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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-11-23 · Heft 48 (23.11.1886) · p. Seite 758

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 48 (23.11.1886)
Date
1886-11-23
Page
Seite 758 (sequence 6)
Language
German
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758 nicht anders. Auch hier fragte der Mensch, wenn er keine sichtbare Ursache gewahrte, die von ihm selbst oder von anderen Menschen unmittelbar herrührte, nach dem Urheber, suchte und fand ihn in einem höheren Wesen, und glaubte ihn in einem ihm frelindlich oder feindlich gesinnten Gotte zu erkennen. Dann erst spähte er nach einer Ursache dieser Gesinnung des Gottes und glaubte sie entweder in einer Vernachlässigung seines Dienstes oder in einem Vergehen, das er begangen, oder in einer leidenschaftlichen Aufwallung des Gottes zu finden. Es ist dies ganz derselbe Prozeß, in welchem der kindliche Mensch das Dasein der Götter überhaupt gefunden hatte. — Auf diesem Grunde des allgemeinen Polytheismus erhebt sich nun, wie Max Müller richtig bemerkt, die monotheistische Erkenntniß in Abraham, und wird von diesem seinen Nachkommen übergeben, wie wir hinzufügen, zur Weiterentwickelung durch Moses und die Propheten. Und ebenso richtig erklärt er dies durch „persönliche, göttliche Offenbarung". Wenn Müller diese Offenbarung als eine „innere Stimme, durch welche Gott zum Menschengeiste spricht", die zwar „schwach und schwächer wird, — ihren göttlichen Klang verliert, um sich in die Sprache der gewöhnlichen Weltklugheit verwandelt, aber von Zeit zu Zeit für die Auserwählten Gottes ihren wahren Klang wieder annimmt" — so hätte Müller viel deutlicher und präciser gesprochen, wenn er gesagt hätte: eine persönliche, göttliche Offenbarung im inneren Menschengeiste durch unmittelbare Einwirkung Gottes, wodurch diese innere Stimme zur Verkündigung göttlicher Wahrheit wurde. Wien, 9. November. Der deutsche Lchulverein gegen Schönerer. Sie haben in der A. Z. d. I. über die Machinationen berichtet, welche die Antisemiten, an ihrer Spitze Schönerer, gegen den deutschen Schulverein ins Werk gesetzt, weil dieser seinem Verlangen, die Juden aus dem Vereine auszuschließen» keine Folge gegeben. Die Absicht Schönerer's ging dahin, die deutschen Juden im cisleithanischen Oesterreich für Nichtdeutsche, für „Fremde" zu erklären und so seinen antijüdischen Wühlereien einen allgemeinen Boden zu verschaffen. Es ist ihm dies nicht gelungen, und der Vorstand des Schulvereins löste sogar zwei Ortsgruppen auf, weil diese den Ausschluß der Juden aus ihren Statuten nicht wieder entfernen wollten. Schönerer trat aus dem Vereine aus, wollte einen eigenen „Schulverein für die Deutschen" begründen, und nun entfaltete sich nach den: gewöhnlichen antisemitischen Regeln ein Kampf der Lüge und Verläumdung gegen den deutschen Schulverein, so daß dieser sich gezwungen sah, ein Cirkulärschreiben an die Ortsgruppenvorstände zu versenden, in welchem alle Anschuldigungspunkte widerlegt wurden. Wir heben aus diesem Rundschreiben einige Stellen hervor, welche theils uns ganz direct interessiren, theils die Handlungsweise des Schönerer und hiermit der ganzen antisemitischen Clique charakterisiren. Der dritte Punkt, den das Rundschreiben behandelt, betrifft die Frage der Unterstützung israelitischer Schulen. In dem Rundschreiben, welches an eine erfundene Mittheilung der Berliner „Deutschen Bolksschrift" anknüpft, heißt es diesbezüglich: „Wir wissen nicht, woher die „Volksschrift" die Fabel hat, daß der Deutsche Schulverein 113 jüdische Schulen erhalte. Nicht einmal die „Politik", welche sie als würdige Zeugin anruft, deutet etwas Derartiges auch nur im entferntesten an. Aber wohl haben wir bereits erfahren, was mit der Erfindung, der Schulverein gewähre 4000 Judenkindern Unterricht, bezweckt wird: In einer Zuschrift des bisherigen Obmanns der Ortsgruppe „Mühldorf", des jüngst unter der Aegide des Herrn v. Schönerer gewählten niederösterreichischen Landtags-Abgeordneten Bergani, wurde uns mitgetheilt, daß die Ortsgruppe sich aufgelöst habe, denn es wolle Niemand mehr zahlen, nachdem man erfahren habe, daß der Schulverein in Nordböhmen 113 Schulen für 4073 Judenkinder und nur 192 christliche Kinder erhalte!! Herr Bergani hätte wohl wirklich als Obmann einer Ortsgruppe nicht nur die Gelegenheit, sondern auch die Pflicht gehabt, sich besser über die Thätigkeit unseres Vereins zu unterrichten! Um aber allen solchen Lügen endlich ein Ende zu machen, sei zunächst constatirt, daß nicht Eine, geschweige denn 113 jüdische Schulen in Nordböhmen oder in irgend einem anderen Gebiete vom Deutschen Schulverein erhalten werden. Wir haben unseren Standpunkt hinsichtlich der Unterstützung von israelitischen Schulen, wie solche in den verschiedenen Formen der Cultusschulen, Schulen jüdischer Gemeinden und Privatschulen jüdischer Lehrer u. dgl. in Böhmen und Mähren Vorkommen, schon wiederholt in den bei den Hauptversammlungen erstatteten Berichten dargelegt und halten auch jetzt an diesen Grundsätzen fest: Dort, wo solche Schulen israelitischen Kindern, deren Eltern sich zum Tschechenthum bekennen, nur die Kenntntß der deutschen Sprache vermitteln sollen, wo also ein nationales Interesse nicht vorliegt, verweigert der Deutsche Schulverein grundsätzlich jede Unterstützung. — Dort aber, wo solche Schulen den nationalen Zweck fördern, sei es nun, daß sie auch für christliche Kinder der betreffenden Orte die einzige Möglichkeit deutschen Unterrichtes bieten, sei es, daß ihre Erhalter den Muth haben, trotz des auf sie ausgeübten Druckes und trotz der ihnen drohenden geschäftlichen Nachtheile sich zum Deutschthum zu bekennen, in diesen Fällen hält es die Vereinsleitung für ihre Pflicht, solche dem deutschen Unterrichte gewidmete Stätten zu unterstützen. Leider nimmt aber die Anzahl

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