Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 48 (23.11.1886)
- Date
- 1886-11-23
- Page
- Seite 766 (sequence 14)
- Language
- German
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764 wir den Hafen, auf welchen wir losgesteuert. Aber ich habe es immer so gehalten, daß ich geduldig ausharrte und kräftig kämpfte und mir bewußt erhielt, daß nach dem Sturme immer wieder Sonnenschein und Ruhe, wie nach diesen immer wieder einmal der Sturm kommt. Und hierzu das Vertrauen, die Zuversicht auf die Fügung und den Beistand der göttlichen Vorsehung, dieses echte und dauernde Element unserer Religion! Ein kurzes, kräftiges Gebet zum Herrn empor, und ich zog mehr Kraft daraus, als ich es aus allen Philosophemen aller Zeiten hätte ziehen können. Glaube, Freund, ich habe mir all' die dunklen Schatten, die ein Erlebniß oder ein Zustand über mich und die Meinigen warf, niemals verborgen. Ich halte ein anderes Verfahren für recht unglücklich. Wir müssen uns stets klar machen, was uns bedroht, um ihm mit aller Anstrengung nach bestem Wissen entgegenzutreten. Sonst würden wir auf den ersten heftigen Stoß des Schicksals machtlos zu Boden stürzen und uns kaum wieder erheben können. Aber nicht minder nacktheilig erscheint es mir, statt jenes Leichtsinns den Trübsinn zu pflegen, und das Nebel, das auf uns heranrückt, für so groß, so überwältigend zu halten, daß unsere Widerstandskraft erlahmt. Ich halte mich an das einfache Wort, jedes Ding hat zwei Seiten, und es kommt darauf an, beide wohl in Betracht zu ziehen, um selbst an dem schlimmsten Dinge den Punkt zu erkennen, an welchen ich den Hebel anzusetzen habe, um es ohne allzu großen Schaden an mir vorüber zu bewegen. Nennst Du das Optimismus, so ergebe ich mich darein, ein Optimist zu heißen. — Lieber Freund, erwiderte mir Jener, kommen wir von unserem Gegenstände nicht zu weit ab. Nicht sowohl wie Du in gefährlichen Momenten Dich zu benehmen weißt, hat mir stets Achtung eingeflößt; vielmehr die Heiterkeit, die ungetrübte Stimmung, die Dich im Gleichmaß der Tage nicht verläßt; die bei jedem Gruße Dich freundlich aufblicken und ein angenehmes Wort Dich sprechen läßt und die erst recht aufleuchtet, wenn man Dich in Deinem Heim aufsucht. Dies ist eine sehr löbliche Eigenschaft, und ich habe lange, jedoch vergebens, gerungen, sie mir anzueignen. Ich kam zuletzt zu dem Schlüsse, daß sie eine Gabe der Natur, eine Anlage ist, die, sei es von den Eltern, sei es von den Großeltern, durch Vererbung auf uns gekommen. Aber auch das Gegentheil ist von dieser Herkunft, und so müssen wir uns darein ergeben, diese Gabe des Geschickes mit uns durch das Leben zu tragen, ohne daß wir sie viel zu verändern vermögen. — Halt! kommt mir nicht schon wieder mit Eurer „Vererbung!" Seht Ihr denn nicht, daß dies nur ein neues Gewand für das altgriechische und altrömische und muhamedanische Fatum ist? Der alte Begriff mit einem neuen Mäntelchen bekleidet. Immer dieselbe Erfahrung, die Weisen und Gelehrten erfassen einen der vielen Factoren der Natur und machen ihn zum Alleinherrscher der Welt! Ich gebe ja zu, daß in dem Keime, aus welchem der Mensch entsteht, dieser und jener Keim für diese und jene Anlage vorhanden ist. Aber was will ein Keim sagen — er kann erdrückt, zersetzt, lebend unfähig werden. Ist denn der menschliche Geist gleich einem thönernen Blumentopf, in welchem, ohne daß er davon berührt wird, oder sich darum kümmert, die hineingepflanzten Schößlinge in die Höhe schießen? Oder ist die Seele nichts als ein Gefäß, in welches die Hinterlassenschaft eines früheren Geschlechtes hineingelegt und aufbewahrt wird? Allerdings können wir aus überlieferten Portraits manche ähnliche Gesichtszüge zwischen den verschiedenen Generationen einer und derselben Familie — ebenso oft aber auch keine — erkennen. Wo ist aber das seelische Portrait des Gro߬ oder Urgroßvaters, der Groß- oder Urgroßmutter aufbewahrt, um wirklich mit den Charakterzügen des Enkels verglichen werden zu können. Sie sind wie Schemen vorübergegangen, und die Sage von seinem Dasein und seinen Eigenthümlichkeiten ist so abgeblaßt oder aufgefärbt, daß nichts davon mit der lebendigen Person ernstlich verglichen werden kann, die vor uns steht. Ich habe Menschen gekannt, in welchen Habgier, Wollust, Jähzorn und Tücke vereinigt und leider recht scharf ausgeprägt waren. Welche dieser Leidenschaften nun war ererbt? Und hat nicht die Wissenschaft selbst bereits gellend zu machen angefangen: „Erworbenes kann nicht vererbt werden," d. h. Alles was das Individuum selbst sich ancignet oder anschafft, kann nicht dem Keime eingesenkt werden, ist also nicht vererbbar. Da geht freilich ein bedeutendes Stück Entwickelungstheorie in die Brüche, denn der Nachfolger kann also das, was in ihm vererbt ist, nicht weiter entwickeln und seinem Nachfolger es weiter übergeben. Nein, hier kommt Alles auf die Erziehung, die Selbsterziehung, die Erziehung durch das Leben, durch die Verhältnisse von Jugend an, durch die Erlebnisse und ihre Wirkungen an. Wenn es in der Schrift heißt: „Die Sünde liegt vor der Thüre, du aber kannst über sie herrschen", so gilt dies in vollem Sinne auch von dem, was sich etwa im Keime von einem Geschlechte zum anderen vererbt. Wir sind eben dazu bestimmt und berufen, es zu erdrücken und groß zu ziehen, es zu modificiren und zum Guten zu bilden und vermögen dies auch. Ich erachte es daher für eine recht schlechte Entschuldigung, zur Rechtfertigung eines groben Fehlers zu sagen: das habe ich von meinem Vater oder meiner Mutter oder höher hinauf, und so die Verantwortlichkeit auf ein früheres Geschlecht abzuwälzen. Es ist dies sehr bequem und gerade so, wie der Grieche oder der Türke seine selbst verschuldeten Geschicke, die aus seinen Fehltritten hervorgegangenen Folgen auf ein Fatum, auf die Vorsehung oder vielmehr die unabänderliche Vorausbestimmung zu wäll zen. — Ich hatte mich recht warm gesprochen und bat meinen