Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 50 (7.12.1886)
- Date
- 1886-12-07
- Page
- Seite 787 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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787 befriedigen. Der Hauptgrund ist also wohl zunächst darin zu suchen, daß wir Juden loyale Bürger sind, und man von uns nicht, wie von den Socialisten, Dynamit-Attentate zu befürchten hat, und ferner der, daß wir, um mit dem alten Darschan zu sprechen, einem Tiegel gleichen, denn der Tiegel hat nur einen Annehmer (Handhabe), und wir Juden haben auch nur einen Annehmer (Gott als Helfer). Der Antisemitismus hat vorläufig mit sich selber zu thun und konnte es daher in diesem Parlamente noch zu keiner eigentlichen Aeußerung bringen; die Herren sind vorläufig damit beschäftigt, einer von dem andern zu beweisen, daß er noch schlimmer sei als zehn Juden, hingegen bot ihnen der ungarische Ausgleich bei Artikel 15 über das Hausirgesetz doch Gelegenheit, ein Lebenszeichen von sich zu geben. Herr Prof. Fiegl und vr. Pattai finden, daß die Geltung eines Hausirpatentes für den ganzen Bereich der Monarchie dazu beitragen muß, Oesterreich mit ungarischen und galizischen Juden zu überschwemmen. Zunächst sei hier bemerkt, daß ich mich über die rein national-öconomische Frage, ob der Hausirhandel überhaupt gefördert werden soll, nicht auslassen will, obwohl es leicht wäre, zu beweisen, daß, wenn man diesen Vorkämpfern für das Hausirverbot, denen es nur darauf ankommt, in den Versammlungen ihrer Wähler darauf hinzudeuten, daß sie im Parlamente vergeblich gegen die Verjudung der Welt angekämpft haben, nachgäbe, sicherlich aus ihren eigenen Kreisen sich Stimmen erheben würden, welche im Interesse der Industrie um die Wiedereinführung des Hausirwesens petitioniren würden. Sicher ist nur, daß unter den Hausirern, welche die ganze Monarchie durchziehen, die wenigsten Juden anzutreffen sind, denn diese sind entweder mit dem Vertriebe von Kurzwaaren in den Großstädten beschäftigt oder sie ziehen in ihrem Bezirke umher, um mit dem Pack Modewaaren auf dem Rücken kümmerlich ihr Brot zu erwerben. Dabei vergessen unsere Stürmer und Dränger ganz, daß der Jude sehr oft der Geprellte ist, indem er sein eigenes Geld bei dem Handel auf's Spiel setzt, und daß er nicht selten von betrunkenen Bauern den rohesten HohnWktragen muß, mitunter sogar sein Leben riskirt, wie mir beispielsweise Fälle bekannt sind, wo arme Hausirer von christlich - germanischen Bauern in Keller gelockt und um ihrer geringen Baarschaft willen ermordet wurden. Die Professionshausirer, Leute, die einen großen Theil des Jahres mit Leinen, Baumwollenwaaren, mit Glas, mit Holzschnitzereien, mit Bürsten, Teppichen u. s. w. die Welt durchziehen, sind durchwegs Slovaken, Südtiroler, Deutsche aus den Sudetengegenden, Italiener aus dem Küstenlande und ähnliche. Nur sehr wenig Juden giebt es, die mit Kurzwaaren die Märkte in der ganzen Monarchie besuchen, sollte man diesen ihren Erwerb schmälern, so müßte endlich wohl eine Maßregel getroffen werden, um überhaupt die Märkte zu verbieten oder mindestens deren Besuch zu bebeschränken. Wollte man den Juden, der in einer kleinen Provinzialstadt wohnt, verhindern, seine Kunden in den umliegenden Dörfern zu besuchen und ihnen seine Maaren anzubieten, müßte man folgerichtig auch dem ansässigen Kaufmanne verbieten, seinen Kunden Maaren ins Haus zu senden. So dürfte auch beispielsweise dann der Buchhändler neu erschienene Werke seinen Kunden nicht mehr zur Ansicht vorlegen. Sehr fraglich ist es ferner, ob es für die Industrie, welche kleine Modeartikel wie Hemdenknöpfe, Cravatten und Aehnliches erzeugt, nicht sehr nachtheilig wäre, wenn der Hausirer, der mit diesen Maaren in die Gast- und Kaffeehäuser geht, sie nicht colportiren würde und in die Lage käme, seine Kunden mit dieser oder jener kleinen Neuerung bekannt zu machen. Endlich scheint man es zu vergessen, daß das Hausirverbot nur im Interesse einer einzigen Classe von Bürgern, der ansässigen Krämer, erlassen würde und daß zu Gunsten dieser der ärmste Theil der Bevölkerung, der nichts sein eigen nennt, als sein in einem Kasten untergebrachtes Waarenlager und oft auch das nicht, einen Erwerbszweig haben muß, wenn er nicht der öffentlichen Wohlthätigkeit zur Last fallen soll. Wenn es unter den Juden mehr Hausirer von den beiden letzten Kategorien giebt als unter den Christen, so hat das einfach darin seinen Grund, daß der arme Jude als selbstständiger Arbeiter nie und als Fabrikarbeiter sehr selten Erwerb zu finden vermag. Over meinen etwa die Herren Fiegl und Pattai, daß die Besitzer großer Bauernhöfe einen Juden zur Arbeit aufnehmen würden, wenn er sich dazu erböte, weiß man nicht, daß ein Jude beispielsweise in Fiegl's Wahlvrt nicht einmal als Nachtwächter sein Brot finden könnte? Was soll dann der Jude werden? Die arme Bevölkeruugsclasse wird in der Regel das Kind den Beruf des Vaters ergreifen lassen. Der Handwerker kann ohne erhebliche Kosten seinen Sohn in seinem eigenen Handwerke so weit ausbilden, daß er sich sein Brot zu erwerben vermag. Der Jude ist früher nur selten Handwerker geworden, kann daher auch sein Kind nur wieder unter schweren Geldopfern ein Handwerk erlernen lassen und alle, welche die Handwerkervereine unter den Juden kennen, wissen, wie schwer es denselben wird, alle Petenten unterzubringen. Grundbesitz hat der Jude nicht, der Arme kann auch nicht so viel erwerben, um ein kleines Bauerngut sich anzuschaffen, zumal die sreiwerdenden Bauerngüter in den hochadeligen Herrn, welche dieselben zur Arrondirung ihrer Fideicommisse verwenden können, bessere Käufer finden. Den gelehrten Beruf soll ja der Jude nach Ansicht dieser Herren erst rechl nicht ergreifen, denn er vergiftet nur das öffentliche Leben; Handel soll er nicht treiben, denn er zieht die schmutzige Concurrenz groß; Industrieller soll er nicht werden, denn er erzeugt schlechte Waare und verkauft §o*