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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-11-30 · Heft 49 (30.11.1886) · p. Seite 774

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 49 (30.11.1886)
Date
1886-11-30
Page
Seite 774 (sequence 6)
Language
German
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774 während oder nach seinem Vortrag „den Kohl zu verderben". Man besann sich jedoch eines Anderen, und so nahm der Vortrag einen recht trockenen Verlauf. Obgleich die liebe Neugierde Angehörige aller Parteien in den Stadlparksaal geleitet hatte, so fand sich doch Niemand gemüßigt, das Wort zu irgend einer Gegenrede zu erbitten. Selbst als die Conservativen nicht müde wurden, Beifall zu klatschen und ihrem Apostel ein Hoch ausbrachten, ließ mau sie ruhig gewähren. Nachmittags um 5 Uhr hatte Herr Hofprediger Stöcker in der Brüderkirche einen Vortrag über die „Stadtmission" gehalten. Kassel, 17. November. (Franks. Ztg.) Zn Ihrem Bericht über den Stöcker'schen Vortrag ist noch zu erwähnen, daß der Herr Hofprediger sich auch über seinen Proceß aussprach. Dies geschah zu Eingang seiner Rede; wir citiren wörtlich nach dem „Kasseler Journal", dem erklärten Organ der Conservativen: „Einleitend dankte Herr Stöcker für die freundliche Begrüßung, welche ihm ankündige, daß im Saal zahlreiche Männer versammelt seien, die mit ihm nach demselben Ziele strebten. Wenn er an einen Ort komme, so werde er in der Regel sehr verschiedenartig begrüßt und das sei auch hier der Fall gewesen. So habe ihn die „Kaff. Ztg." nicht sehr freundlich empfangen, aber das sei ja auch eigentlich sehr gleichgiltig. Man habe von gegnerischer Seite höhnisch geschrieben, er werde in der Brüderkirche hier über das Gebot: „Tu sollst kein falsch Zeugniß reden wider deinen Nächsten" und im Saal über die Heiligkeit des Eides reden. Das seien ja allerdings recht schöne Themata, über die er auch sehr gut reden könne, denn er habe persönlich viel unter falsch wider ihn gegebenem Zeugniß zu leiden gehabt, bei den im vorigen Jahre stattgehabten bekannten Processen, die von Juden eingefädelt, ausgebildet und bezahlt worden seien." Die Unverfrorenheit, mit der Herr Stöcker hier offenkundige Thatsachcn auf den Kopf stellt, ist wohl nicht dagewesen. Bekanntlich hatte Herr Stöcker, nicht aber die Juden, den bekannten Proeeß angestrengt und in seiner Eigenschaft als Zeuge zog er sich die schwere moralische Niederlage zu! Kassel, 18. November. (Franks. Ztg.) Die hiesige Po lizeidirection untersagte dem socialistischen Reichstagabgeordneten F. W. Pfaunkuch, der über das Thema „ die deutsche Socialdemokratie und deren Stellung zum Antisemitismus" reden wollte, die Abhaltung einer Versammlung. Herr Hofprediger Stöcker^beglückte bekanntlich unsere Stadt unbehelligt mit seiner politischen Weisheit. Siegen, 17. Nov. (Privatmitth.) Herr Stöcker in Siegen. Also Herr Stöcker war hier, in seinem Wahlkreise, und hat bei dieser Gelegenheit eine Rede gehalten, welche, das wollen wir gleich von vornherein zugestehen, sich von vielen ihrer Vorgängerinnen auf das Vorteilhafteste unterschied. Denn so gemäßigt, so friedliebend, so versöhnlich, wie gestern Abend hat Herr Stöcker wohl sonst noch nie gesprochen. Er, der Apostel des Antisemitismus, der es so vorzüglich versteht, die rohen Instinkte der Volksmasse zu wecken und zu erhalten, sprudelte gestern Abend förmlich über von Friedensliebe und Versöhnlichkeit. Da hörte man kein Wort von der „verdorbenen Judeupresse", von „nichtswürdigen Judenknechten", von „vaterlandslosen Fortschrittleuten", und wie die zärtlichen Kosenamen sonst alle heißen mögen. Nicht mit einer Silbe, es ist das ganz wörtlich zu nehmen, streifte der Herr Hofprediger dieses Kapitel, in dessen Behandlung er sonst unbestrittener und unübertroffener Meister ist. Er war, wie gesagt, nur ein Apostel des Friedens und der Versöhnung und mancher fragte sich verwundert: Wie, ist das noch derselbe Hofprediger Stöcker, der bei seiner letzten Anwesenheit in Siegen über Judeupresse und fortschrittliche Lügen so weidlich schimpfte? Aber nicht nach 'dieser einen Seite allein hatte sich die Situation seit dem letzten Hiersein Stöckers so merklich verändert, sondern auch nach anderer Richtung hin machten wir jetzt ganz andere Beobachtungen und Wahrnehmungen als vor zwei Jahren. Da war vor allen Dingen gestern Abend im Publikum nicht mehr jene begeisterte und enthusiastische Stimmung vorherrschend, die sonst den Herrn Hofprediger stets zu empfangen pflegte. Eine kühle ablehnende Haltung wurde von fast allen Anwesenden offen und rückhaltlos zur Schau getragen, und nur vereinzelte Bravos in verschiedenen Ecken des Saales belehrten Herrn Stöcker, daß die Zahl seiner Allhänger auf ein Minimum reduzirt worden sei. Bemerken wollen wir noch, daß auch einige Vertreterinnen seiner weiblichen Anhänger erschienen waren, zu ihrem großen Leidwesen jedoch auf Veranlassung eines Polizeisergeanten den Saal wieder verlassen mußten. Forschen wir nun nach den Ursachen, welche den für die Anhänger des Herrn Hofpredigers geradezu erschreckenden Rückgang der Stöckerfreundlichen Bewegung verschuldet haben, so brauchen wir wohl nicht lange zu suchen, um das Richtige zu finden. In erster Linie sind es wohl die noch frisch in Aller Erinnerung lebenden Stöckerprozesse, welche auch den Siegerländer endlich belehrt haben, daß ein Mann, wie jener Hofprediger, nicht fernerhin Vertreter des Siegerlandes im Reichstage sein dürfe. Die Thatsache, daß unser Kronprinz die wüscke, agitatorische Thätigkeit des Herrn Stöcker so scharf verurtheilt, hat auch die Bewohner unseres Kreises, die sonst stets so gute Patrioten sind, endlich vor die Frage gestellt, ob es opportun sei, einem Manne auch fernerhin die Stimme noch zu geben, welcher von einem hervorragenden Mitglieds unseres königlichen Hauses so offenkundig verleugnet wird. Endlich trugen auch wohl noch die in den Stöckerprozessen

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