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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-11-30 · Heft 49 (30.11.1886) · p. Seite 777

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 49 (30.11.1886)
Date
1886-11-30
Page
Seite 777 (sequence 9)
Language
German
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777 präsentanz hat weit wichtigere Angelegenheiten zu erledigen, die sich allerdings dem menschlichen Fassungsvermögen entziehen, wie bliebe ihr auch sonst Zeit übrig, sich mit den Lebensfragen harmloser jüdischer Lehrer zu beschäftigen. Und zu diesen Lebensfragen zählt eben der Pensionsfond, er ist der Compaß, der ihrem Lebensschiffe die Richtung in den sicheren Hafen der Ruhe anzeigen soll, er der alleinige Hoffnungsstrahl in den finstern Tagen ihres Trübsals. Wie niederschmetternd mußte daher auf sie der Rücktritt des ihre Interessen fördernden Obmannes des Verwaltungsausschnsses wirken, welche Besorgniß mußte sie erfüllen bei dem Gedanken, ob dieser durch eine geeignete Kraft ersetzt werden könnte und welcher Beruhigung mußten sie sich erfreuen, einen würdigen Remplacanten, der der Sache das richtige Verständniß, den Lehrern das warme Gefühl entgegenbrachte, gefunden zu haben und ihn der Repräsentanz als ihrer Protektorin Vorschlägen zu können. Ihr Wunsch blieb jedoch unerfüllt, gleichwenn die freundlichen, süßen Worte des Herrn Obmannes der Repräsentanz seine Erfüllung in Aussicht stellten. Wie konnten aber auch die jüdischen Lehrer, diese Aschenbrödel der Repräsentanz, es wagen, ein solches Ansinnen an eine Repräsentanz d.er Landesjudenschaft zu stellen? — Das war ein gewaltiger Fehler, wenn nicht mindestens ei» Diätfehler. — Wer somit Rückschau hält ans die Thätigkeit der gegenwärtigen Repräsentanz, wird sie kaum für ruhmreich ansehen, er wird mit Cicero ausrufen: Huorwcjus tanäsm? Es ist aber auch die Geduld der jüdischen Gemeinden in Böhmen, nachdem sie so lange und hart auf die Probe gestellt wurde, nahezu erschöpft. Dies bedenkend, führe sich die Repräsentanz zu Gemüthe, daß noch immer das Sein oder Nichtsein derselben von den jüdischen Gemeinden abhängig ist, daß es in deren Macht liegt, Männer an die Spitze zu stellen, die ein warmes Herz für ihre Interessen haben und mit aller Energie das anstreben, was den jüdischen Gemeinden noth thue, sie sei aber auch gewiß, daß der von ihr so sehr unterschätzte jüdische Lehrerstand bei einer eventuellen Neuwahl der Repräsentanz in geschlossenen Reihen Vorgehen, jeder desselben in seiner Gemeinde und viele vereint in den Bezirken auf die Wahl der Repräsentanten Einfluß nehmen werden. Der jüdische Lehrer auf dem Lande bildet einen maßgebenden Factor in der jüdischen Gemeinde. Soll es überhaupt eine Judenschaft geben, so müssen jüdische Lehrer sein, ohne jüdische Lehrer wird es keine jüdische Gemeinde, und ohne jüdische Gemeinde keine Repräsentanz geben." Italien. Rom, 11. Nov. (Privatmitth.) Es ist gewiß als eine Erlösung zu betrachten für die jetzige und für die zukünftigen Generationen, daß das römische Ghetto mit all' seinen finsteren Höhlen in den himmelanstrebenden Häusern und den engen Gäßchen, mit seinem Schmutz und seinen Ueberschwemmungen gefallen ist. Zwar war es den Juden seit 1870 gestattet, in allen Theilen der Stadt zu wohnen. Aber nur die Reicheren machten hiervon Gebrauch, denn Eigenthum, Erwerb und Gewohnheit fesselten die große Masse unserer römischen Glaubensgenossen an jenes traurige Quartier. Nun es aber nicdergelegt worden, hat sich eine andere Noth bei dem sehr zahlreichen ärmeren Theile eingefundcn. Der Miethzins war im Ghetto äußerst gering und die Wohnungen waren darauf eingerichtet, viele Personen in einem geringen Raume zu beherbergen. In den anderen Theilen der Stadt ist der Miethzins hoch und wird, da die Bevölkerung stets wächst, stets höher. Biele jüdische Familien sind daher außer Stande, den Miethzins für die neuen Wohnungen zu zahlen und sind dadurch ganz obdachlos. Zur Linderung dieser großen Noth hat sich hier ein Comits gebildet, um Mittel zu sammeln, den Miethzins für die Hilfsbedürftigen zu zahlen. Aber die hiesigen Juden sind selbst durch den Umzug und die Veränderung der Erwerbsweisen sehr in Anspruch genommen, wie auch die Beschaffung neuer Cultusstätten ihnen viele Opfer auferlegt. Sie können deshalb der Aufforderung des Comitss nicht genügend entsprechen. Es muß auswärts Hilfe gesucht und gefunden werden. Zunächst freilich wären die italienischen Gemeinden dazu verpflichtet. Die Befreiung und Vereinigung des Vaterlandes ist für sie Alle ein glücklicher Wendepunkt ihres Geschickes geworden, und dieses große Werk ist dadurch gekrönt worden, daß Rom die Hauptstadt des Reiches ward. Und so knüpft sich auch das Verschwinden des römischen Ghetto an jenes endlich erreichte Ziel, und die Niederlegung desselben wischt einen Schandfleck von dem Purpurgewande des neuen Italiens ab. Doch werden sich sicherlich auch Menschenfreunde jenseits der Alpen finden, welche für die armen römischen Brüder, die um so Vieles länger unter den Resten des Mittelalters gelitten, ein offenes Herz und eine offene Hand haben. Frankreich. Paris, 16. Nov. (Privatmitth.) Bei Gelegenheit der Ernennung Millaud's zum Minister der öffentlichen Arbeiten haben antisemitische Blätter ihre Verwunderung darüber ausgesprochen, daß ein Jude gerade dieses Portefeuille erhalten habe; der Jude tauge doch höchstens zum Finanzminister gleich dem Juden des Mittelalters, der es nur zum „Hofjuden" oder „Hofbanquier" gebracht habe. Wenn man nicht diese Leute vom schlechtesten Willen und vom Mangel aller Wahrheitsliebe beherrscht wüßte, könnte man über ihre Unwissenheit^ und ihr schlechtes Gedächtniß erstaunen. Ist es 49

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