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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-11-30 · Heft 49 (30.11.1886) · p. Seite 775

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 49 (30.11.1886)
Date
1886-11-30
Page
Seite 775 (sequence 7)
Language
German
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775 hervorgetretenen eigentümlichen Ansichten des Herrn Hofpredigers von Wahrheit und Wahrheitsliebe das ihrige dazu bei, um den Empfang desselben gestern Abend zu einem sehr, sehr kühlen werden zu lassen. Und diese „Kühle bis an's Herz hinan" berechtigt uns gewiß voll und ganz zu dem Ausspruche: „Herr Stöcker ist in Siegen fertig und wird wohl nicht mehr der Ehre theilhaftig werden, das Siegerland in dem Reichstag zu vertreten. Was nun den Inhalt der Stöcker'schen Rede angeht, so ist fast nichts aus derselben hervorzuheben, was für die Leser der „Allgem. Zeitung des Judenthums" von besonderm Interesse sein könnte. Zu erwähnen sind nur zwei Aeußerungen des Herrn Hofpredigers, die sich in dem Munde dieses Mannes denn doch höchst sonderbar ausnehmen. Unter anderem sagte er: „Wir wollen den Hader und Zank der Parteien bei Seite setzen und friedlich und ruhig über die politische Lage sprechen." Als ob ein Mann wie Stöcker überhaupt friedlich und ruhig, d. h. ohne seine bekannten Hetzereien mit einzustechten, reden könnte! Es mag ihn gewiß viel, viel Mühe gekostet haben, als er gestern Abend wenigstens theilweise ruhig und sachlich zu sprechen versuchte. Tie zweite Aeußerung, die ich von ihm hier erwähnen möchte, lautete wörtlich: „Sie hier wissen doch alle von mir, daß ich nicht gekommen bin, um die einzelnen Klassen gegeneinander zu Hetzen." Fast glaubt man, es wäre die bitterste Ironie, wenn Herr Hofprediger Stöcker, dieser Hetzapostel einer das deutsche Volk tief beschämenden Bewegung solche Worte in den Mund nimmt. Er, der in der ganzen Zeit seiner politischen Wirksamkeit nichts gethan hat, als Hetzen und schimpfen, wagt es jetzt, in einer solchen Weise zu sprechen. Wahrlich, nichts könnte ihn besser und treffender charakterisiren, als diese eine Aeußerung, in Vergleich gezogen mit seiner ganzen politischen Thätigkeit. Aber warum Herr Stöcker gestern Abend so friedliebend und gemäßigt gesprochen hat, ist leicht einzusehen. Wohl wissend, daß seit seinen letzten Prozessen sein Stern auch hier in Siegen am Untergehen ist, fürchtete er, man möchte, durch ihn auch nur in etwas provozirt, seine früheren Angelegenheiten zur Sprache bringen. Um dem vorzubeuge», redete er so gemäßigt und versöhnlich!, wie sonst nie; und er hat dadurch in der That das über ihm schwebende Damoklesschwert dies Mal von sich abgewendet. (Man vergleiche die Art. aus Kassel, nach welcher Stöcker dort und in Siegen sehr verschiedene Gesichter gezeigt hat. Die Red.) Aus Baden, 14. Nov. (Privatmitth.) Anläßlich der Eröffnung der Freudeustüdter-Wolsacher Bahn hat Se. Maj. der König von Württemberg unserem Glaubensgenossen, dem Präsidenten des badischen Ministeriums der Finanzen, Geheimerath Ellstädter, das Großkrcuz des Friedrichsordens verliehen. — Im Schuljahr 1885/6 besuchten unsere Gymnasien und Progymnasien 2609 Katholiken, 2323 Evangelische, 505 Israeliten (Karlsruhe 61, Pforzheim 13, Bruchsal 57, H.idelberg 46, Mannheim 182, Tauberbischofsheim 21, Wc-.theim 22, Rastatt 24, Baden und Konstanz je 7, Offenburg 21, Lahr 16, Freiburg 24, Lörrach und Durlach je 4, Donaueschingen 2), 16 weniger als im Vorjahr. 47,8 Proc. sind katholisch, 42,4 Proc. evangelisch, 9,4 Proc. israelitisch. Auf 284 der Gesammtbevölkerung kommt 1 Gymnasiumsschüler, nach den Bekenntnissen 1 aus 380 Katholiken, 235 Protestanten, 54 Israeliten. In den Realgymnasien wurden unterrichtet 409 Katholiken, 591 Evangelische, 161 Israeliten (Karlsruhe 31, Mannheim 52, Ettenhcim 74, Lörrach 3, Durlach 1), 13 weniger als im Vorjahre. Die höheren Bürgerschulen besuchten 848 Katholiken, 1121 Protestanten, 207 Israeliten (9 mehr als im Vorjahr). Je 1 Schüler der beiden letzteren Anstalten kommt auf 466 der Gesammtbevölkerung; auf 797 Katholiken, 318 Evangelische und 74 Israeliten. Die lateinlosen siebenklassigen Realschulen wurden besucht von 846 Katholiken, 1059 Evangelischen und 198 Israeliten (47 mehr als im Vorjahr). Sämmttiche Anstalten zählen also 4712 Katholiken, 5094 Evangelische, 1071 Israeliten (27 mehr als 1885). Ans Westprenßen. In der „Danziger Ztg." lesen wir: Wir theilten früher einen merkwürdigen Ausweisungsfall ans Lautenburg mit. Der Handelsmann L. war dort mit seiner Familie ausgewiesen, weil er russischer Unterthan sein sollte. Die russische Regierung wollte ihn aber als solchen nicht anerkennen und schaffte ihn über die Grenze zurück. Da L. keine Mittel zur Reise in ein anderes Land besaß, kehrte er nach Lautenburg zurück. Der Landrath wies ihn abermals aus, ein Gesuch an den Regierungspräsidenten um Gewährung der Reisemittel bis an die Grenze eines anderen Landes, blieb unbeantwortet, und da L. somit außer Stande war, der landräthlichen Verfügung zu entsprechen, wurde ihm 14 tägige Zwangshaft angedroht. Diese ist in der That an ihm vollstreckt worden und die Commune Lautenburg hat während derselben die Familie unterhalten müssen. ..L.'s Lage war dadurch aber um nichts verändert und er hätte aufs Neue in Zwangshaft wandern müssen, wenn sein Schicksal nicht schließlich das Mitleid seiner israelitischen Glaubensgenossen erweckt hätte. Letztere beriefen ihn nach Danzig, statteten ihn und seine Familie mit den erforderlichen Reisemitteln aus und verschafften ihm eine Reisegelegenheit über Hamburg nach London. Am 15. November hat L. mit seiner zahlreichen Familie die Reise nach Hamburg angetreten, um von dort per Dampfer nach London zu fahren. — Wir haben wohl nicht nöthig, der nackten Erzählung dieser Schicksalstragödie noch ein Wort hinzuzufügen — die Thatsachen sprechen deutlich genug.

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