Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 50 (7.12.1886)
- Date
- 1886-12-07
- Page
- Seite 793 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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793 ständen doch auch zwischen Katholiken und Protestanten. Ja, wenn sie nur der Mission Gehör geben wollten! . . . Die Rede des vr. Beumer hielt sich ebenso in gemäßigtem Tone. Er charakterisirte den Antisemitismus als einen Auswuchs der Zeit und der Parteisucht und widerlegte mehrere der Behauptungen Stöcker's, theils, indem er nachwies, daß sie Juden gar nicht träfen, theils, daß sie ebenso gut von den Christen gelten könnten. Die Resolution wurde von der Bürgerversammlung fast einstimmig angenommen, denn bei der Gegenprobe erhob sich kaum ein Dutzend Hände dagegen. Sie lautet: „Die heutige im Borckman naschen Saale tagende Wittener Bürgerversammlung spricht ihre Entrüstung über die Art und Weise der Agitation der hiesigen Antisemiten aus und befürchtet von einer Fortsetzung derselben die Störung des Fliedens in der Bürgerschaft." Hoffen wir, daß dieser Beschluß auch seine Wirkung haben werde, so daß sich mehr Entschiedenheit gegen die Aufführung der Antisemiten bethätige. — Das „Wittener Tageblatt" brachte nach stenographischen Aufzeichnungen einen sehr ausführlichen Bericht über beide Versammlungen und hob die Schwächen des Stöckerschen Vortrages recht nachdrücklich hervor. Oesterreich-Ungarn. Wien, 18 November. Dem anlisemitischen Kaufmann Franz Aumann in Münchengrätz in Böhmen wurde unter Androhung einer Ordnungsstrafe von fünf Gulden von der lichen jüdischen Lebens unter dem nivellirenden Einflüsse unsrer Zeit rasch verschwinde, und doch durch ihre Originalität und ihren tiefen psychologischen, sentimentalen und ethischen Gehalt der Nachwelt aufbewahrt zu werden verdiene. Dies war der Beweggrund und der belebende Charakterzug seiner Dichtungen. Er ward der Auerbach des Ghetto, und seine vielfachen Ghettogeschichten stellen sich würdig an Inhalt und Form den Dorfgeschichten Auerbach's zur Seite. Doch wir werden hierauf zurückkommen. Leopold Kompert war den 15. Mai 1822 zu Münchengrätz in Böhmen geboren, studirte in Prag und Wien Philosophie, war eine Zeit lang Hofmeister und wurde 1857 Beamter der Creditanstalt in Wien. Seine erste novellistische Arbeit „Der Schnorrer, aus dem böhmisch-jüdischen Leben" erschien 1846 in Frankens „Sonntagsblatt" (Nr. 7) und 1848 die Novellensammlungen „Geschichten aus dem Ghetto". Für die jüdische Gemeinde war er in mehrfachen Aemtern wirksam, besonders was den Religionsunterricht betrifft. Außerdem entfaltete er eine große Thätigkeit für den Schillerverein, in welchem er viele Jahre hindurch Ehrenämter bekleidete. Sein Tod findet eine allgemeine schmerzliche Theilnahme. Wien, 25. November. (Privatmitth.) rbm yo: vrn. Nun ist auch Leopold Kompert, mit dem ich fast 40 Jahre j befreundet war, ins Grab gesunken. Doch es handelt sich nicht darum, was der Verstorbene mir war; aber welche große Verdienste hat er um Inden und Judenthum! Hat er sie doch mit den Lichtstrahlen der Poesie verklärt, und wir Bezirkshauptmannschaft die Entfernung seiner Firmatafel mit! übertreiben nicht, wenn wir sagen, daß überall auf dem der Aufschrift „Christliches Tuchgeschäft des Franz Aumann" ganzen Erdenrunde, wo Juden wohnen, die seine Werke aufgetragen, weil die Bezeichnung „christlich" mit der Art kennen, und die meisten derselben wurden in mehrere Spra- und Weise des Geschäftsbetriebes in keinem Zusammenhänge steht und somit dem § 44 der Gewerbe-Novelle vom 15. März 1883 (äußere Bezeichnung der Betriebsstätte) nicht enspreche. Franz Aumann wandte sich gegen diese Verfügung an die Statthalterei und das Ministerium des Innern, wurde jedoch chen übersetzt, die Kunde von dem Hinscheiden dieses Mannes Trauer und Theilnahme erwecken wird. Er war auch ein ausgezeichneter Mensch und könnte man von ihm sagen psn njp. Ich stand mit ihm, wie bereits bemerkt, fast 40 Jahre in vertrautem Berkehre und habe nie von in beiden Instanzen abgewiesen und führte nunmehr Be-! ihm ein hartes oder gar böses Wort über Jemanden gehört, schwerde beim Verwaltungs-Gerichtshofe, worüber heute die Bekümmert fragt man sich beim Hinscheideu derartiger Män- Verhandlung stattfand. Obgleich der Vertreter der Regie-! ner, wo ist der Nachwuchs? wer wird sie ersetzen? — Die rung den aufreizenden Charakter der Firmeutafel betonte, j Todesnachricht erweckte Theilnahme in der ganzen Residenz hat der Verwaltungs-Gerichtshof die angefochtene Ministerial- Entfcheidung doch als nicht im Gesetze begründet aufgehoben. Wien, 24. November. (Privatmitth.) Nicht blos die hiesige Gemeinde, sondern das ganze Judenthum hat abermals einen schweren Berlust durch den Tod einer verdienstvollen und seit langer Zeit autoritativen Persönlichkeit erlitten. Gestern Vormittag verschied an einem Herzleiden Leopold Kompert. Wer kennt nicht seine Bedeutung als Dichter auf einem Gebiete, das er mit so großer Begabung und mit so reichem Erfolge bearbeitet hat. Kompert ging von dem Gedanken aus, daß die eigenthümliche Gestaltung des inner¬ und das Leichenbegängniß war ein großartiges. Der Bürgermeister ließ im Namen der Stadt einen Kranz auf den Sarg legen (Kompert war nämlich einige Jahre Gemeinderath und war der Verfasser der Adresse des Gemeinderathes an das Kaiserpaar bei Gelegenheit der silbernen Hochzeitsfeier), überdies richtete der Bürgermeister ein Beileidsschreiben an die Wittwe. Am Grabe sprachen Herr Prediger I)n. Jellinek, Schembera, Präsident der „Concordia" und Hofrath v. Weilen im Namen der Zweigstiftung des Schillervereins, dessen Präsident Kompert war. — Die kaiserliche Wiener Zeitung brachte dieser Tage 50