Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 49 (30.11.1886)
- Date
- 1886-11-30
- Page
- Seite 778 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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doch erst kurze Zeit her, daß ein anderer Jude, Raynal, dasselbe Portefeuille der öffentlichen Arbeiten, wenn auch nur kurze Zeit, inne gehabt; war doch Crömieux zwei Mal Justizminister und Godefroi hölländischcr Justizminister, wie der verstorbene Jessel eine der höchsten richterlichen Würden in England bekleidete. Von getauften Juden will ich gar nicht sprechen. So hat man in der ganzen neueren Zeit nur drei jüdische Finanzminister gehabt, Goudchaux, der 1848 eine kurze Zeit Finanzminister der zweiten Republik war, Fould, Finanzminister Napoleons III., und Ellstädter, welcher bereits mehr als ein Jahrzehnt die Finanzen des Großherzogthums Baden leitet. Wir glauben nicht, daß jene Judenfeinde, wenn sie auf die Unkenntniß des grossen Publikums spekuliren, auf einen felbst nur kurzen Erfolg rechnen dürfen. Es giebt doch zu viele, welche ein besseres Gedächtniß haben. Im Gegentheil wird die Art ihrer Machinationen auf diesem Wege recht offenbar und schließlich sind sie es selbst, die compromittirt werden. Paris, 18. Nov. „La France juive“ von Drumont hat bereits die 105. Ausgabe, d. h. nach Pariser Sitte den Verkauf von 52,000 Exemplaren erreicht, ein Erfolg, dessen sich weder George Sand noch Victor Hugo rühmen konnte. Dabei ist es dem Herrn Drumont bis jetzt nicht gelungen, eine Stelle oder eine Verwendung in irgend einer Redaktion zu erfangen! Er benutzt deshalb seine unfreiwillige Muße zu einem neuen Buche: „La France juive devant l’Opinion.* Dasselbe ist ebenso reich an Lügen und Verleumdungen wie das erste, darum aber für den Pariser Gaumen ebenso pikant. Es versteht sich, daß alle ernsten Blätter diese neue Schrift entweder entschieden verurtheilen oder mit Stillschweigen übergehen. Interessant ist, wie sich der „Figaro" darüber äußert: „Die Judenfurcht Drumonts wird zur Manie, und ich glaube, wie bei seiner ersten Publikation, daß es gefährlich ist, an die schlechten Instinkte sich zu wenden und den Neid und die Begehrlichkeit der Einen, wie das nur zu thatsächliche Elend der Anderen gegen die jüdischen Besitzthümer aufzuhetzen. Dieselben Argumente können morgen gegen das protestantische, übermorgen gegen das katholische Eigenthum und hierauf gegen die Pariser Stadtobligationen benützt werden, die der sparsame Arbeiter sorgfältig in seinein Schranke aufbewahrt. Man ist überhaupt immer der Rothschild irgend eines Andern. Ich fühle mich frei von jeder Leidenschaft, indem ich von den Juden spreche. Ich kenne welche, die sehr ehrenhaft sind, ganz loyale Freunde, und ich kenne leider auch Christen, die ganz vollendete Spitzbuben sind. Die Religion hat damit nichts zu thun. Drumont hat Recht, wenn er die Macht der Juden konstatirt, die Gewandheit, mit der sie die Hand in allen nützlichen Geschäften habe», und den Einfluß, den ihnen ihr Geld gibt. Aber was ist zu thun? Die Mittel, die Drumont anräth, sind nicht ernst zu nehmen. Anderseits sind die Eigenschaften, die den Erfolg der Juden bedingen, der Geist der Solidarität, die Unternehmungslust und die Zähigkeit, kein Monopol der semitischen Rasse; die Christen können dieselben sich gleichfalls aneignen. Warum thun sie es nicht? Es ist das nämliche Verhältniß wie bei den deutschen Bieren. Wollt ihr, daß man in Frankreich kein deutsches Bier mehr trinke, so braut selber ein Bier, das so gut ist wie das deutsche. Wollt ihr gegen das Ueberhandnehmen der Juden ankämpfen, so lernt von ihnen die Gründe ihres Erfolgs, habt die nämlichen Vorzüge und nach Bedürsniß auch die nämlichen Fehler; sie sind nicht unnachahmlich. Das ist besser als die Juden zu bedrohen und zn beschimpfen." Allerdings schreien und Hetzen die Franzosen gegen die deutsche Industrie, po» ivelcher sie von vielen Weltmärkten verdrängt worden, anstatt sich zu ermahnen, jene wieder einzuholen. Wo aber bleibt die gerühmte französische egalite? Ob Christ, ob Jude, die Nation muß es freudig begrüßen, wenn es unter ihr tüchtige, werkthätige, geschäftsgewandte Männer giebt, die doch, verfolgen sie auch ihren eigenen Vortheil, der Gesammtheit nützen. Diese Erkenntniß aber scheint den gegenwärtigen Franzosen abhanden gekommen zu sein, während sie in England stets bethätigt worden ist. Paris, 18. November. (Franks. Ztg.) Bischof Perraud von Antu», Mitglied der französischen Akademie, hielt gestern in Notre-Dame eine Gedächtnißrede auf den verstorbenen Erzbischof von Paris, Kardinal Guibert. Die ganze Rede zeigte eine lobenswerthe Mäßigung in der Besprechung der kirchenpolitischen Ereignisse. Interessant war es besonders, wie Perraud über Guibert's Verhältniß zu Cremieux sprach, der bekanntlich als Mitglied der provisorischen Regierung in Tours im Jahre 1870 sammt seiner Gattin der Gast Guibert's, des damaligen Erzbischofs von Tours, gewesen ist. „Der berühmte israelitische Advokat Cremieux, Minister der Justiz, und seine Gattin, «ahme» ihre Mahlzeiten mit dem Prälaten und den Priestern seines Hauses ein, zum große» Erstaunen, wo nicht zum Skandal der alten Thürhüterin des erzbischöflichen Palastes. Ohne je zu vergessen, daß er Bischof war, wußte Guibert sich als Mann von Geist und von feinstem Takte. Er gewann rasch nicht nur die Achtung, sondern die Liebe seiner improvisirten Gäste. Auf den Dankesbrief Cremieux' für die Gastfreundschaft, worin er auf das gute Einverständiß des alten und neuen Testaments anspielte» erwiderte Guibert: „Nichs ist natürlicher, da die beiden Testamente ein Ganzes (?) bilden. Inmitten des unverständigen, stupiden Skeptieismus, dem man überall begegnet, war ich erbaut, einen Menschen zu finden, der etwas glaubt. Auch bete ich zu Gott, daß in einem so hervorragenden Geiste, wie dem Ihrigen, die Erleuchtung (Cremieux ist über 80