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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-12-07 · Heft 50 (7.12.1886) · p. Seite 788

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 50 (7.12.1886)
Date
1886-12-07
Page
Seite 788 (sequence 4)
Language
German
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788 sie zu einem Schleuderpreise; Hausirer soll er nun auch nicht sein und Abgeordneter werden kann ja auch nicht jeder. Es ist also sehr die Frage, was die Herren mit der Lösung der Judenfrage meinen, was sie mit den Juden anzufangen beabsichtigen, so lange selbst die türkische Regierung eine Einwanderung nach Palästina nur in beschränktem Maße zulassen will. Vielleicht läßt sich Herr vr. Pattai noch nachträglich in die Delegation wählen, welche über die auswärtigen Fragen der Monarchie zu urtheilen hat; er könnte dann vielleicht durchsetzen, daß Oesterreich der Türkei wieder ihre vollen Souveränitätsrechte über Bulgarien einräumen soll, ihr Bosnien und die Herzegowina zurückgiebt, um von ihr die Abtretung von Palästina zu Zwecken der Colonisation für die Juden zu verlangen, möglicherweise regen ihn diese Zeilen zu der Unternehmung an. Bonn, 22. Nov. Idealismus und Realismus. Man hat in der letzten Zeit, und zwar nicht blos von ausgesprochen antisemitischer Seite, den Juden den Vorwurf gemacht: sie seien durchweg realistisch und entbehrten alles Idealen. Es scheint demnach nicht unangemessen, diese Sache etwas näher zu beleuchten. — Der Vorwurf erscheint um so eigeuthümlicher, als bekanntlich der Gegenwart die realistische Tendenz ganz besonders einwohnt und man überall der Forderung begegnet, realistisch zu sein, in der Wissenschaft, in der Kunst, in der Politik, im Leben. In der Wissenschaft soll durchaus die induktive Methode, das Experiment, das was man sehen und wägen kann, allein gelten und von der Philosophie will man nichts wissen. Die plastischen Künste sollen sich nur die Wirklichkeit, die wirklichen Gestalten und Situationen zum Vorwurf nehmen und zur Darstellung bringen und von jeder Jdealisirung abstehen. Selbst die Poesie soll sich nur auf Schilderungen realer Zustände und von Personen, wie sie wirklich sind, beschränken, und man geht, namentlich in Frankreich, so weit, daß man lieber das Häßliche und Gemeine ausmalt, als das Schöne und Ideale. Die Politik soll eine Realpolitik sein, d. h. stets nur die wirklichen Verhältnisse und Umstände ins Auge fassen und sich jedes ideellen Strebcns, jedes Blickes in die Zukunft und jedes Strebens für diese enthalten. Im Leben endlich könnten die Menschen nur reussiren, wenn sie sich an die realen Dinge halten und auf diese ihr Streben und Mühen richten. Alles Ideale, alles nur in der Idee Lebende und einer Idee sich Hingebcndc, sagt man, verwirre nur die Menschen, lasse die Dinge in einem falschen Reflex erscheinen und bewirke nur Unheil, Enttäuschung und um so mehr Unzufiicdenheit. Wäre dieses Alles richtig, so müßte der Vorwurf des vorwiegenden Realismus den Juden garnicht zum Tadel gereichen, sondern sie als zeitgemäße Naturen bezeichnen. Allein, was man an Anderen lobt, soll bei den Juden tadelhaft sein. Dies ist die alte Regel. Der Jude kann es niemals und Niemandem Recht thun. Aber die Dinge liegen doch anders. Napoleon I. war nicht der Erste und nicht der Letzte, der auf die Ideologen schimpfte, sie zu hassen und zu vermeiden vorgab und doch selbst nichts Anderes als Ideologe war. Ihn beherrschte die Idee, die durch die reale Geschichte so oft zu Schanden gemachte Idee der Universalherrschaft, einer grenzenlosen Macht, und an dieser Idee scheiterte sein Genie und seine Thatkraft. Als Ideologe zeigte er sich, als er nach Egypten ging, um von da das englische Reich in Indien zu zerstören. Als Ideologe zog er nach Moskau, um von da aus den englischen Handel durch die Vervollständigung der Continentalsperre zu zerstören. Wir glauben, daß wenn man die sog. Realpolitik jedes großen Staatsmannes in ihrer Ganzheit gründlich prüft, man auf bestimmte Ideen stoßen werde, von denen sie sich leiten ließen, ans welche ihr ganzes Streben hinauslief. Doch, kommen wir aus allem Dem zu einer klareren Anschauung. Seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts bis zur Mitte des jetzigen hatte der Idealismus die Obherrschaft in allen Geistern. Es hatten sich für alle Zweige der menschlichen Thätigkeit bestimmte Ideen herausgerungen, welche man in allen Schöpfungen, Bestrebungen und Arbeiten zu entwickeln, auszuführen und zu verwirklichen bedacht war. Hierfür war man begeistert und suchte den Enthusiasmus in den Menschen, ja in den Massen zu wecken. Dies gab den Maßstab für alle Beurtheilung in Wissen, Kunst und Leben ab, und nach dem idealen Werthe fand man das Rühmenswerthe und das Verwerfliche heraus. Nun ist es wahr, daß der Idealismus leicht über die Grenzen dessen hinausführt, was in der Menschenwelt möglich ist, und schließlich zu einem Abstande zwischen dem Ideal und der Wirklichkeit bringt, der der große» Mehrzahl der Menschen wie eine bittere Enttäuschung, wie eine Nichterfüllung des Verheißenen fühlbar wird. Dazu kommt, daß der Menschengeist so geartet ist, daß er dessen, was er lange Zeit gehegt, überdrüssig wird nud das Verlangen nach einer anderen Befriedigung, nach einer anderen Auffassung und Gedankenreihe aufkommt. So geschah es, daß nach der großen Bewegung in den vierziger Jahren und der Erschütterung am Schlüsse derselben, der Idealismus in Verruf kam und man sich willig in das gerade Gegentheil warf. Der Materialismus kam in die Höhe und die materiellen Interessen traten in den Vordergrund. Aber die materialistische Anschauung ist an und in sich leer und verbreitet einen Modergeruch um sich. Selbst das Gelingen der materialistischen Interessen befriedigt nur kurze Zeit und läßt den Geist kalt und unbeschäftigt. Man ging wieder einen Schritt vorwärts und hob den Realismus auf den

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