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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-11-23 · Heft 48 (23.11.1886) · p. Seite 761

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 48 (23.11.1886)
Date
1886-11-23
Page
Seite 761 (sequence 9)
Language
German
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761 jüdische Geist hat dort nach wie vor seine Stätte und seine Vertretung. Und am Ende hat es ja auch mit dem äußeren Verschwinden seine eigene Bewandtniß. Die Socialdemokratie scheint sich, wie das genannte jüdische Blatt hervorhebt, nunmehr dem Semitenthum zuzuwenden. Ihr meistgenannter „Macher" ist gegenwärtig ein Jude. Daß die Sympathie dabei eine Rolle spielt, vermöchten wir nach dem, was wir über die Denkweise mancher socialistischen Führer zufällig wissen, allerdings bezweifeln. Allein die Partei braucht Geld, und das kann sie eben nur von Juden bekommen. Daß die „Conservative Correspondenz" sich an die kleine Correspondenz „Vom Rheine" in Nr. 44 S. 696, nicht aber an den größeren Leitartikel in derselben Nummer „Die Conservativen und die Antisemiten" hält, erweist, daß sie die Auslassungen in letzterem nicht zu bestreiten vermag. Wenn sie ihr besonderes Gewicht darauf legt, daß die Juden keine „Sympathie" im Volke besäßen, so weiß sie doch recht wohl, daß es vorzugsweise den angestrengten Bemühungen der Conservativen und Antisemiten vermittelst ihrer zumeist völlig ungegründeten Anschuldigungen gelungen ist, jede „Sympathie" für die Juden zu verscheuchen. Sie könnte sich also gar nicht wundern, daß die von ihrer Partei ausgestreute Saat aufgeschossen ist. Bemerkenswerth ist aber ihre Behauptung, daß zwar die Juden aus dem Parlamente verschwunden, „der jüdische Geist aber dort nach wie vor seine Stätte und seine Vertretung" habe.. Wir fassen dies als ein Compliment für uns auf, hätten aber gewünscht, daß die „C. C." ihren Begriff von dein „jüdischen Geiste" näher definirt hätte, um ihn mit dem im Reichstage herrschenden Geiste vergleichen zu können. Behauptungen sind bekanntlich noch keine Beweise. Auffällig ist es uns, daß die „C. C." sich einer Veränderung unserer Ausdrücke schuldig macht. Wir hatten gesagt, daß die Socialdemokraten sich um Abstammung und Confession nicht kümmern. Die „C. C." macht daraus „um Abstammung und Ansichten" — das ist etwas himmelweit von einander Verschiedenes; es ist ein herber Vorwurf für eine Partei, daß sie sich nicht um „Ansichten" bekümmere. Ein conservatives Blatt müßte doch wohl den richtigen Wortlaut conserviren! Aber auch das ist falsch, daß wir „hervorgehoben" hätten, die Socialdemokratie scheine sich nunmehr dem Semitenthum zuzuwenden, wir haben nichts weiter gesagt, als daß die Socialdemokraten „willig Juden zu ihren Abgeordneten wählen". Eine wirkliche Verbindung zwischen Judenthum und Socialdemokratie ist, wie wir schon oft auseinandergesetzt, wegen völlig entgegengesetzter Grundsätze nicht möglich. Zuletzt will das conservative Blatt die Wahl einiger Juden durch diese socialdemokratische Partei dadurch erklären, daß die letztere Geld brauche, „das sie eben nur von Juden bekommen kann." Nun, die conservative Partei braucht auch Geld, wie die „C. C." recht gut weiß. Die Klagen, daß die Partei namentlich für die conservative Presse kein Geld hergebe, erschallen oft und hat erst neulichst das Cirkulär des Herrn v. Keller an die Officiere sehr deutlich ausgesprochen. Wenn aber irgend eine Partei große Opfer für ihre Sache bringt, so ist es die socialdemokratische, deren Mitglieder an Geld wahrlich keinen Ueberfluß, keinen großen Grundbesitz und keine hohen Stellungen haben. Berlin, 11. Nov. Die beiden Bundesgenossen Stöcker und Prof. Wagner sind doch nunmehr zu der Einsicht gekommen, daß sie bei der gouvernementalen Presse, also in den gouvernementalen Kreisen in Mißkredit gerathen sind. Wurden sie doch erst jüngst wegen ihrer christlich-socialen „Radauversammlungen" (die durch die überwachenden Polizeibeamten geschlossen werden mußten) gehörig abgeschüttelt. Hiergegen protestirten Stöcker und Wagner und letzterer schloß mit folgenden Worten: Die Leute der Mittelpartei, die satte Gesellschaft, sind so bequem, sie fühlen sich zu vornehm und fürchten auch in! ihrer Feigheit etwaige Angriffe. Sie bleiben zu Hause, rümpfen die Nase und wo sie uns ein Bein stellen können, thun sie es mit Vergnügen. Das ist nicht die Art und Weise, wie man am Schluffe des 19. Jahrhunderts praktische Politik macht. Wir wissen sehr wohl, daß die großen gesetzgeberischen Reformen nicht in Volksversammlungen ausgiebig behandelt werden können, wir wissen aber, daß auch die bestgemeinten Gesetze nicht gelingen, wenn nicht die öffentliche Meinung aufgeklärt ist. Die Presse aber allein genügt nicht, es muß das gesprochene Wort hinzukommen. Das haben wir bewirkt und da sollten wir nicht erwarten, daß die „Norddeutsche" uns wie Schulknaben abkanzelt, daß wir von der „Post" wie eine ganz unverständige Gesellschaft von oben I herab behandelt werden. Karlsruhe, 3. Nov. (Privatinitth.) Ich muß mir erlauben, zur Steuer der Wahrheit um Berichtigung einer von Ihnen einem in Ihrem Blatte Nr. 43 S. 683 enthaltenen Artikel (Aus Baden, 29. Sept.) beigefügten Redactions- Bemerkung zu bitten. Sie bemerken: so findet im Königreich Württemberg eine Unterstützung rc., welche aus Umlage auf alle Israeliten des Landes rc. nnd fügen bei: leider ist dies der einzige Fall in Deutschland rc. Ich muß diesen letzteren Satz dahin berichtigen, daß auch im Großherzogthum Baden eine israel. Centralcasse, welche aus Umlage auf alle Israeliten des Landes erhalten wird, seit lange besteht, aus welcher bedürftige Gemeinden zur Bestreitung ihrer Cultusbedürfnisse und namentlich ihres Aufwandes zur Bestreitung des Lehrergehaltes angemessene Unterstützungsbeiträge jährlich erhalten. Sie wollen das Nähere aus der Verordnung des Ministeriums des Innern vom 11. Dez. 1862 und der Instruction des Großh. Ober- 48

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