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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-11-23 · Heft 48 (23.11.1886) · p. Seite 765

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 48 (23.11.1886)
Date
1886-11-23
Page
Seite 765 (sequence 13)
Language
German
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765 welche erklärten, es verstoße nicht gegen das jüdische Gesetz, wenn Kinder von Israeliten an jüdischen Feiertagen die Schule besuchen. Rev. Dr. Jsaac M. Wise, der Präsident des „Union Hebrew Theological Seminarh", unterstützte dagegen Rabbi Browne in seinen Ansichten und von conservativen Juden wurden die Gutachten mehrerer Rabbis des Continents über die Frage eingeholt. Rev. Dr. Adler, der Chief-Rabbi von England; Rev. Dr. Isidor, der Groß-Rabbi von Frankreich; Rev. Dr. Jellinek in Wien, Rev. Dr. Kahserling in Pest u. a. sowie die Ober-Rabbiner von Marocco und Jerusalem sprachen sich in längeren Schreiben dahin aus, daß Rabbi Browne's Ansicht die richtige sei. Gleichzeitig liefen Schreiben von Jnspectoren der öffentlichen Schulen der größeren Städte des Landes ein, worin es hieß, daß in den letzreren Kindern jüdischer Eltern an deren Feiertagen das Fernbleiben aus den Schulen nicht vorgemerkt werde. Mit diesen Gutachten versehen, legte am 4. dss. Mts. Rabbi Browne seine Sache dem hiesigen Schulrath vor und dieser faßte den Beschluß, daß auch hier die jüdischen Kinder an israelitischen Feiertagen den öffentlichen Schulen fernbleiben können, ohne daß es ihnen vorgemerkt werden solle. Dieser Beschluß wurde gestern in einem Cirkulare den sämmtlichen Direktoren der hiesigen öffentlichen Schulen mitgetheilt. Ienilleton. Plaudereien unter Freunden. Der Wind fährt über die Stoppelfelder. Die Bäume schimmern in bunten Farben verschiedenster Nüancirung, haben jedoch einen großen Theil ihres Schmuckes bereits auf den Boden fallen lassen. Die scharfe Luft deutet auf nahen Schnee, und der Frost wird nicht lange zu folgen unterlassen. Zu solcher Zeit wird mein Freund stets etwas trübsinnig gestimmt; sein Auge ruht dann trauernd auf der Natur. So war es auch heute, da ich mit ihm durch die Flur wanderte. Er sprach viel von der Flüchtigkeit der Zeit, von der Vergänglichkeit alles Irdischen, von der Krone, die in den Staub fällt und zu Staub zerfällt, und wie die Natur gleichsam sich selbst das Todtenbett und die Gruft zubereitet. Ich lächelte, und sagte nur: Du bleibst doch ewig jung, Freund Sigismund. Er blickte mich verwundert an und fragte: Wieso Bester? — Nun, erwiderte ich, in der Jugend sind solche Sentimentalitäten, wie Du sie eben losgelassen, ganz natürlich. Wir leben da so mit der Aeußerlichkeit und alle Erscheinungen fallen uns so ins Auge, als ob sie ganz neu oder selten wären, so daß wir absonderliche Betrachtungen damit verbinden. Aber wenn man erst fünfmal ein Dutzend Jahre auf dem Rücken hat, so sollten wir die Dinge doch anders ansehen. Wir wissen ja längst, daß hinter dem Frühling und Sommer der Herbst und der Winter kommen und nach diesen wieder der Lenz erscheint. Wir könnten also dessen gewohnt sein. Noch mehr. Wir wissen ja, daß zu gleicher Zeit, wenn der Winter bei uns ringsum Alles erstarrt, der heiße Sonnenbrand in einem anderen Welttheile herrscht, daß also Frühling, Sommer, Herbst und Winter zu derselben Zeit auf dem Erdball vorhanden sind, gerade wie Mörgen- und Abendröthe ununterbrochen um unsere Erde fahren, Tag und Nacht, hüben und drüben auf der Erde verweilen. Jetzt, wo jedem unterrichteten Menschen all dies bewußt ist, haben Klagen derart, wie Du sie eben vorgebracht, keinen Platz und kein Schick mehr. Die Natur legt sich niemals auf das Todtenbett oder in die Gruft, läßt niemals ihre Krone fallen, sondern als fürsorgliche treue Mutter theilt sie ihre Gaben bald hier, bald dort aus, um keines ihrer Kinder zu vergessen. Und dann, Freund, haben wir Menschen es nicht verstanden, uns jegliche Jahreszeit behaglich, ja genußreich zu machen? Ruft uns nicht dieser Herbst, den Du beklagst, zu den Reizen des geselligen Verkehrs, zu den Annehmlichkeiten eines wohl eingerichteten Hauses zurück? Weckt nicht dieser kühle erfrischende Lufthauch die Thatkraft in uns von Neuem, daß wir rüstiger an die Arbeit gehen und zu neuen Unternehmungen uns angeregt fühlen? Doch das weißt Du ja Alles ebenso gut wie ich. — Ja, rief mein Freund aus, Du bist ein Optimist, und weißt allen Dingen und Ereignissen eine freundliche, ja nützliche Seite abzugewinnen. So glücklich ist nicht Jeder und ich erst recht nicht. Ich habe in meinem Leben so viel Schweres, mich tief Erschütterndes, so viele Sorgen und Enttäuschungen erfahren, daß Niemand mir einen Borwurf daraus machen kann, wenn ich düster hinausschaue und das grüne Laub beklage, das gelb und verschlissen vom Baum des Lebens fällt. — So, sprach ich, ernst werdend, und meinst Du, daß es mir anders ergangen? daß es überhaupt, sehr geringe Ausnahmen Vorbehalten, die mir jedoch noch zweifelhaft sind, irgend Wen gegeben, dem es nicht ebenso ergangen, dessen Fahrzeug auf dem Ozean des Lebens nicht ost genug herumgeworfen, nicht oft genug dem Scheitern und Bersten nahe gebracht worden? Eine glückliche Fahrt kommt uns nur in seltenen Zeitpunkten des Lebens zu, und selten erreichen

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