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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-12-07 · Heft 50 (7.12.1886) · p. Seite 789

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 50 (7.12.1886)
Date
1886-12-07
Page
Seite 789 (sequence 5)
Language
German
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789 Schild, der durch die sorgfältige Beobachtung des Wirklichen und die Erforschung der Gestaltung des Wirklichen den Geist vielfach in Anspruch nimmt und wenn dessen Darstellung gelingt und seine Förderung sichtbar wird, mancherlei Befriedigung erzielt. Ob man lange hierbei stehen bleiben und den Sieg des Realismus aufrecht erhalten werde, ist sehr zweifelhaft, und es sind bereits Symptome genug vorhanden, daß man sich wieder nach Idealem umschaut. Doch was ist denn eigentlich Realismus und Idealismus? Diese Frage drängt sich auf. Gehen wir auf die Wurzeln, so kommt Idealismus von idea, welches bei Cicero Idee, bei Seneca schon Ideal, Vorbild, Muster bedeutet, Realismus von res, Sache; dieser bezeichnet also die Auffassung und das Festhalten des Sachlichen, jener das Ergreifen und Ausfuhren der Idee. Noch weiter kommen wir, wenn wir das deutsche Wort für das Reale, die Wirklichkeit in's Auge fassen. Dann ist Realismus das Begreifen der Wirkung aus bestimmter Ursache, die Betrachtung des Wirklichen, wie es aus seiner Ursache hervorgcgangen, sich gestaltet hat, beschaffen ist, und wie die Wirkung wieder die Ursache zu einer weiteren, aus ihr folgenden Wirkung werde — während der Idealismus die Idee, den Gedanken aufzufinden sucht, der in Ursache und Wirkung enthalten ist, sich darin verkörpert, also den Zweck, den Ursache und Wirkung gehabt und verfolgt, und den er in der weiteren Reihe von Wirkungen auszuführen sucht. Man sieht leicht ein, daß die verschiedenen Menschen zu diesen beiden Tendenzen verschieden geneigt sein werden, indem die einen sich nur mit der Beschaffenheit der Wirkung, die anderen mit einem Zwecke, der in den Wirkungen verfolgt werden soll, zu schaffen machen. Nicht minder wird es ersichtlich, daß beide Geistesrichtungen sich in verschiedenen Zeiten vorzugsweise geltend machen werden. Deshalb kann der ernsthaft prüfende Beobachter in der Geschichte der civilisirten Welt die wechselnde Herrschaft der beiden Richtungen und den Kampf derselben mit einander, erkennen, und hieraus wird ihm die Signatur der verschiedenen Epochen deutlich werden. Wenn der Idealismus eine Nation in ihrer Entfaltung durchdrungen hat, wird er immer allmählich oder durch ein großes Ereigniß Plötzlich in den Realismus übergehen. Dann aber, da der menschliche Geist in der Beschäftigung mit der Sache keine schließlich« Befriedigung findet, wird sich immer wieder das Verlangen nach der Idee, nach ideellen Schöpfungen bei ihm einstellen, und so abermals über den Realismus hinauswachsen. Dies bewährt sich auch in unserer Zeit, denn schon wird man des Realismus, und ganz besonders durch die Ausschreitungen desselben überdrüssig und sehnt sich nach frischem und energischem Idealismus zurück. Der Mangel des Idealen wird bereits wieder zu gegenseitigem Vorwurf. Prüfen wir nun, wenn s j auch nur in großen Zügen, die Geschichte des Judenthums und der Juden auf die uns beschäftigende Frage hin: so erkennen wir in dem mosaischen Werke, also in dem Fundamente jener, eine Vermischung, Vermittelung oder Vereinbarung des Idealismus und des Realismus. Ideal sind die Grundzüge der Lehre: die Einheit Gottes, die Weltschöpfung» die Vorsehung, die Vergeltung, die Einheit des Menschengeschlechtes in seinem Ursprung, die Heiligung des Menschen in der religiösen Erkenntniß und Sittlichkeit, in der Nächsteuliebe, der Gerechtigkeit, der persönlichen Freiheit und Gleichberechtigung. Alles dieses Ideale wird aber im Gesetze realistisch gefaßt, in bestimmten bis ins Spezielle reichenden Vorschriften völlig konkret, als Ursache in den unmittelbaren Wirkungen auf das Wohl des Menschen und des Volkes verstanden. Aus dieser Wurzel entwickelten sich nun beide Richtungen in dem jüdischen Stamme neben und nach einander. In seiner ersten Periode stand das Volk noch auf zu niedriger Kulturstufe, um anders als einfach realistisch zu sein, und faßte die Ideen der Lehre viel zu wenig, um sie nicht oft zu verlassen, und in Folge dessen auch das Gesetz nicht zu üben, so weit es sich nicht bereits als Sitte in das Volk eingelebt hatte. In der Entwickelung sehen wir deshalb den Idealismus vermittelst des Prophetenthums als Gegenströmung in die Volksseele ein- und sie durchdringen, und so in der Poesie, in der Spruchrede und in der philosophischen Discussion zu schönen Blüthen ersprießen. Propheten- und Sängerthum haben es vorzugsweise mit den Ideen und dem Ideale zu thun, die sie schließlich in einer Zukunft des allgemeinen Friedens, der Liebe und Gerechtigkeit für alle Nationen der Erde anschauen, ohne sich viel mit dem realistischen Gesetze zu beschäftigen. Wir sehen dann im weiteren Verlaufe der Geschichte diesen Idealismus, nachdem er seine geistige Wirksamkeit auf das Volk geübt hat, ohne ihm einen befriedigenden Zustand schaffen und eine zweifellose Dauerhaftigkeit verheißen zu können, in einen Realismus übergehen, der lange Zeiten die geistige Thätigkeit des jüdischen Stammes einnehmen und besonders eine realistische Gestaltung seines Lebens zur Gegenwehr und zum Schutze in der Zerstreuung schaffen sollte. In den Anfängen des talmudischen Lebens gewahren wir noch in den Pirke Aboth die Ausläufe des Idealismus, die sich auch noch in mannigfacher Gestalt, aber mit realistischer Durchsetzung, im Midrasch geltend machen. Bald aber überholte sie der Realismus, wie er in der Durcharbeitung des Gesetzes, in der casuistischen Gestaltung desselben, in der juridischen Fassung sich als Allcinherrscher dokumentirte. So groß aber auch seine Gewalt, so umfassend seine Wallung war, es kam immer wieder die Zeit, wo der Idealismus den Damm durchbrach und in breiten Strömungen die Fläche des Realismus überfluthete. So im elften und zwölften Jahrhundert,, wo einerseits die

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