Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 50 (7.12.1886)
- Date
- 1886-12-07
- Page
- Seite 795 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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795 Bei den jüngsten Rundreisen des neuen Justizministers Manassein in Rußland und Polen machten ihn die Beamten seines Ressorts hie und da auf sein jüngst erlassenes, auch in der „Allg. Ztg. d. I." (Nr. 33) von mir mitgetheiltes Reseript besonders aufmerksam, wonach sämmtliche jüdische Angesiellten bei den Notaren, Friedens-, Handels- und Untersuchungsrichtern aus dem Staatsdienst zu entfernen, dieselben niemals wieder anzustellen und auch andere Juden nimmermehr zu derartigen Anstellungen zugezogen werden sollen. Da er noch in mehreren Gerichtshöfen u. s. w. viele Juden angetroffen hat, und er sie nicht duldet, so fühlte der Minister, sich bewogen, den Befehl zu wiederholen, daß diese sofort von ihren Posten abgesetzt werden, und gleichfalls zu bemerken, daß für die Zukunft diese Anordnung streng zu beachten sei. Dem schriftlichen sowohl, als dem ausgesprochenen Wunsch des Justizministers gemäß, werden schon die jüdischen Beamten in den Gerichtshöfen re. sogar aus dem Civilstaatsdienst, wie z. B. aus den Gouvernements-, Kreis- und allen öffentlichen oder auch Privatämtern, fast überall entfernt. Es hänfen sich in unseren Zeitungen täglich Nachrichten von solchen Entlassungen, so daß die Zahl der Betroffenen schon eine sehr beträchtliche sein muß. — Es ist in den letzten Jahren auch nicht ein einziger Prozeß vorgekommen, in welchen Juden in der Eigenschaft als Amtsschreiber wegen Vergehen angeklagt waren. Daß hingegen solche Fälle bei den christlichen Beamten sich häufen, ist fast zu aller Zeit aus der Tagespresse zu ersehen. — Bei dieser Gelegenheit wollen wir noch die Bemerkung hinzufügen, daß es scheint, als ob der neue Justizminister auch keine Deutschen, d. h. Lutheraner dulden mag. Als er kürzlich in Kalisch war und ihm die Beamten seines Ressorts vorgestellt wurden, und er darunter auch einen deutschen Namen „Fischer" hörte, der ein hoher Beamter ist, gab er, nachdem er erfahren, dciß der Inhaber desselben ein Lutheraner sei, die Ordre, ihn von seinem Posten zu entfernen, was auch sofort geschah. Gleiche Fälle ereigneten sich in Kijew, Odessa, Warschau und in noch mehreren Städten, wo auf Veranlassung des Justizministers deutsche Beamte, ebenso wie jüdische von ihren Posten entfernt wurden. — Vom Fiscus wird gegen die jüdische Gemeinde zu Kalisch ein Prozeß gesührt, wonach diese 86,000 Rubel zu zahlen hätte. Diese Klage stützt sich auf eine alte Anordnung, der zufolge die dortige Judenschaft für den ihr daselbst gewährten Aufenthalt im vorigen Jahrhunderte verpstichtet war, dem hiesigen Kloster eine Steuer von Tausend Rubel jährlich zu entrichten. Diese Steuer soll seit 1800 nicht von der jüdischen Gemeinde eingefordert worden sein. Jetzt, bei der Uebernahme der Verwaltung jenes Klosters durch die Staatsbehörde, wurde dieses alte Gesetz ausfindig gemacht und für die Zukunft als geltend ins Leben gerufen, worauf die Nachzahlung seit jener Zeit und die fernere alljährliche Bezahlung von je 1000 Rubel von der Judenschaft verlangt wird. Diese Klage wurde auf Veranlassung der jüd. Gemeinde dem Tribunalgericht für Civilsachen zur Entscheidung übergeben. — Solche Abgabegesetze existirten unseres Wissens in alter Zeit in mehreren Städten Polens, in denen sich ein Kloster befand, die Steuer wurde aber längst nicht mehr von den Juden verlangt. Das Beispiel in Kalisch wird zweifellos, wie die Erfahrung bei uns zu Lande lehrt, bald von den übrigen Städten nachgeahmt werden. — Der „Hamelitz" meldet, daß 8 jüdische Candidaten der Jurisprudenz, welche bereits das gesetzliche Studium im vorigen Sommer absolvirt haben, auf ihre Bitte, als geschworene Rechtsanwälte fnngiren zu dürfen, abschlägigen Bescheid erhielten, da über die eben in Verhandlung befindliche Frage: „ob die Inden als geschworene Advokaten ohne beschränkenden Prozentsatz unter ihren christlichen Collegen zu fungiren gestattet sei", noch nichts entschieden sei. Moses Feinkind. Kischineff, im Nov. Ein Gedanke, der in sich eine Nothwendigkeit birgt, findet nach und nach einen Eingang in alle Geister. Daß nach dem Wegfall der jüdischen Schulen Lehranstalten für den jüdische Theologie gegründet werden mußten, ist jetzt auch den Karaiten einleuchtend geworden. Einer ihrer Chachams hat eine Reise nach allen den Orten in Rußland übernommen, wo Karaiten wohnen, um Gelder zur Errichtung einer karaitischen Lehranstalt zu sammeln. Die Opferwilligkeit erweist sich auch hierfür. Am hiesigen Platze, wo nur zehn karaitische Familien ansässig sind, wurden dem Chacham zu obigem Zwecke 1500 Rubel zn Theil. Großbritannien. London, im November. Die „Köln. Ztg." bringt jetzt „Londoner Briefe". Im achten derselben spricht der Corresp. über die Socialisten- und Anarchisten-Clubs. Er hebt hier einen Club in Bernerstreet hervor, der höchstens 100—150 Mitglieder zählt, von denen kaum 40—50 ständige Besucher sind. Die Mitglieder dieses Clubs sind ohne Ausnahme Juden, und die Anarchisten sprechen deshalb von ihm nur als vom „Judenclub". Der Hauptbestandtheil des russischen und polnischen Proletariats im Ostend Londons besteht aus eingewanderten Juden, von denen vielleicht einige schon in der Heimath nihilistische Ansichten gehabt, die große Mehrzahl aber ist hier erst dafür gewonnen worden. Das Charakteristische ist aber, daß dieser Club unter den Londoner Revolutionären eine ganz vereinzelte Stellung einnimmt und mit diesen in gar keiner Verbindung steht. Dies ist ein sehr bemerkenswerter Zug, der nicht sehr für ausgesprochene 50*