Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 49 (30.11.1886)
- Date
- 1886-11-30
- Page
- Seite 782 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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782 talsten Weise durch den Stock aufrecht erhalten. Bei der völligen Unwissenheit des Lehrers konnten die Schüler auch nichts profitiren. Es ist dies schon so oft geschildert worden, daß ich nicht weiter darauf einzugehen brauche. Gewiß ist, daß außer einer kleinen auserlesenen Schaar, für welche sich die Pforten der höheren Talmudschulen geöffnet, die große Masse der Juden, die natürlich vom profanen Unterricht keine Ahnung hatte, auch im jüdischen Wissen völlig vernachlässigt war. Wer dies weiß und in Betracht ziehtwird sich über die spätere Entwickelung nicht mehr verwundern. Sobald den jüdischen Eltern die Nothwendigkeit aufging, ihre Kinder in allen Zweigen des profanen Wissens unterrichten zu lassen, war es mit dem eigentlichen religiösen Unterrichte zu Ende, und da überhaupt für Knaben und Mädchen in religiöser Beziehung das Meiste im Hause und in der Synagoge erlernt wurde, mußte, als sich aus so vielen Häusern das religiöse Leben zurückzog und der Besuch des Gottesdienstes immer schwächer wurde, jener traurige Zustand sich entwickeln, der in religiöser Hinsicht von den zwanziger Jahren an bestand, erst in den dreißigern bekämpft zu werden anfing und noch jetzt mit aller Macht und nicht vollständigem Erfolge bekämpft werden muß. — Was aber die damaligen Juden auszeichnete, das war: die Gottesfurcht und das Familienleben. Die erstere beherrschte Alle und ganz und gar, und durch sie wurde das ganze Leben geregelt. Allerdings hatte diese Gottesfurcht etwas von dem, was man jetzt abergläubisch nennt. Man dachte sich Gott gar zu sehr mit der Strafruthe, die er bei jeder bewußten Verletzung auch der geringsten Satzung auf das Haupt des Schuldigen niederfallen lasse. Das Familienleben war musterhaft. Der Fehltritt eines Mädchens kam höchst selten vor und wurde mit allgemeiner Nichtachtung gebüßt; eine eheliche Untreue war unerhört; das Verhältniß zwischen Eltern und Kindern höchst rühmcnswerth. Man kann sagen, daß die Kinder noch werkthätiger gegen ihre Eltern waren, als diese gegen jene. Die Knaben wurden allzufrüh, gleich nach der Bar-Mizvah, dem wirklichen Leben zugeführt, von den ärmeren aus dem Elternhause entlassen mit reichen Segenssprüchen und geringem Zehrgeld. Die Söhne arbeiteten wenn cs Noth that, bis ins hohe Alter, um ihre Eltern zu erhalten, ihnen einen sorgenfreien Lebensabend zu verschaffen. Weniger fest waren die Bande zwischen den Geschwistern. Die große Mehrzahl der Juden hatte nur ein kärgliches Brod, und da hatte jeder für sich so viel zu sorgen, daß er wenig an seine Geschwister denken konnte. Auch kamen sie, wie eben angedeutet, zu früh auseinander. Mit dieser Gottesfurcht verband sich denn auch eine außerordentliche Loyalität. Der Fürst des Landes kam nicht weit hinter unserem Herrgott. Es ist wirklich erstaunlich, aber es war so: diese vielfach bedrückten, in allen Beziehungen be schränkten und willkürlich gemaßregelten Juden hegten in ihrem Herzen kein Gefühl des Hasses oder der Rache; die Obrigkeit und an deren Spitze der Monarch mit seinem ganzen Hause waren Gegenstand der Verehrung. Durchaus nicht blos deren Machtfülle, von welcher sie doch so abhängig waren, war die Ursache dieser Ehrfurcht, sondern der Abglanz, der aus der Höhe auf diese zur Herrschaft Erwählten fiel. Es war eben Alles patriarchalisch, kindlich, naiv. Als in meiner Kindheit einst der König von Preußen Friedrich Wilhelm III., der nach den Freiheitskriegen bei dem Volke in der Glorie des Sieges leuchtete, nach meiner Vaterstadt kommen sollte, war natürlich Alles in Aufregung, Straßen und Häuser im schönsten Schmuck. Unsere Vorstellungen waren sehr belebt mit den Bildern, die wir uns von einem und nun gar von diesem Könige entwarfen. Er kam — in einer gewöhnlichen Kalesche, in einem bürgerlichen Rocke, in weißer Weste und — gelben Nankinghosen . . . Alle Jllussion war fort. Kein Purpurmantel, keine Krone, kein Scepter— gelbeNankinghosen... Erinnerlich ist mir noch, welcher Respekt,oder sage ich, welche Furcht man in ganz Deutschland vor dem preußischen Beamten hatte. Wenn wir einmal bei einem Ausfluge über die preußische Grenze gekommen und wir begegneten aus der Heerstraße einem preußischen Gensdarmen, welche Angst befiel uns, wie drückten wir uns zur Seite und forschten in unserer Seele, ob nicht in einem Winkel irgend ein Vergehen verborgen wäre, das der Wächter des Gesetzes mit dem scharfen Blick, den er auf jeden Vorübergehenden warf, erkunden könne. Wie erleichtert fühlten wir uns, wenn er uns den Rücken zugewandt hatte. So auch vor dem preußischen Zollbeamten mit seinen eisernen Stecken. Eh' man zur Zollstätte kam, musterte man seine Siebensachen noch einmal, ob nicht doch etwas darunter wäre, was dem Zöllner als neu und zollpflichtig erscheinen möchte. -Selbstverständlich wurde im Hause und in der Synagoge die Gesetzlichkeit mit dem ganzen Apparate der Satzungen, Bräuche und Minhagim auf's strengste beobachtet. Man warf zwar viel mit dem Schimpfnamen „Posche Jisrael" um sich, aber es war doch kaum einer in der Gemeinde, der ihn wirklich verdient hätte. Ich weiß noch, wie man den Knaben in einem stattlichen Hause ein großes Fenster wies, hinter tvelchem ein erblindeter und gelähmter Mann seit Jahren auf dem Schmerzenslager sich befand. Er habe, wie man erzählt, eine arge Religionsspötterei gegen das jüdische Gesetz verübt. Ter Landesherr, dem man es hinterbracht, hatte ihn des Landes verwiesen, später wieder begnadigt, aber blind und erkrankt kam er zurück, und lag da, bis er doch endlich hinausgetragen wurde und seine lachenden Erben sich in seine Hinterlassenschaft theilten. Das machte einen tiefen Eindruck auf die Knabenseele. In der Synagoge war natürlich alles bis auf's Kleinste, wie es seit Jahrhunderten gewesen. Wir Knaben schlugen am Purim wacker auf den