Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 49 (30.11.1886)
- Date
- 1886-11-30
- Page
- Seite 773 (sequence 5)
- Language
- German
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773 mathshaus für Töchter höherer Stände (zur Erlernung der Buchführung), 1 Mädchen das Seminar für Kindergärtnerinnen, 1 Mädchen die k'inderpflegerinnenschule. Ein aus der Schule bereits entlassenes Mädchen erlernt das Waschezunchteri. Von den 14 Zöglingen, welche in den letzten Jahren die Anstalt verlassen haben, widmeten sich 4 Knaben dem Kaufmannsstande und erlernen 6 Knaben und 4 Mädchen ein Handwerk. Der Fürsorge der jüdischen Waisen- Kommission sind zur Zeit 53 Knaben und 70 Mädchen unterstellt. Unter den 123 Waisenkindern, die gegen Entgelt theils ihren Mütter» überlassen, theils bei Familien untergebracht sind, befinden sich 3 Knaben und 3 Mädchen, welche das schulpsiichtige Alter noch nicht erreicht haben, und 6 bereits aus der Schule entlassene Mädchen, die ein Handwerk erlernen. Oeffentliche Unterrichtsanstalten besuchen demnach 111 Pfleglinge und zwar von den Knaben: 21 die jüdische Gemeinde-Knabenschule, 24 die Kommuualschulen, 3 das Sophien-Gymnasium, 1 das Köllnische Gymnasium, 1 das Friedrich-Wilhelms-Gymnasium; von den Mädchen: 37 die jüdische Gemeinde-Mädchenschule, 17 die Kommunalschnlen, 7 mittlere P'ivatschulen. Das jüdische Krankenhaus verpflegte 18>3: 1077 Kranke mit 34,625 Verpflegungstagen; 1884: 10^7 Kranke mit 32,622 Verpflegungstagen, und 1885: 1283 Kranke mit 35,41)1 Verpflegungstagen; außerdem wurden 1883 noch 5874, 1884: 7616 und 1885: 8246 Krankheitsfälle verzeichnet, welche in der Poliklinik des jüdischen Krankenhauses behandelt wurden. Für Diphteritiskranke wurde auf dem Grundstücke des Krankenhauses im Jahre 1884 eine Jsolirbaracke erbaut. Das Siechenhaus der jüdischen Gemeinde wurde im Jahre 1876 mit 6 Pfleglingen eröffnet und verpflegt gegenwärtig 24 Personen: 10 Männer und 14Frauen. Die Alterversorgungs- Anstalt zählt 118 Hospitanten; von denselben befinden sich 87 in dem Hause Große Hamburgerstraße 26, und 31 in der neuen von Moritz Manheimer und Gattin gestifteten Anstalt, Schöllhauser Allee. Den Insassen des Siechenhauses und der Alterversorguugs-Anstalt wird vollständig freier Unterhalt und je nach Bedülfniß auch ein monatliches Taschengeld gewährt. An Zuwendungen edler Wvhlthäter verzeichneten in den letzten drei Jahren: die Armen-Kommission 43,831.35 Mark; die K.ankenverpflegungs Anstalt 40,510.50 Mark; das Siechenhaus 18,594 Mark; das Waisenhaus 24,472 Mark; die Waisen-Kommission 6250 Mark uud die Alterversorgungs-Anstalt 192,686 Mark. Die gezahlteu Gemeindebeitrüge incl. der Rest aus den Vorjahren seitens der Mitglieder der jüdischen Gemeinde betrugen 1883: 473,099.75 Mark, 1884: 496,811 Mark und 1885: 521,211.75 Mark. Berlin, 17. November. Dieser Tage ist hier ein bereits vor Jahren von dem Vorstand der Synagogengemeinde im Verein mit dem Rabbmatskollegium gefaßter Beschluß zum ersten Male zur Ausführung gelangt. Derselbe ging dahin, es sei zu gestatten, daß die Asche der durch Feuer bestatteten Leichen auf dem jüdischen Friedhof beigesetzt und die Ceremonie mit einem Gebet zu begleiten sei. Die Aschenurne, die in solcher Weise der Erde übergeben wurde, enthielt die Ueberreste des zu Anfang dieses Monats verstorbenen Sanitätsraths Dr. Löwenthal. — Das Komitee, welches der Stadt 7000 Mark zu einer Ludwig-Löwe-Stiftung übergab, hat bcnt Vorstände der jüdischen Gemeinde dieselbe Summe zu gleichem Zwecke, behufs einer Stiftung im jüdischen Krankenhause übergeben. Berlin, 21. November. Im ersten Berliner Wahlbezirke hoben die Ersatzwahlen für Ludwig Löwe begonnen. In den Landtag ist der deutsch-freisinnige Dr. Hermes gewählt worden, dessen Wahl überhaupt nicht fraglich war, da die Wahlmänner überwiegend der freisinnigen Partei angehörten. Dagegen ist in die Stadtverordnetenversammlung von der dritten Klasse der Stöckerianer Kaufmann Gerold, ein an sich durchaus unbedeutender Mann, gewählt worden. Die Hauptschuld soll die Fahrlässigkeit der deutsch - freisiunigen Partei tragen; in der That war die Betheiligung an der Wahl sehr schwach. Derselbe Gerold ist nun von der conservativ-antisemitischen Partei — die sich also dennoch identificirt hat — zu ihrem Candidaten für den Reichstag ausgestellt worden. Der sechste December wird darüber entscheiden. Kassel, 15. Nov. (Franks. Z.) Das vielfache Fiasko, das seil Jahr und Tag der Vater des „Antisemitismus", Herr Hofprediger Stöcker, sammt seiner „conservativ christlichsozialen Heilslehre" hat, brachte es doch noch nicht fertig, ihn dem Gebiet der Politik abzuwenden und seinem geistlichen Berufe ausschließlich zurückzugeben. Auch der hiesige „konservative Verein" hielt es für angemessen, Herrn Stöcker zu einem Vortrag in öffentlicher Versammlung auf's Neue einzuladen, eine Einladung, welcher derselbe natürlich bereitwilligst Folge leistete. Der Herr Hosprediger sprach heute Abend 8 Uhr im großen Stadtparksaal über „Die Aufgabe der konservativen Partei um das Bolkswohl". Daß es der Redner bei Behandlung dieses Vortrags-Gegenstandes sich nicht versagen konnte, in der ihm eigenen Art auch die „Judenfrage" wiederum zur Sprache zu bringen, ließ sich denken. Wohl in der Voraussetzung, daß es leicht zu erregten Debatten kommen könnte, hatte der Vorstand des Conservativen Vereins in der betreffenben Ankündigung ausdrücklich zu bemerken für gut befunden: „Jeder, der sich den Anordnungen des Präsidiums fügen will", ist eingeladen. Allerdings sollten die Antisemiten vom Schlage des Dr. Capristrano Boeckel, welche sich bekanntlich von ihrem „Herrn und Meister" und auch von der conservativen Sache völlig losgesagt haben und nur noch in von politischen Parteien unabhängigem Judenhaß machen wollen, nicht übel Lust gehabt haben, dem Herrn Hofprediger