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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-11-30 · Heft 49 (30.11.1886) · p. Seite 779

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 49 (30.11.1886)
Date
1886-11-30
Page
Seite 779 (sequence 11)
Language
German
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779 Jahre alt geworden, aber die von dem Bischof gewünschte „Erleuchtung" ist-^nicht gekommen. Noch in seinen letzten Reden spricht sich Cremieux enthusiastisch über die jüdische Gotteslehre aus. Red. d. Allg. Ztg. d. I.) kommen werde." Perraud selbst fügte hinzu: „Cremieux hat nicht lang genug gelebt, um zu erfahren, welcher Sturm wüthender Anklagen ihn einige Jahre später angegriffen haben würde, wenn man ihn auf offener That religiöser Ueberzeugung und achtungsvoller Dankbarkeit gegen einen Diener Jesu Christi ertappt hätte." Man wird nicht fehl gehen, wenn man in diesen Worten eine Antwort des vernünftigen Theils des französischen Klerus auf das in klerikalem Interesse geschriebene Buch von Drumont „La France juive“ sieht. Man würde übrigens Unrecht thun, wenn man die 105 Auflagen zu mindestens 500 Exemplaren, die das Buch erlebt hat, als ein Zeichen für das Umsichgreifen des Antisemitismus in Frankreich betrachten wollte. Die französischen Juden haben sich so ganz mit der übrigen Bevölkerung identificirt, daß eine Antisemitenbewegung gar nicht möglich ist. Was Drumont bekämpft, ist denn auch weder die jüdische Börse, noch die mosaische Religion, sondern lediglich die hohe Finanzwelt und der Antiklerikalismus. Drumont selbst anerkennt in seinem Buche, daß an der letzteren Bewegung nicht nur die Juden, sondern weit mehr die Freimaurer und Protestanten schuld sind. Sein Buch von der „jüdischen Verfolgung" zerfällt nämlich in die drei Abschnitte: 1) Freimaurer, 2) Protestanten, 3) Juden. Drumont hat soeben ein neues dickes Buch geschrieben: „La France juive devani l’opinion“, dessen Hauptinhalt die ausführliche Erzählung seines Ehrenhandels mit Arthur Meyer, dem Director des „Gaulois" und der folgenden Gerichtsverhandlung bildet. Auch dieser dritte Band verkauft sich ausgezeichnet. Dieser Erfolg Drumont's und seines Verlegers beweist wenigstens das Eine, daß die Opfer des Krachs der „christlichen" Union Generale noch genug Kapital übrig behalten haben, um sich mit Literatur zu versorgen. Rußland. Warschau, 15. November. Die polnische Zeitung „Gaseta Lubelska" theilt mit, daß die Bürgermeister der Stadtmagistrate und die Gemeinoeältesten des Gouvernements Lublin vom dortigen Kameralhos auf Anordnung des Finanz Ministers die Weisung erhalten haben, daß alle ausländischen Juden, die sich im Gouvernement Lublin ohne die Genehmigung der zuständigen Behörden mit Handel beschäftigen, unverzüglich über die Grenze beförvcrt werden müssen. — In Kiew sind im Laufe von drei Wochen 200 Inden aus einem einzigen Stadttheil ausgewieseu worden. Großbritannien. London, 18. Nov. (Privatmitth.) Als Deutscher, der seit mehreren Jahren London bewohnt, fällt mir, gewissermaßen selbstverständlich, der Unterschied auf, der zwischen den deutschen und den englischen Juden zu beobachten ist. Ich verstehe unter den Letzteren natürlich solche, die schon in mehreren Generationen England angehören. Man hat oft genug hervorgehoben, daß die englischen Glaubensgenossen in religiöser Beziehung viel conservativer als die deutschen und in ihrer Orthodoxie beharrlicher und strenger sind. Ob sich dies, was durchaus wahrheitsgemäß, in den jüngeren Generationen erhalten werde, erscheint mir fraglich. Jedenfalls aber erweisen sich diejenigen, welche sich für eine Reform entschlossen haben, nicht so schwankend wie ihre deutschen Brüder, sondern consequent. Beseitigen sie die rabbinischen Satzungen, so thun sie es gründlich, z. B. mit den zweiten Festtagen, halten aber um so fester an das biblische Gesetz, wie z. B. am Sabbath nach der Thorah und dem Geiste des biblischen Sabbathgesetzes. Jedenfalls lassen sie die Religion nicht so ganz aus ihren Häusern, aus dem Schooße ihrer Familien schwinden, wie es leider bei so viele» deutschen Juden der Fall ist. Aber auch in politischer Beziehung zeigt sich ein nicht unwesentlicher Unterschied. Die Männer, die sich unter den englischen Juden politisch hervorthun und z. B. ins Parlament gewählt werden, gehören mit geringer Ausnahme den finanziellen Kreisen und den Reichen an. Die Salomons, Goldsmids, Rothschilds, Cohen, de Worms u. A. zählen dahin. In Deutschland ist es anders. Wir haben hier die Juristen Riester, Lasker, Marburg, Wolfson, die Aerzte, Kosch, Straßmann, Johann Jacoby, die Schriftsteller Veit, Bamberger, Max Hirsch, die Industriellen Reichenheim, Ludwig Löwe. Von den reichen Finanzmännern gehörte allein der eben verstorbene Karl Mayer v. Rothschild eine Zeitlang dem deutschen Reichstage und dann dem preußischen Herrenhause an und glänzte da nur — durch sein Stillschweigen, selbst in finanziellen Fragen. Hier in England machen von jener Regel nur einige Juristen eine Ausnahme, wie der verstorb. Jessel und der eben mit der Ritterwürde ausgezeichnete Sergant Simon. Allerdings muß man nicht vergessen, daß eine englische Parlamentswahl viel Geld erfordert und noch viel mehr erfordert hat. Wären aber englische Juden, die weniger begütert, aber durch Wissen und Begabung ausgezeichnet wären, vorhanden, so würden sich von Seiten der Partei, der sie angehören, die nöthigen Mittel für die Parlamentswahl finden. Benjamin d'Jsraeli hatte wenig Mittel, kam aber doch, selbst noch recht jung, ins Parlament. _ _ 49*

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