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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-11-30 · Heft 49 (30.11.1886) · p. Seite 783

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 49 (30.11.1886)
Date
1886-11-30
Page
Seite 783 (sequence 15)
Language
German
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783 Haman los und am Hoschanah-Rabbah mit dem Weidenbüschel, um den letzten Rest unserer Sünden loszuwerden, von welchen wir die erste Rate am Nachmittage von Roschhaschanah, den Alten an den Rand des Flusses folgend, in das Wasser geworfen hatten. Wie angenehm schauerten wir, wenn wir am Schluffe des Sabbath in der völlig dunklen Synagoge mit der Gemeinde, soweit sie sich eingefunden, das Ledawid baruch anstimmten. Mit Fahnen und Wachslichtern zogen wir vor und hinter den Thorarollen am Simchat- Thora, und fingen von den Frauengalerien Mandeln und Rosine» auf. Dafür waren wir aberum so trauriger amTischeah- Beav und seufzten und stöhnten mit den Großen — wenn es nur nicht zu lange gedauert hätte. Doch wo käme ich zu Ende, wollte ich alle die Eindrücke schildern, die auf uns die religiösen Ceremonieen im Hause und in der Synagoge übten. Wie gesagt, neu war beim Gottesdienste nichts. Streng wurde auf die alten Melodien (Negunim) gehalten, doch liebte man es, daß der Vorbeter auch neue Opernarien hineinbrachte, etwa zum Lecha-Dodi, oder bei einem Schluß- Kaddisch oder wenn er ein Jehi-razon als Romanze vortrug. Jndeß war diese Gepflogenheit auch eine alte; hat man doch vor einiger Zeit nachgewiesen, daß nicht wenige Melodien des spanisch-portugiesischen Ritus spanischen Volksliedern aus dem 14. und 15. Jahrhundert entlehnt worden. — Ueberhaupt war doch schon manche Bresche in die Umwallung geschossen. Nicht wenige der Leute, Männer und Frauen, welche aus der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts stammten, konnten schon deutsch Gedrucktes lesen, wenn auch noch nicht Deutsch schreiben. Das Verbot das auf nichthebräischen Büchern ruhte, ward längst nicht mehr beachtet. Die jüngeren Leute lasen eifrig Romane, und die älteren Frauen ließen sich dieselben vorlesen: „Wachtelpeter", „Die Urne im einsamen Thale", später die Familienromane von August Lafontaine; Ritter und Räubergeschichten kamen in diese Kreise nicht; am liebsten hatte man Schillers Gedichte, später seine Dramen und namentlich die Monologe darin. Die Wirkung, welche Schiller auf die Bildung der jüdischen Jugend damaliger Zeit übte, ist unschätzbar. Die reichere» gingen sogar schon ins Theater. Ich schließe heute. Sind meine kleinen Mittheilungen den Lesern nicht unangenehm, so fahre ich ein andermal fort. Es giebt noch so Vieles zu berichten, was im Leben unserer Väter von Bedeutung war und jetzt in vielen Gegenden verschwunden ist. _ Vermischtes. Ein Almosenbüreau. Wir finden in einem Artikel der „Neckarzeitung" über das Büreau des verstorbenen Baron James v. Rothschild in Paris für wohlthätige Zwecke folgende Mittheitung: Besondere Beamte prüfen die Unterstützungsgesuche ttitbj besorgen die richtige Vertheilung der bewilligten Gabe». Allerdings ist die Arbeit dieser Leute nicht so ausgedehnt wie in dem Pariser Hause Rothschild, von deffen Wohlthätigkeit der folgende Bericht ein etwas übertriebenes, aber immerhin in der Hauptsache wahrscheinliches Bild giebt. Der französische Berichterstatter schreibt über dieses Büreau: Dürfte jemand diese Korrespondenzen ordnen nnd statistische Auszüge daraus anfertigen, so würde die Welt wunderliche Dinge erfahren. Da ist eine Klasse von Briefen, die mit den Worten anfangen: „Mit Schamröthe auf der Stirn" rc.; eine zweite Klasse von Hilssgesuchen derangirter Kausleute, die auf dem Punkte stehen, bankerott zu werden. Ein junger Kaufmann bat um 20,000 Frcs., um seine Differenzen zu bezahlen. Das Bureau Rothschild verlangte Einsicht in die Bücher und der Chef schickte ihm umgehend das Geld mit der Zuschrift: „Die Bücher sind in Ordnung; Mitleid mit dem Sünder! Aber speculiren Sie nicht mehr!" Eine dritte Klasse bilden die Gesuche der Selbstmörder: „Herr Baron! wenn Sie diese Zeilen erhalten, bin ich nicht mehr unter den Lebenden, es sei denn, daß Ihre wohlbekannte Güte" u. s. w. Dann folgen die Bittschriften armer Wöchnerinnen, welche unter allen Umständen befriedigt werden, dann die von verschämten Adeligen, welche auf ihren Stammschlössern residiren, aber von der Nachbarschaft nichts mehr geborgt bekommen. Sie bitten gewöhnlich um so und so viel Tausend Frcs. unter der Bedingung, daß „die Gräfin, meine Frau, nichts davon erfährt." „Herr Baron," schreibt eine Dame aus Bordeaux, „die Eitelkeit hat mich in Schulden gestürzt; ich habe 15000 Frcs. an die Juweliere, die Modistin u. s. w. zu zahlen. Ich bin jung und die Welt sagt, daß ich schön bin. Meinen wackeren Mann, der Alles für mich gethan hat, mag ich nicht in Verlegenheit bringen und die reichen Freunde unseres Hauses mag ich nicht in Anspruch nehmen, um ihnen nicht Rechte auf meine Person einzuräumen. Herr Baron! retten Sie die Ruhe einer Familie und die Tugend einer der Verzweiflung nahen Frau! Der Correspondent des Hauses Rothschild erhält den Auftrag, die Sache zu untersuchen und eventuell den schuldigen Engel durch 15000 Frcs. vor dem Falle zu bewahren. Leider stellte sich heraus, daß Alles erlogen war: Madame lebte in einfachen, aber geordneten Verhältnissen und hat nur den Versuch gemacht, 15000 Frcs. zu ergattern. Manchmal nimmt das Unterstützungsgesuch auch die Form eines Wechsels an und anticipirt seine Erfüllung. Als ein berühmter Mann einst dieses Vergehen beging, welche» ihn unter Umständen ins Zuchthaus bringen konnte, zahlte Rothschild am Morgen des Verfalltages den Wechsel, welcher allerdings nur auf 3000 Frcs. lautete. Eine Stunde später traf der Aussteller des Wechsels ein, bat um Verzeihung und brachte das Geld. Rothschild sprach kein Wort, kassirte die Summe ein und gab dem Manne die Tratte zurück.

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