Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 48 (23.11.1886)
- Date
- 1886-11-23
- Page
- Seite 760 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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760 in Linz, als eben wegen seiner damals sich zeigenden antisemitischen Richtung gegen ihn agitirt wurde, sich mit aller Entschiedenheit für seine Wiederwahl einsetzte. Ja, schon damals konnte man hören, wie er selbst für den Fall, als er nicht wiedergewählt werden sollte, seinen Anhängern nahe legte, aus dem Deutschen Schulverein aus- und in den Allgemeinen deutschen Schulverein in Berlin einzutreten. Dem Austritte Herrn v. Schönerer's aus dem Aufsichtsrathe folgte bald sein Austritt aus dem Vereine, wobei er verlangte, daß sein und seiner Gemahlin Namen „aus dem Mitgliederverzeichnisse dieses verjudeten Vereines" gestrichen werden. Wir wissen nicht, was Herr v. Schönerer eigentlich mit dem Worte „verjudet" für einen Begriff verbindet, aber das Eine wissen wir, daß seit der Zeit als Herr v. Schönerer dem Aufsichtsrathe angehörte und sich um die Wiederwahl in diese Körperschaft lebhaft bemühte, bis zu seinem Austritte in dem Verein und seiner Leitung weder hinsichtlich der Mitglieder noch hinsichtlich der Thätigkeit und der Gebahrung mit dem Vereinsvermögen wesentliche Aenderungen vorgekommen sind, so daß wir nicht begreifen, worin denn die „Verjudung" gelegen sein soll. Wenn also eine Veränderung vor sich gegangen ist, dann ist sie in den Anschauungen des Herrn v. Schönerer und nicht im Schulverein vorgekommen." Das Rundschreiben schließt wie folgt: „Die Scheidung ist vollendet worden durch die Gründung des Schulvereins für Deutsche. Wir können sie heute nicht mehr ungeschehen machen. Aber wir möchten die Anhänger des Herrn v. Schönerer ernstlich fragen, ob sie sich die Folgen der Scheidung wirklich klar gemacht haben, ob sie auch jener schon in weiteren Kreisen bekannten Aeußerung des Herrn v. Schönerer zustimmen: „Der Deutsche Schulverein muß zu Grunde gerichtet werden." Das ist die ausgesprochene Absicht des Herrn v. Schönerer. Nachdem endlich einmal eine wahrhaft große nationale Schöpfung gelungen ist, soll sie vernichtet werden. Warum? Weil es Herr v. Schönerer nicht vermochte, sie nach seinem Gefallen zu gestalten und zu beherrschen. Was kümmert es ihn. daß für den Fall des Erfolges der Bestand einer großen Anzahl deutscher Schulen, welche eben so viele Bollwerke des Deutsch - thums sind, in Frage gestellt würde, daß zahlreiche Existenzen unmittelbar und mittelbar gefährdet würden, daß die Slaven ganz Oesterreichs in wilden Jubel ausbrechen würden!! Glücklicherweise haben die Bestrebungen, dieses Ziel zu erreichen, bisher nur geringen Erfolg gehabt. Wir wissen im Gegentheil, daß die Grundfesten des Deutschen Schulvereins nicht erschüttert sind und auch durch Herrn v. Schönerer trotz seines heißen Wunsches nicht werden erschüttert werden. Ja, wir geben die Hoffnung nicht auf, daß die theilweise Trübung des öffentlichen Urtheils vorübergehen wird, daß jene Stammesgenossen, welche sich vom Deutschen Schulverein abgewendet haben, durch die gemeinsame Noth wieder zurückgeführt werden zur gemeinsamen Arbeit." %eiku.vic^/yyiac Deutschland. Bonn, 14. Nov. (Privatmitth.) Auf den 25. November ist der deutsche Reichstag einberufen. Wir erinnern die Vorstände der Gemeinden daran, ihre Petitionen für die fernere Freiheit des jüdisch-rituellen Schächtens alsbald an das Bureau des Reichstages einzusenden, um dem letzteren das Interesse erkennbar zu machen, welches die jüdische Glaubensgenossenschaft an diesem hat und nimmt. Die Redaktion. Berlin, 10. Nov. (Privatmitth.) Wir lesen in dem conservativen „Deutschen Tageblatt" vom 7. ds. Mts: Die „Conservative Correspondenz" schreibt: Die „Mg. Ztg. des Judenthums" findet es „bezeichnend für die Situation", daß, sobald ein Parlamentarier „jüdischer Religion aus dem Leben scheidet", kein Jude wiedergewählt wird. Sämmtliche Parteien, die deutschfreisinnige nicht ausgenommen, stellen jetzt keine jüdischen Candidaten auf. „Die alleinige Ausnahme bildeten die Socialdemokraten, die sich um Abstammung und Ansichten nicht kümmern." Die Thatsache ist richtig; nicht einmal die Deutschfreisinnigen wollen oder können vielmehr Juden aufstellen. Dazu ist die antisemitische Strömung auch unter ihnen zu stark geworden und das in einer Zeit, wo kein Mensch behaupten kann, daß diese Strömung irgend welche äußere Ermuthigung oder Unterstützung findet, während das Semitenthum von seinem thatsächlichen Einfluß, soweit sich derselbe auf den Besitz und die mit demselben verbundenen Vortheile stützt, nicht das mindeste eingebüßt hat. Wie groß die Macht der bloßen Empfindung ist, könnte nicht schlagender dargethan werden. Beweis genug, daß es vollkommen ausreicht, sich auf diese Empfindung zu stützen, und daß es der Begründung einer besonderen antisemitischen Partei nicht bedarf. Damit, daß die Juden äußerlich aus den Parlamenten verschwinden, ist freilich noch nicht viel gewonnen. Der