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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-11-23 · Heft 48 (23.11.1886) · p. Seite 762

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 48 (23.11.1886)
Date
1886-11-23
Page
Seite 762 (sequence 10)
Language
German
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762 raths vom 18. Mai 1864 (enthalten in der „Zusammenstellung von Gesetzen und Verordnungen rc." von Dr. D. Mayer S. 15 und S. 17) ersehen. In Gemäßheit dieser Verordnungen wird mit Genehmigung des Ministeriums der Justiz, des Cultus und Unterrichts in den Voranschlag für die Centralcasse jährlich für Beiträge an bedürftige israel. Gemeinden zur Bestreitung ihrer Cultusbedürfnisse die Summe von 2000 M. ausgenommen. Von dieser Summe kamen zur Verwendung im Jahre 1880: 3855 M., 188i: 2095 M., 1882: 2380 M., 1883: 2225 M., 1884: 2640 M. und im Jahre 1885 ein ungefähr gleichkommender Betrag. Außerdem erhalten die Religionsschullehrer jährliche Personalzulagen, welche mittelbar auch den Gemeinden zu Gute kommen. Zur näheren Orientirung erlaube ich mir, auf die Veröffentlichungen in dem Verordnungsblatt des Großh. Oberraths vom Jahre 1884 Seite 9 u. f. und Seite 24 u. f. und vom Jahre 1885 Seite 31 u. f. zu verweisen. Bei diesem Anlasse möchte ich noch auf eine in den jüngsten Tagen ins Leben getretene neue, höchst zweckmäßige Anstalt hier Hinweisen, nämlich die Errichtung eines Internats für israel. Zöglinge des Lehrerseminars, in welchem dieselben eine anständige Verpflegung, Wohnung und Ueberwachung finden sollen und so insbesondere nicht mehr wie bisher auf den zeitraubenden, ihr Ehrgefühl verletzenden, sogenannten Wandertisch angewiesen sein werden. Ueber die vorbereitenden Schritte zum Zwecke der Anstalts-Gründung und über die stattgehabte Eröffnung der Anstalt können Sie das Nähere aus der hier folgenden Veröffentlichung ersehen. Karlsruhe, 4. Nov. (Israelitisches Landesstift.) Seit alter Zeit waren die israelitischen Zöglinge des hiesigen Lehrerseminars, da sie das mit diesem verbundene Internat nicht benützen konnten, genöthigt, für Beschaffung von Wohnung und Beköstigung selbst Sorge zu tragen. Bon Hause aus meist unbemittelt, mußten sie möglichst billige, wenn auch theilioeise recht ungeeignete Zimmer zu miethen und den nöthigen Unterhalt im Wege der Mildthätigkeit — mittelst des sog. Wandertisches — zu erlangen suchen. Vor zwei Jahren nun stellte ein in England lebender Badener, welcher sich s. Zt. an dem hiesigen Seminar für das Lehrfach ausgebildet und das Demüthigende und Beschämende des „Herumessens" an sich selbst bitter empfunden hatte, dem Großh. Oberrathe der Israeliten die Summe von 2000 M. als erste Grundlage für einen Fond zur Gewährung freier Beköstigung an minderbemittelte israelitische Seminaristen zur Verfügung. Im vorigen Jahre ließ er weitere 2010 M. folgen und ein anderer in England wohnender Badener, welcher hiervon Kunde erhalten, sandte sofort ebenfalls 2000 M. Nachdem so in kurzer Zeit ein Grundstock von 6000 M. angesammelt war, wandte sich der Großh. Oberrath unter Hinweis auf diese edlen Vorbilder an die israelitischen Gemeinden des Landes, indem er dieselben mit Genehmigung der zuständigen Ministerien zur Sammlung freiwilliger Beiträge für den gleichen Zweck aufforderte. Das Ergebniß war ein recht günstiges, indem auf diese Weise die Summe von 15,000 M. aufgebracht wurde, wovon die Israeliten der Residenz allein über 5000, diejenigen in Mannheim gegen 3000 M. spendeten. Im Besitze dieser Mittel bemühte sich der Großh. Oberrath, da es bis. her auch an einer geeigneten Ueberwachung der in der Stadt zerstreut wohnenden israelitischen Seminaristen gefehlt hatte, ein vollständiges Internat für dieselben einzurichten, und es gelang auch, hierfür bald eine passende Wohnung in günstiger Lage hiesiger Stadt (Zirkel Nr. 14) miethweise zu erwerben. Als Leiter der neu zu errichtenden Anstalt wurde Rabbiner Dr. Treitel hier, der bisherige Religionslehrer der israelitischen Seminarzöglinge, gewonnen. Mit dem heutigen Tage ist nunmehr dieses Internat unter dem Namen „Israelitisches Landesstift" in's Leben getreten, nachdem gestern Abend eine einfache, aber würdige und erhebende Einweihungsfeier stattgefunden hatte. An derselben betheiligten sich Mitglieder des Oberraths und des hiesigen Synagogenraths, der Großh. Seminardirector Leutz, Bezirksrabbiuer Dr. Sondheimer von Heidelberg, Stadt- und Conferenzrabbiner Dr. Schwarz von hier und eine größere Anzahl sonstiger geladener Personen. Nach Vortrag eines Psalms durch den Chor der Zöglinge hielt Oberrath Millstätter in markigen und von jugendlichem Feuer durchglühteu Worten die Eröffnungsrede, an deren Schluffe er die neue Anstalt ihrem Vorstände überantwortete und. die Mitglieder des für dieselbe bestellten Verwaltungsraths in ihr Amt einführte. Director Dr. Treitel verbreitete sich hierauf in lichtvoller Ausführung über die Grundsätze, nach welchen er die ihm unterstellte Anstalt zu leiten gedenke und über die Ausgaben dieser letzteren als eines sich enge an die staatliche Lehrerbildungsanstalt anlehnenden Unternehmens. Nach Beendigung des eigentlichen Festactes wurde em Rundgang durch die Räume des Internats unternommen, deren Eintheilung und innere Einrichtung allgemein befriedigte. Die ganze Wohnung besteht aus acht Zimmern, von welchen vier für die Familie des Directors Vorbehalten sind, eines als Conferenzzimmer dient und drei (zwei Schlafsäle, ein Eß- und Arbeitszimmer) zur Unterbringung der Zöglinge verwendet werden. Die Verköstigung wird von dem Director gegeben, die Jnternatsordnung enthält im Wesentlichen die für das Großh. Lehrerseminar I. hier geltenden Bestimmungen. Möge die neue Anstalt, welche einem längst gefühlten Bedürfnisse entspricht, indem sie die israelitischen Seminarzöglinge der zeitraubenden und ihr Ehrgefühl verletzenden Inanspruchnahme der Privatwohlthätigkeit enthebt, allezeit zum Segen wirken!

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