Eifer, ihre Gluthen, Feuergluthen, Gottesflammen! Nicht vermögen die Liebe viele Wasser zu löschen, Ströme überfluthen sie nicht: so Jemand gäbe seines Hauses ganze Fülle um die Liebe, man würde sein nur schmähen!" Schwungreicher und inniger zugleich kann wohl schwerlich das Wesen der wahren Liebe, ihr Quell in Gott, ihre Dauerhaftigkeit, Unbestechlichkeit und Widerstandskraft ausgedrückt werden, und erachten wir deshalb diese Stelle als eine der herrlichsten der ganzen heiligen Schrift. zwar nicht bloß gegen Juden, sondern gegen das ganze Frankreich von 1789 an, gegen Regierung, Adel, Bürgerthum Literatur, Wissenschaft und Künste vorbrachte, mit alleiniger Ausnahme des Klerus, denn er ist bigotter Katholik. So schmuggelte er an 3000 Personen in sein Buch ein, und traf jede mit seinem Giftstachel. Niemand außer dem Klerus fand Gnade vor seinen Augen. Dies erzielte einen außerordentlichen Absatz seines Machwerks. In Frankreich bezieht sich die antijüdische Gesinnung nicht auf die Juden im Ganzen, sondern nur auf das Dutzend sehr reich gewordener jüdischer Financiers, die natürlich auch einen nicht geringen Einfluß besitzen. Drumont's Antisemitismus ist daher vorzugsweise persönlicher Natur. Darum aber bezeugt der Verkauf seines Buches durchaus nicht, daß eine große Anzahl Leser ihm zustimme und sich seinem Haffe gegen die Juden anschließt. Der Beweis hierfür liegt auf der Hand. Drumont ist Journalist und seit dem Erscheinen seines Buches hat er in keiner Redaction eine Stelle oder Beschäftigung gefunden, und doch bewerben sich in der Regel die Redactioneu eifrig um einen Autor, der sich einen Namen und durch ein Geisteserzeugniß einen bedeutenden Erfolg erworben hat. Ein anderer Beweis liegt in der Thatsache, daß trotz Drumont soeben ein Jude Arbeitsminister und ein anderer Jude Generalresident in Tonkin geworden. Auch an Gegenschriften fehlt es nicht. Wir erhalten soeben eine, die recht beachtenswerth ist und bereits die dritte Anflage erlebt hat: La Francs n’est pas juive, par Leonce Reynaud. Paris, Morot Fröres et Chuit, 18 rue de l’Ancienne-Comedie, 1886. Diese mit ebenso vieler Klarheit wie Festigkeit, mit gesundem Verstand und guter Kenntniß der wirklichen Verhältnisse verfaßte Schrift stammt nicht aus jüdischer, sondern aus christlicher Feder; der Verfasser ist ein guter Katholik, der erst durch seinen Pfarrer auf das Drumont'sche Pamphlet aufmerksam gemacht worden, aber er ist auch guter Franzose und steht nicht Allem feindlich gegenüber, was seit 1789 in Frankreich bedeutend gewesen. Er glaubt nicht, daß die französische Revolution durch die Juden gemacht worden und daß Napoleon I. unter den: Einflüsse der Juden gehandelt habe. Er verhält sich überall objectiv und ist vom Geiste der Gerechtigkeit und Humanität beseelt. Seine Schrift folgt Drumont Schritt vor Schritt, aber gerade darum ist es uns nicht möglich, ihr ins Detail nachzugehen. Wir müssen uns beschränken, Einiges aus seinen allgemeinen Bemerkungen hervorzuheben. — In seinem Vorwort setzt der Vers, aus-! einander, daß ihn die Feder zu ergreifen der Haß veranlaßt habe, den Drumont, nicht etwa gegen die Juden allein, diese hätten ihm nur zum Vorwand gedient, sondern gegen ganz Frankreich, mit Ausnahme der Mönche und Proletarier, zum Ausdruck bringt und ihn zu Nichts als Verleumdungen treibt. Ja, noch mehr, Drumont hetzt die besitzlosen Klassen gegen 51*

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