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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-12-07 · Heft 50 (7.12.1886) · p. Seite 798

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 50 (7.12.1886)
Date
1886-12-07
Page
Seite 798 (sequence 14)
Language
German
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798 entsprechend der Seelenzahl seiner Familienmitglieder monatlich eine Unterstützung ausbezahlt, so daß bei einiger Sparsamkeit und Thätigkeit jeder ohne Noth leben kann. Am Nachmittage des gerannten Tages um 1 Uhr versammelte sich die ganze Gemeinde, Männer, Frauen und Kinder, alle festlich gekleidet, um die Gesetzesrollen aus dem vorläufig als Bethaus benützten Raum unter Prozession in die neue Synagoge überzuführen. Ein Männerchor stellte sich auf und trug einige Stücke vor. Ein kleines etwa 7jähriges Mädchen trägt auf einem verzierten Kissen den Schlüssel der neuen Synagoge, während hinter demselben die ältesten Männer der Kolonie die Gesetzesrollen tragen. In kürzeren Entfernnngen wird immer wieder Halt gemacht (2. Sam. 6. 13), bis der Männerchor ein Loblied gesungen hatte, worauf sich der Zug wieder langsam in Beivegung seht. Bei der Thüre der Synagoge angekommen, wird einer der fremden Gäste, ein Deutscher, aufgefordert, den Schlüssel vom Kissen zu nehmen und die Synagoge aufzuschließen; nachdem dies geschehen und der Chor hierauf noch ein Loblied angestimmt, strömte die Menge in die Synagoge. Ein Feslkomits wies den Gästen Ehrenplätze an und sorgte überhaupt für Ordnung und Ruhe. Nachdem alles seine Plätze eingenommen, fing die Ceremonie der Einweihung durch einen Gesang des Chores an. Hierauf hielt der Vorsteher eine längere Rede in reinem schönen Deutsch. Zuerst erinnerte er die Gemeinde daran, daß sie einen herrlichen Tag erlebt habe, für den sie Gott und ihrem Wohlthäter zu großem Dank verpflichtet sei. Noch vor zwei Jahren sei der Platz, wo jetzt die Kolonie stehe, ein ödes Stein- und Strauchfeld gewesen, die meisten hatten getrennt von ihren Familien leben müssen, da letztere in Caifa Quartiere bezogen hatten, während die Männer auf der Ansiedlung schafften. Sie hätten bekümmert in die Zukunft sehen müssen, die dunkel vor ihren Blicken lag, und jetzt hätten sie nicht bloß eine verhältnißmäßig schöne Kolonie mit eigenen Wohnungen, sondern sie hätten jetzt auch ein schönes, geräumiges Haus, in welchem sie sich zuin Gebet und zum Anhören des Gesetzes Jehova's versammeln könnten. In einem kurzen Gebet dankte er Gott dann für seine Wohlthaten, dankte dem edlen Menschenfreund, der ihnen geholfen, dankte auch den Gäste», die gekominen seien, mit ihnen sich zu freuen, und ihnen dadurch ihre Theilnahme bewiesen. Ec übergab dann das Haus seiner Bestimmung und fuhr fort in seiner Rede, der Gemeinde den Zweck und die Bedeutung des Hauses auseinanderzusetzen. Wer von Kummer gedrückt und niedergebeugt, oder mit irgend einer Last beladen sey solle in das Gotteshaus kommen und im Nachforschen der Wege des Einzigen Ewigen, der der Vater seines Volkes sei, Trost, Hoffnung und Ergebung schöpfen. Hier sollten sie Frieden mit Gott und Frieden mit dem Nächsten machen, aber dieser Friede solle dann nicht bloß auf die Zeiten und Stunden im Gotteshaus sich beschränken, sondern sich auch außer dem Hause geltend machen und auf das ganze Zusammenleben wohlthuend einwirken. Aus dem Gesetz Gottes sollten sie hier im Gotteshause lernen, ihren Nächsten lieben als sich selbst, wohlznthun, ihre Pflichten treu und redlich zu erfüllen, fleißig ihre Arbeit zu thun und als Brüder miteinander zu leben. Hier sollten sie sich daran erinnern, daß Gott der einzige und alleinige sei, alle Völker und Nationen stehen unter ihm, und auch der Fremdling gehöre Gott an, und sein Haus solle ein Bethaus sein allen Völkern, sie sollten deshalb alle Menschen, welchem Volk oder Religion dieselben auch angehören mögen, als Brüder achten und lieben, dies sei die wahre Auffassung der jüdischen Religion und die ewige, unverwüstliche und unaufzehrbare Kraft derselbe». Hier im Gotteshause sollten sie ihre Gebete und ihre Dankopfer Gott darbringen. Aber es genüge dies alles noch nicht, sondern das Gotteshaus müsse in jedem von ihnen in ihrem Innern, in ihrer Brust aufgerichtet werden. Wenn sie so das Gotteshaus benützen und diese Einrichtung auf ihr Leben umgestaltend würden einwirken lassen, würde sich das Wort des Propheten auch an ihnen erfüllen: „Von dem Tage an soll mein Segen mit euch sein." Nach dieser Rede sang der Chor den Salomonischen Psalm, den er zur Einweihung des Tempels verfaßt hat, was etwa eine halbe Stunde in Anspruch nahm. Hierauf wurden die Gesetzesrollen, die so lange von den alten Männern gehalten worden waren, in der Synagoge umhergetragen und jeder Mann, der ein gewisses Alter erreicht hatte (wie mir schien, etwa das 30. Lebensjahr, doch weiß ich dies nicht gewiß), mußte eine der Gesetzesrollen wenigstens einige Schritte weit tragen, dann wurden dieselben in die für sie bestimmte Lade gethan. Die ganze Zeit der Procession wurde theils von einzelnen, theils vom Chor gesungen, und schließlich die ganze Feier durch ein Lied des Chores beschlossen. Abends war für die Gäste und die hervorragenden Familien der Kolonie ein gemeinsames Abendessen im Hause des Vorstehers. Unter ermunternder Ansprache in deutscher, französischer und russischer Sprache, wobei noch mehrere Male darauf hingewiesen worden, daß wir Menschen alle einander als Brüder lieben und für die Ausbreitung und Durchführung dieser Idee ein jeder in seinem Theil wirken sollte, und unter deutschen und hebräischen Gesängen verfloß die Zeit schnell, und als wir Abends 11 Uhr aufbrechen wollten, hatte» wir Mühe, uns loszureißen; namentlich ungern ließ uns der edeldenkende Vorsteher ziehen, doch wir mußten die Nacht wieder zur Heimkehr benützen und kamen morgens früh, wenn auch recht ermüdet von der zweinächtigen Fahrt, doch mit dem Gefühl

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