Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 50 (7.12.1886)
- Date
- 1886-12-07
- Page
- Seite 790 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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790 Religionsphilvsvphie den Gedankenschatz des Judenthums zu heben und mit der aristotelischen Philosophie und mohammedanischen Religionsphilosophie sich auseinanderzusetzen und auszugleichen strebte, wo andrerseits die Kabbala die Ideen von Gott, Geist und Welt in phantastische Formen zu kleiden und die Räthsel des Uebersinnlichen in räthselhaften Figuren darzustellen suchte. Aber diese hochidealen Arbeiten des jüdischen Geistes wurden durch den ungeheuerlichen Druck, der jetzt auf die Juden gelegt ward, durch die Verbannung gerade aus den Ländern, wo der arabische Geist sich zu so reicher Blüthe entfaltete und der jüdische mit ihm wetteiferte, durch die Flucht von einer Heimstätte zur anderen, unterbrochen, abgeschnitten, erdrückt. Die Juden waren überall nur auf die realistischste aller Sorgen, auf die Erhaltung ihrer Existenz von Tag zu Tag angewiesen, ausgeschlossen vom allgemeinen Leben, unberührt von der Entwickelung der europäischen Völker. Dennoch blieb in dem jüdischen Stamme auch zu dieser Zeit des sterilsten Realismus der Grundzug des Idealismus in seinem Wesen durch eine hohe Idee lebendig, die, das ihm überlieferte Erbgut an Religion, Schriftthum und geheiligter Sitte zu bewahren, von Geschlecht auf Geschlecht zu überliefern. Keine Verlockung, durch Abtrünnigkeit alle realistischen Güter zu gewinnen, keine Bedrückung und Mißhandlung vermochten ihn von dieser Idee zu trennen, die ihn, wenn auch in voller Einseitigkeit, geistig erhob und belebte. Da kam in der Mitte des vorigen Jahrhunderts der Tag der Auferstehung. Die Stunde neuer Entwickelung hatte geschlagen; das allgemeine Culturleben eröffnete sich ihm, und mit ungeahnter frischer Kraft drang er in dasselbe ein. Von da ab begann eine neue Periode des Idealismus für die durch alle Länder zerstreuten Juden. Welche waren diese Ideen, die sie seitdem und noch heute erfüllen und beherrschen? Vor Allem, sich die Cultur der Völker, unter welchen sie wohnen, anzueignen, an Bildung und Gesittung, an Wissen und Können das Niveau derselben zu erreichen, im geistigen Leben und in der äußeren Erscheinung sich ihnen gleich zu stellen. Alsdann: die Befreiung von den Fesseln, die man ihnen angelegt, die gleichen Rechte und Pflichten mit allen anderen Staatsbürgern und den freien Raum zu erlangen, um an jeder sozialen und politischen, patriotischen und nationalen Arbeit Theil zu nehmen, Alles daran zu setzen und Alles zu leisten, was in dieser Stellung vom Bürger beansprucht wird. Endlich: das Judenthum von allem Veralteten und Mißbräuchlichen, das im Laufe der Zeit, besonders des Mittelalters, sich ihm angeheftet, allmählich zu befreien, den Lehr- und Gedankeninhalt desselben, seine Geschichte und Literatur wissenschaftlich zu bearbeiten und in populärer Fassung der Masse der Bekenner zum Bewußtsein zu bringen und durch die Verallgemeinerung dem Judenthume die Stellung zu erobern, die ihm im weltgeschichtlichen Rahmen gebührt, den Gottesdienst dem Bedürfniß der Zeit anzupassen, ihn weihevoll, erbauend und belehrend zu machen, den religiösen Unterricht neu zu gestalten und fruchtbar zu machen, endlich die Gemeinde, ihre Institute und namentlich die Wohlthätigkeitsanstalten zu reorganisiren. Wir glauben, Freund und Feind muß gleicher Weise zugestehen, daß diese Ideen, diese Tendenzen und Bestrebungen in dem ganzen angegebenen Zeitraum von den Juden zu angestrengt erstrebter Ausführung gelangt sind und gelangen. Wer aber dieses zugiebt, und die Beweise dafür liegen in Wort, Schrift und That offen zu Tage, wie könnte der noch behaupten, daß die Juden vom Realismus geleitet und regiert, daß sie nur von realistischen Zwecken erfüllt und des Idealismus bar seien? Vielleicht sind sie gerade int Ganzen der Theil unter den Völkern, der gegenwärtig neben seinem Antheil am Allgemeinwesen den größten Antheil von Idealismus inne hat, weil sie eben genöthigt sind, für die oben gezeichneten Ideen alle ihre Kraft einzusetzen! Wer nach Wahrheit verlangt und die Lüge verabscheut, der wird jenen Vorwurf, von dem wir ausgegangen, als eine der Verleumdungen erkennen, die jetzt wieder in so reichem Maße über uns ausgegossen werden. snac fow. Deutschland. Bonn, 29. Nov. Soeben wird uns die Nummer der sinnige Partei geschrieben. Wir sagten, daß gegenwärtig in Deutschland alle Parteien, die freisinnige nicht ausgenommen, keinen Juden zum Candidaten für den Reichstag aufstellen, „Freisinnigen Zeitung" vom 24. Nov. zugeschickt, in welcher außer den Socialdemokraten — das ist Alles, und dies soll dieses Blatt sich zur Wiedergabe eines Artikels hat miß-! eine „Hetze gegen die Freisinnigen" sein? — Zweite Unbrauchen lassen, der von Unwahrheiten strotzt. Erste Unwahrheit: wir hätten eine Hetze gegen die freisinnige Partei einzuleiten versucht. Wir haben niemals gegen die frei¬ Wahrheit: unsere Expedition hätte Artikel gegen die Freisinnigen versandt — unsere Expedition hat noch niemals Artikel versandt, und diesmal gewiß nicht, da wir keine