Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 50 (7.12.1886)
- Date
- 1886-12-07
- Page
- Seite 797 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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797 wurde. Da Sichron-Jacob etwa 35 km von hier entsernt ist und man also 6 Stunden auf holprigem, ungebahntem Wege zu fahren hat, am Tage aber Hitze und Ungeziefer die Fahrt für Menschen und Thiere beschwerlich machen, so reisten wir um 12 Uhr Nachts ab, was wir um so weniger zu bereuen hatten, da Heller Mondenschein die Nacht erleuchtete und Land und Meer mit mildem Lichte überflutete. In Sichron-Jacob wurden wir von dem Vorsteher freundlich empfangen, und nachdem wir durch Speise und Trank erfrischt worden waren, unternahmen wir zunächst einen Rundgang durch die Colonie. Ich will nun das kurz berichten, was wir hierbei sahen und hörten. Die Kolonie liegt auf einer etwa 150 m hohen Anhöhe des Karmels, weshalb sie luftig und gesund ist; sie hat eine Hauptstraße, die etwa 1 km lang ist und an der die meisten Häuser liegen, eine kleine Quergasse, etwa 200 m lang, durchschneidet die Hauptstraße rechtwinklig. In den vier hierdurch entstandenen rechten Winkeln liegen die vier Hauptgebäude der Kolonie: Synagoge, Schule, Administrationsgebäude und die Wohnung des Aufsehers über Feld- und Gartenbau. Diese vier Häuser sind von Stein erbaut und mit Ziegeln gedeckt, dazu recht geräumig. Die Synagoge hat in ihrem unteren Raum für 250 Personen Sitzplätze und außerdem in der Mitte einen 2 m breiten mit Marmorplatten gepflasterten Gang, und an den beiden Seiten schmälere Gänge. Jeder Platz hat seine Nummer, und zwar sitzen die ältesten Männer vorne, die jüngeren weiter zurück. Vorne ist eine etwa 3 m breite, 1 m hohe Erhöhung, auf die zwei Treppen führen und die durch ein Geländer begrenzt ist. Diese Erhöhung bietet Raum für die Kanzel, die Sänger und sonstigen beim Gottesdienst mitwirkenden Personen; da sie aber nicht die ganze Breite der Synagoge ausfüllt, so bleibt an beiden Seiten noch Platz für die Schuljugend, die hier ihre Bänke zum Sitzen hat. In der Mitte an der Wand zwischen den beiden Endfenstern ist ein Kasten, der mit einem gelben seidenen Tuch verhängt ist und in welchem die Gesetzesrollen aufbewahrt werden, der also die Stelle der Bundeslade vertritt. Oben in der Wand ist die hebräische Inschrift: „Israel, dein Gott, der Einzige, ist der alleinige Gott!" und etwas weiter darunter: „Erinnere dich, vor wem du stehest!" An der gegenüberliegenden Endwand, die in der Mitte die Eingangsthüre hat, steht in französischer Sprache geschrieben: „Du sollst deinen Nächsten lieben als dich selbst!" An den beiden Längsseiten und an: Eingangsende ist eine Emporkirche (Galerie) für die Frauen, die im unteren Raum nicht Platz nehmen dürfen. Die ganze Einrichtung ist zweckmäßig und schön und darauf berechnet, einen angenehmen Eindruck auf das Gemüth des Menschen zu machen. Jedenfalls ist die Synagoge das einzige Gebäude der Art in Palästina, Jerusalem etwa ausgenommen, das so geräumig und zweckmäßig für gottesdienstliche Uebungen eingerichtet ist. Die Schule hat 4 Klassenzimmer und wird gegenwärtig von 96 Kindern besucht; gelehrt wird Hebräisch, Arabisch und Französisch, letzteres ist die Unterrichtssprache. Die Wohnhäuser der Kolonisten sind nur erst zum Theil fertig, an anderen wird noch gebaut. 'Dabei werden den Kolonisten von der Lokalregierung große Schwierigkeiten gemacht; so haben sie noch keine eigentliche Bauerlaubniß; von Zeit zu Zeit kommt dann wieder eine Kommission, die untersuchen muß, wie viele Häuser vorhanden sind, und darüber Bericht erstatten. Einige klingende Darlegungen überzeugen sie dann für eine Weile, daß man nichts machen kann, sondern daß alles seinen richtigen Gang geht. So war vor einigen Tagen die zehnte Kommission dort. Hätten die Kolonisten nicht einen so reichen Protektor, oder würde die französische Regierung, deren Unterthan der Besitzer des Landes ist, es machen wie die deutsche, d. h. auf die orientalischen Verhältnisse die Rechtsanschauungen des Heimathsstaates anwenden, so hätte wohl noch kaum ein einziges Wohngebäude aufgeführt werden können, so aber wächst die Kolonie von Woche zu Woche und schreitet, wenn auch langsam, ihrem Ausbau entgegen. Ein Uebelstand für die Kolonisten ist der Mangel an Schöpfbrunnen in der Kolonie; es ist zwar ganz in der Nähe der Kolonie eine Quelle, die das neueingerichtete Badehaus mit Wasser versorgt und auch dem ebenfalls neueingerichteten Schlachthaus Wasser zuführt, aber diese Quelle ist zu schwach, um die ganze Kolonie versorgen zu können. Deshalb muß das meiste Trink- und Waschwasser ans vierspännigen Ochsenwagen aus Brunnen in einer am Hügel sich hinziehenden Schlucht heraufbefördert werden, während das Vieh dorthin zur Tränke getrieben wird. Der Weg von unten in der Ebene auf den Berg ist mit großen Kosten ordentlich fahrbar, wenn auch, namentlich für Frachtwage», sehr steil hergestellt worden. Die Kolonisten sehen alle gesund aus und sind auch muthig im Blick auf das, was die Zukunft ihnen bringen wird, »veil sie ja einen mächtigen Beschützer haben. Alle Kolonisten stehen unter der Leitung des von Herrn v. Rothschild ihnen Vorgesetzten Vorstehers, dem sie zu unbedingtem Gehorsam verpflichtet sind. Anpflanzungen von Bäumen und Weinbergen leitet der Agrikultor, der auch von Herrn v. Rothschild selbst hierzu hergesandt worden ist. Derselbe hat schon Tausende von Bäumen pflanzen lassen, die aber aus Mangel an Schutz und Feuchtigkeit zum größten Theil vertrocknet sind. Arzt, Apotheker und Lehrer werden ebenfalls durch Rothschild unterhalten, und somit ist für alle Bedürfnisse der Kolonisten in ausgiebigster Weise gesorgt. Jeder Kolonist muß sonst zwar für sich selbst sorgen und darf sein Haus nach einem dem Vorsteher vorgelegten und von ihm genehmigten Bauplan bauen rc., es erhält aber jeder