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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-12-07 · Heft 50 (7.12.1886) · p. Seite 792

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 50 (7.12.1886)
Date
1886-12-07
Page
Seite 792 (sequence 8)
Language
German
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792 und der Jahresertrag belief sich auf 27,518 M., wovon 9,321 M. verausgabt wurden. Kassel, 24. November. (Franks. Z.) Bei einer gestern und vorgestern stattgehabten Verhandlung der Strafkammer des hiesigen Landgerichts stellte es sich heraus, daß der vor etwa Jahresfrist verstorbene Redacteur Hennies, ein früherer Gutsbesitzer, den ganzen Rest seines Vermögens, M. 24,000, in ein Pfandleihgeschäft gesteckt hatte, um einen Zinsengenuß von 10—12 pCt. (nach einem Kasseler Blatte bis zu 20p Ct.) zu erzielen. Freilich kam die Sache anders und Hennies verlor sein ganzes Geld. Dieser Mann kam 1880—81 hierher und vertrat journalistisch die Idee, daß den Bauern vom Staate Geld für 3 pCt. geschafft werden müsse, um sie aus den Klauen des jüdischen Kapitals zu befreien. Für auf Bauerngüter dem Staate zu verpfändende Hypotheken sollte Papiergeld emittirt werden, um die nöthigen Mittel für die Darlehen zu beschaffen. — Hennies gründete zur Fructificirung seiner Schrulle ein Wochenblatt, das er „Geldmonopol" nannte. — Mit einem wahren Fanatismus trat er in diesem, durch Colporteure in den Straßen vertriebenem Schmutzblatt gegen den Zinswucher und die Juden auf; — die oben angeführten Thatsachen beweisen, daß er innerlich eine ganz andere Meinung von hohen Zinsen hatte. Hennies, der bei den Antisemiten Anfangs gute Freunde gefunden, entzweite sich mit denselben später, wohl hauptsächlich deshalb, weil diese edlen Seelen das Geschäft, das Hennies mit dem „Geldnionopol" machte, selbst schlucken wollten. Sie gründeten deshalb das „Reichsgeldmonopol". Der Titel dieses Blattes ist, wie man sieht, eigentlich das geistige Eigenthum des Hennies und dieser hat oft in seinem Blatte darüber geklagt, wie seine guten Freunde ihn behandelt hätten. Es ist hier wieder einmal der Beweis dafür geliefert, welche Brüder die Antisemiten sind! Witten, 24. Nov. (Privatmitth.) Unsere Stadt gehört zu den Orten in Deutschland, in welchen ein Theil der Bevölkerung vom Antisemitismus am meisten Feuer gefangen- Er ist hier auf eine Stufe herabgesunken, welche zu den niedrigsten gehört, und kaüm kann ein Jude die Straße passiren, ohne verhöhnt zu werden. Um das Maß voll zu machen, besonders aber, um in der Bürgerschaft zu den nächsten Wahlen für die antisemitischconservative Partei Propaganda zu machen, hat man den Hofprediger Stöcker eingeladen, auf der Rundreise, die er jetzt durch Cassel, Essen und Siegen macht, auch hier einen Vortrag zu halten, natürlich über die „Judensrage". An der Spitze steht der Superintendent vr. König, der auch ein antisemitisches Blatt herausgiebt, so daß wir zwei dieser Sorte hier haben. Allerdings trifft diese Partei auf starken Widerspruch in dem größeren Theile der Bürgerschaft, die bis jetzt stets nationalliberal gewählt hat. Von beiden Seiten hat es in der Presse heftige Auseinandersetzungen gegeben. Denn im Gegensatz zu jenen Blättern steht das „Wittener Tageblatt" auf der Seite des Liberalismus fest und entschieden. Als daher bekannt wurde, daß Stöcker am 18. November einen Vortrag halten werde gegen Eintrittsgeld von 30 Pf., erließ ein Comits eine kräftige Erklärung und lud zu einer Versammlung ein — ohne Eintrittsgeld — auf den 21., in welcher der Bortrag Stöcker's besprochen werden sollte. An der Spitze dieses Comitö's stand der Bergrath Erdmann, und vr. Beumer wollte einen Vortrag gegen den Antisemitismus halten. Beide Versammlungen haben stattgefunden und zwar unter sehr zahlreichem Zuspruch. Im Ganzen verliefen sie ruhig, und der in beiden anfangs sich verlautbarende Widerspruch verlor sich im Verlaufe derselben. Die Erwartungen, die sich die Antisemiten von Stöcker's Erscheinen gemacht hatten, gingen nicht in Erfüllung; vielmehr bildete sich der Gegensatz in der Bürgerschaft nur stärker aus, wie man aus der zum Schluffe der Versammlung angenommenen Resolution ersehen kann. Stöcker sprach ruhig, brachte nichts als die alten, so oft wiederholten, ebenso oft widerlegten Anschuldigungen gegen die Juden vor, von denen außerhalb Wittens Notiz zu nehmen kaum der Mühe werth ist. Das Neue war, daß er von vornherein verhieß, die „Judenfrage" nur vom Standpunkt des Neuen Testaments behandeln zu wollen, aber, wie auch das Wittener Tageblatt bemerkt, kein Wort vom Neuen Testament vorbrachte, außer dem kleinen Citat: „Du kannst nicht zweien Herren dienen", von dem man doch nicht behaupten kann, daß es bloß auf die Juden passe. Er hat also das Versprechen, das er gegeben, nicht gehalten; eher citirte er das alte Testament gegen die Juden, sprach aber so oberflächlich über dasselbe, wie man es einem geschulten Theologe» kam zutrauen sollte. Denn er fand an ihm nur zu loben, daß es auch die Sünden der Männer, die es verherrlicht, berichtet. Mit derselben Unkenntniß sprach er von den „Reformjuden", die, wie er ihnen vorwarf, noch gar nicht gesagt hätten, woran sie denn glaubten. Von der umfassenden modernen jüdischen Literatur hat er also keine Ahnung. Wir nehmen ihm dies als protestantischen Geistlichen, der die wissenschaftliche Theologie nicht leiden mag, gar nicht übel — aber dann sollte er auch nicht darüber sprechen. Nun, Stöcker spricht auch über andere Gegenstände, die er nicht versteht, z. B. national-öconomische und sociale. Auf die Frage, wie denn seiner Sache zu helfen sei? hatte er keine Antwort; er war selbst zweifelhaft, ob durch die Gesetzgebung oder die Verwaltung die Juden einzufchränken wären; denn es lief ihm nur darauf hinaus, daß die Juden keine Richter, Lehrer und Professoren werden sollten. Weil noch viele Juden den Sabbath, die Speisegesetze halten, und abgesonderte Friedhöfe haben, seien sie keine Deutsche — worauf ihm erwidert wurde, ähnliche religiöse Verschiedenheiten be-

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