Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 48 (23.11.1886)
- Date
- 1886-11-23
- Page
- Seite 757 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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757 Semiten eine besondere psychische Anlage für den Monotheismus zuzuschreiben, wie Renan und Burnouf erfunden und dafür in Deutschland so vielen Anklang gewonnen, ist durchaus irrig, denn alle semitischen Nationen, die Phönizier, Assyrer, Chaldäer, Araber, mit alleiniger Ausnahme der Israeliten, waren Polytheisten, und es währte mehr als drittehalb Jahrtausende nach Abraham, bevor die Araber, vom Schwerte Mahomeds bezwungen, den Monotheismus desselben annahmen. Diese geschichtlich unbestreitbare Thatsache haben wir stets den Ansichten jener beiden französischen Gelehrten entgegengehalten, bis Renan selbst sein System wieder aufgab. Aber auch linguistisch kann über den Ursprung der Religion nichts festgestellt werden, weil eben der Ursprung der Sprachen selbst in Dunkel gehüllt ist. Weisen die verwandten Wortstämme und grammatikalischen Formen darauf hin, daß die arischen Sprachen eine gemeinsame Ursprache hatten, so finden viele Linguistiker doch wieder so viel Gleich mäßiges in den arischen und semitischen Sprachen, daß sie sich gedrungen fühlen, auch für diese beiden Sprachfamilien eine einheitlich ursprüngliche Wurzel anzunehmen. Uns ist es aber nur gegeben, Gemeinsames aus schon entwickelten Sprachen herauszufinden, und gehen wir weiter zurück, so tappen wir doch nur im Dunkeln. Somit bleibt für den Ursprung der Religion nur die psychologische Erklärung. Hier aber müssen wir uns vor der Scylla der Mystik und vor der Charybdis der Dialektik hüten, und nur wenn cs uns gelingt, zu einer ganz einfachen Erklärung zu gelangen, dürfen wir uns für gesichert halten. An dem kindlichen, noch unentwickelten Menschengeiste beobachten wir nun Zweifaches, sobald er zum Bewußtsein erwacht ist. Zuerst: den unwiderstehlichen Trieb, den Zusammenhang zwischen Wirkung und Ursache zu finden, den Urheber der Vorgänge und Erscheinungen zu erfassen. Die Frage: wer hat dies gemacht? wer hat dies gethan? ist die nächste, die ein zum Bewußtsein erwachtes Menschenkind thut. Bei den Menschen und den Thieren sah der Mensch alsbald den Urheber des Geschehenen, die Art, wie sie es vollbringen. Anders bei den übrigen Naturerscheinungen. Hier war ihm die Ursache der von ihm beobachteten Wirkung verborgen. Deshalb setzte er in ihnen eine besondere Kraft, ein besonderes Wesen voraus, das diese Erscheinung belebt und zu der Wirkung führt, die sie hervorbringt. Je größer, je mächtiger die Wirkung des Vorgangs oder der Erscheinung war, desto gewaltiger erschien ihm das sich darin bethätigende Wesen, höher, übermenschlich, Gott. Zuzweit aber erkennen wir an dem kindlichen unentwickelten Menschengeiste, den Mangel der Fähigkeit, die einzelnen Erscheinungen und Vorgänge zusammenzufassen, in ihrem Zusammenhänge, in ihrer Zusammengehörigkeit zu befinden. Alles, was eine besondere, von allen anderen sich unterscheidende Erscheinung mit sich abzeichnender Wirkung ist, sieht er als ein besonderes Wesen, als eine eigene Existenz an, und da er in ihr eine eigene Kraft, ein eigenes Wesen, einen Gott schaut, so ist die Vielgötterei, der Polytheismus in natürlichster Weise erstanden. Was z. B. vom Himmel herniederzukommen scheint mit vorübergehender Wirkung, schreibt er dem Gotte des Himmels zu, wie Donner, Blitz, Regen. Sonne, Mond und Sterne aber, die an dem Himmel hinwandeln in konstantem Verlaufe ihres Erscheinens und Verschwindens, sind ihm eigene Götter. Die anschwellenden, stürmenden und sich wieder beruhigenden Wogen des Meeres sind durch einen eigenen Gott belebt und beherrscht. Erdbeben und Vulkane rühren ihm von Giganten her, die von den Göttern besiegt und unter die Berge geworfen sind. Aber selbst jeder Fluß und jeder Baum ist von einem Gottähnlichen Wesen bewohnt und geleitet. Erst nach langer Entwickelung des Geistes, besonders des Verstandes, gelangt der Mensch dahin, einen inneren Zusammenhang unter den Wesen, den Vorgängen und Erscheinungen zuerst zu ahnen, dann zu erkennen, die Einzelwesen als Glieder eines Ganzen zu erfassen, allgemeine Gesetze, eine natürliche Ordnung der Dinge zu gewahren. Zuerst gelangen hervorragende Geister zu dieser Einsicht, aber lange finden sie den heftigsten Widerstand bei der Masse der Menschen, die sich noch nickt zu dieser Erkenntniß erheben und von den tradirten Ansichten und Glauben loslösen können. Aber selbst diese Erkenntniß der tieferen Denker behält den Charakter des Weges, auf welchem sie erlangt ist: sie bleibt noch lange Zeiten hindurch nur ein metaphysischer Begriff ohne lebendigen, namentlich ethischen Inhalt. Dies letztere findet z. B. bei den griechischen Philosophen und ihren monotheistischen Definitionen, höchstens Plato ausgenommen, statt. Das hellenische Volk wußte mit diesen nichts anzufangen, leistete den philosophischen Systemen heftigen Widerstand und stellte ihnen Verbannung und Todesurtheile entgegen. — Dies ist die einfache psychologische Erklärung vom Ursprung der Religion, welche zuerst Fetischismus und Polytheismus sein mußte. Nun geben wir zu, daß im Leben des Menschengeistes und in seiner Entwickelung nicht blos ein einziger Faktor, sondern mehrere zugleich thätig sind. Deshalb haben sicherlich zur Entstehung und Fortgestaltung der Religion auch noch andere geistige Kräfte und Fähigkeiten mitgewirkt. Eine Ahnung des Ueberirdischen, eine Sehnsucht nach dem Höheren, eine Neigung zum Jdealisiren, alles Grundzüge der Menschenseele, mußten Mitwirken, um die in den Naturerscheinungen verborgenen Wesen dem Menschen zu Göttern, zu Wesen höheren und überirdischen Seins zu bilden, und so seiner Verehrung nahe zu bringen. Aber der hauptsächliche und entscheidende Verlauf war gewiß der, den wir oben gezeichnet haben. War es doch mit den Vorgängen im menschlichen Leben, mit den Geschicken, den günstigen und ungünstigen,