Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 49 (30.11.1886)
- Date
- 1886-11-30
- Page
- Seite 776 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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776 Oesterreich-Ungarn. Aus Böhmen, im November. Die Berichte über die Zustände und Verhältnisse in den vielen mittleren und kleineren jüdischen Gemeinden Böhmens lauten recht traurig. Bekanntlich bestehen ein jüdischer Landesfond und eine jüdische Landesrepräsentanz, über deren Unthätigkeit bittre Klagen lautbar werden. Wir entnehmen deshalb der „Israelitischen Gemeindezeitung in Böhmen", die in Prag alle 14 Tage erscheint, folgenden Artikel: „In keinem Staate der Welt, in keinem Lande, in keiner Gemeinschaft, selbst die der Indianer nicht ausgenommen, mögen solche chaotische Zustände herrschen, wie in den meisten jüdischen Gemeinden Böhmens, die trotz ihrer in Bezug auf Desorganisation, Steuerleistung nach Willkür, Rechtslosigkeit der Cultusvorstände zerfahrenen Verhältnisse in dem wie Ironie klingenden Begriffe „Landesjudenschaft" zusammengefaßt werden. An der Spitze dieser Landesjudenschaft regiert die Repräsentanz etwa in der Weise wie der Großherzog in der Republik. Was und wen repräsentirt diese Repräsentanz? Die Beantwortung dieser Frage ergiebt sich unter den gegebenen Verhältnissen von selbst; es genügt, wenn man behauptet: die Repräsentanz der Landesjudenschaft in Böhmen sieht einfach dieser heiltosen Verwirrung zu, läuft mit ihren Petitionen von Pontius zu Pilatus, tagt, wenn die Sonne am Zenith steht und wartet bis sie untergeht, ringsumher ist's aber finster, wohl sieht man einen lichten Stern an den, Firmamente der Landesjudenschaft, der nicht leuchten würde, erhielte er nicht wie alle Sterne, sein Licht von der Sonne. Und die Sonne ist in diesem Falle die jüdische Gemeinschaft in Böhmen, die Inte, essen derselben sollten demnach ganz anders gewahrt werden wie bisher. Oder sollten die Leistungen der Repräsentanz damit erwiesen sein, daß der Obmann derselben mit Diesem oder Jenem Pourparler pflegt, da und dort antichambrirt oder mit dem Referenten in jüdischen Eultussachen conferrrt und sich von diesem vertrösten läßt, daß die die äußeren Rechtsverhältnisse der isr. Religionsgenossenschaft regelnde Gesetzvorlage mit aller Voraussicht im Oktober d. I. dem hohen Reichsrathe zur verfassungsmäßigen Behandlung vorgelegt werden dürfte. Wir zweifeln, daß diese Momente rein privatlichen Charakters eine Unterlage zu großen Thaten bilden, aber wir sind gewiß, daß der October bereits vorüber und die Gesetzvorlage im Reichsrathe noch nicht zur verfassungsmäßigen Behandlung gelangt ist. Dieses Factum wird bestimmt die Repräsentanz nicht abhalten, weiter zu hoffeu, mit aller Zuversicht zu hoffen, daß die Behandlung der Vorlage jedenfalls noch im laufenden Jahre erfolgen werde. Nicht als ob wir die Repräsentanz für diese Verschleppung einer so vitalen Angelegenheit verantwortlich machen würden, wissen wir doch zu gut, daß ihr Einfluß nicht weit reicht, allein der Fehler muß ihr vorgehalten werden, daß sie in Unterschätzung ihres Einflusses nicht den richtigen Weg eingeschlagen hat; denn es läßt sich in der That nicht wegleugnen, daß eine Massenpetition der Mitglieder der israel. Gemeinden Böhmens, an deren Spitze die Repräsentanz gegenüber der Regierung sowohl, als auch dem Reichsrathe wirkungsvoller, imponirender und vielleicht auch schon erfolgreich gewesen wäre. Allein manche der Herren Mandatare mögen von der absoluten Ansicht ausgehen, die Landesjudenschaft sei ihrethalben und nicht sie derenthalben da, und so verbleibt Alles im 8tatu8 guo ante. Wohl scheinen wiederum einige der Repräsentanzmitglieder, um nach der bereits erfolgten Verzichtleistung auf ihr Ehrenamt zu schließen, dort angelangt zu sein, wo der Appetit aufzuhören pflegt. Wer aber auch Herz im Leibe hat, kann es in der That nicht mit ansehen, wie die schöne Zeit der jungen Liebe zur Landesjudenschaft vertändelt wird, wie sich auf dem wachsenden Stoß von kostbaren Drucksorten die Tatenlosigkeit pyramidal erhebt, wie sie das der Landesjudenschaft zur Verfügung stehende bedeutende Vermögen auf dem weichen Kissen der Papierrenten schlummern läßt, ohne dafür etwas großes zu schaffen, was der durch Intelligenz hervorragenden Judenschaft in Böhmen würdig wäre. Bald hieß es, man werde ein Rabbinerseminar, bald wiederum, man beabsichtige, eine Handwerkerschule zu ernchten, nach Abenteuererart werden Prospekte geschmiedet und wieder fallen gelassen. Einen solchen gleichgültigen Standtpunkt nimmt die Repräsentanz der Landesjudenschaft den israelitischen Gemeinden in Böhmen gegenüber ein, wie erst verfährt sie mit den Lehrern derselben! Diese stehen auf dem Gefrierpunkt ihres Thermometers, dort, wo er mit Null angezeigt ist. Den jüdischen Lehrern gegenüber erfüllt die Repräsentanz ganz und gar nicht ihre Pflicht, unter der Aegide derselben steht der Pensionsfond, in dessen Verwal» tungsausschuß wühlt sie ihre Männer, die daselbst die Majorität bilden. Von ihrem Wohl und Wehe hängt dieses Asyl erwerbsunfähig, invalid gewordener jüdischer Lehrer ihrer Wittwen und Waisen ab, über den Pforten desselben, stehen geschrieben die Worte: „Help yourself." Können sich aber in diesem Falle die Lehrer selbst helfen, sie, die einen Kampf um's Dasein kämpfen und nur noch die Aussicht haben, in ihren alten Tagen am Hnngertuche zu nagen? Das freilich genirt die meisten Herrschaften der Repräsentanz nicht, weil sie eben nicht das richtige Verständniß für diese zwischen Leben und Tod schwebende Frage haben, weil sie sich nicht in die Lage der armen, kummervollen Lehrer hineinzudenken vermögen. Es käme auch sonst nicht dazu, daß die Repräsentanz der Landesjudenschaft sich bereits am 5. Juli d. I. conftituirt und erst volle drei Monate später den Verwaltungsansschuß zu einer Sitzung auf den 12. Oktober d. I. einberufen hat. Nun ganz natürlich, die Re-