Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 49 (30.11.1886)
- Date
- 1886-11-30
- Page
- Seite 781 (sequence 13)
- Language
- German
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-81 gieti, Frankreich, Italien, Vereinigten Staaten, werden bei der Volkszählung die Confessionen gar nicht ausgenommen, und so bleibt die Bevölkerungszahl der Juden in diesen bloßen Vermuthungen ausgesetzt. In gewissen großen Staaten ist die Volkszählung durchaus unzuverlässig und kann nur einen sehr ungefähren Maßstab abgeben. Daß die Angaben aus den orientalischen Ländern durchaus ungewiß sind, braucht nicht hervorgehoben zu werden. Giebt es doch auch ein Land, in welchem ans politischen Gründen die Zahl der Juden weit übertrieben wird, nämlich Rumänien. Ueberschaut man dies, so wird man eine genaue Statistik der Juden für unmöglich erkennen, und daraus erklären sich die vielfach schivankenden Angaben. Hieran vermochte auch der Verfasser nichts zu ändern. Ein eigenes Streiflicht fällt auf seine Schrift dadurch, daß er dem obskuren Breslauer Missiousblatte „Dibre Emeth“ viele seiner Angaben entlehnt. Sprechen wir ihm daher eine fleißige Benutzung vorhandener Schriften und eine im Ganzen wohlwollende Gesinnung nicht ab, so erkennen wir doch aus nicht wenigen Urtheilen, die er vor trägt, daß er die Statistik nur als Dilettant betreibt. Führen wir als Beispiel an, daß er die englischen Juden in ihrer großen Mehrzahl als sehr wohlhabend bezeichnet, gleich darauf aber bemerkt, daß über 3090 jüdische Kinder in London die Armenfreischule besuchen. Daraus geht doch hervor, welchen großen Antheil die Juden an der Londoner Armuth haben, und damit stimmen auch Alle überein, welche die Londoner Zustände genauer kennen. Ebenso betont er die überaus günstige ökonomische Lage der deutschen Juden und führt als Beweis dafür einige Notizen aus den Breslauer Steuercontos an. Wie kann er, wenn er wirklich ein Statistiker wäre und in seinen Urtheilen gewissenhaft vorginge, die Einschätzungen in einer in Industrie und Handel blühenden größeren Stadt, wo also die Verhältnisse für die Juden nicht ungünstig liegen, der Beurtheilung einer Bevölkerungsklasse eines ganzen großen Staates zu Grunde legen? Bildet nicht der Grundbesitz, der große wie der kleine, den bei Weitem größten Theil des ökonomischen Besitzstandes, der, wenn er dem Gesammtkapital gegenüber gestellt wird, diesen weit hinter sich läßt? Da nun an dem Grundbesitz die Juden auch in Preußen nur einen verschwindend kleinen Antheil haben, so darf dies bei einer ökonomischen Vergleichung durchaus nicht außer Acht gelassen werden, wenn man nicht aus Fehlschlüsse kommen will, wie es dem Verfasser ergeht. Aeuilleton. Erinnerungen eines Achtzigjährigen. Bon L. Sch. Ich habe noch die Greise gekannt und beobachtet, welche in den zehner und zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts zur letzten Ruhestätte gegangen, und kann somit sagen, daß meine Vorstellungen von den Menschen bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts zurückreichen. Es ist deshalb wohl nicht ungeeignet, Einiges aus meinen Erinnerungen niederzuschreiben. Wenn die Wenigen unter meinen Altersgenossen, die noch unter der Sonne wandeln, unter den Rasen gesunken sein werden, sind jene Erinnerungen aus vergangener Zeit erloschen. Nun betreffen sie allerdings nichts Groß' artiges, enthalten aber, wie man jetzt sagt, culturhistorische Momente, welche für den Geschichtsforscher hier und da von Belang sein könnten. — Einem Vorurtheile möchte ich entgegentreten, nämlich als ob die Juden in der Zeit, welche meiner Geburt voranging, im Hebräischen, in Allem, was zum religiösen Wissen gehört, sehr unterrichtet gewesen wären, so daß sie hierdurch von der gegenwärtigen Generation und deren Nnkenntniß in den erwähnten Dingen zum großen Nachtheile des Judenthums sehr unterschieden gewesen. Dies muß ich für eine Fabel erklären. Es gab zwar in meiner Kindheit in den größeren Gemeinden noch eine Anzahl von Männern, die aus ihrer Jugend einige Kenntniß des Talmuds und der Rabbinen sich bewahrt, und in den Beth hamidrasch Gelegenheit gehabt hatten, ihr desfallsiges Wissen trotz ihrer weltlichen Beschäftigung immer wieder ein wenig aufzufrischen. Bei den meisten derselben war es nicht sehr viel, aber sie verstanden es geltend zu machen und sich damit ein Ansehen zu geben. Dies gelang ihnen, weil die große Masse der Juden, und zwar auch der älteren, damals auch im „Jüdischen" höchst unwissend war. Die meisten konnten eben nur sehr geläufig „davnen", wußten im Gebetbuch und im Machsor genau Bescheid und in der Schrift die Sidrath aufzusuchen; außerdem schrieben sie das jüdisch deutsche Cursiv, aber in welcher Orthographie! Es mußte also seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts das Studium des Hebräischen uud des jüdischen Wissens außerordentlich nachgelassen haben. Die Erklärung hierfür liegt in dem erbärmlichen Zustande des Jugendunterrichtes. Das Cheder, in welches die Knaben und Mädchen geschickt wurden, ward von einem Lehrer, meistens einem hergelaufenen Polen, versorgt. Von Methode natürlich keine Spur, und die Diseiplin wurde in der bru-