Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 47 (16.11.1886)
- Date
- 1886-11-16
- Page
- Seite 746 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227609-3227657--43979-3264371- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
746 — Leider * sagen wir, daß dem so in vielen Gemeinden ist und es vielleichtso bleiben wird, denn unsere Herren vom Geldadel haben in dieser Beziehung eine weitreichende Hand und entblöden sich nicht, diese gegebenen Falls recht fühlbar zu machen. — Ihr geschätzter Berichterstatter über den nationalliberalen Parteitag in Köln hat Eins übersehen oder nicht gewußt, was, wenn auch als nebensächlich, doch nicht der Erwähnung unwerth erscheint. Der Parteitag warnämlich auf den 9. October, also auf den Versöhnungstag anberaumt, ob mit oder ohne Absicht, sei dahingestellt. Wenn nun der Stöcker'sche „Reichsbote" über diese illustre Versammlung sagt, daß „zu ihrem Ruhme Gäste semitischer Abkunft gar nicht oder wenigstens in sehr geringer Anzahl da waren", so ist doch damit die Anwesenheit Einiger eingeräumt worden. — Daß Juden den verschiedensten Parteien angehören, ist notorisch; daß ferner die Nationalliberalen auch Juden zu ihren Anhängern, sogar als Vorstandsmitglieder in den Provinzialcomites zählen, daraus soll ihnen (den Juden) bei Leibe kein Vorwurf gemacht werden. Allein, daß Glaubensgenossen die politische Agitation über das religiöse Leben stellen, also am höchsten jüdischen Feiertage an einer profanen Versammlung theilnehmen, resp. zu derselben reisen, diese Thatsache ist doch sehr auffällig. Frankreich. Paris, 5. November. Die Budgetcommission hat abermals einen Posten vom israelitischen Cultusetat gestrichen, nämlich die 22,000 Frcs. für das Rabbinerseminar zu Paris. Nach der Meinung der Areh. isr. hat dieses Schicksal das Seminar nur um seines Namens willen getroffen. Es heißt „Seminar", und da alle katholischen und protestantischen Seminare ihren Staatsbeitrag verloren haben, so mußte dieses folgerichtig auch bei dem jüdischen der Fall sein. Hätte es z. B. Hochschule für die jüdischen Studien geheißen, so würde es seine Subvention behalten haben. Wir bezweifeln dies bescheidentlich, denn die republikanischen Feinde aller Religion hätten gefragt: was sind dies, „jüdische Studien"? und die Antwort hätte gelautet: theologische — und hiermit wäre das Schicksal der Anstalt entschieden gewesen. Unsere französischen Glaubensgenossen müssen und werden sich entschließen, diese Lehranstalt aus eigenen Mitteln zu erhalten, wie wir Deutsche es mit dreien derselben thun, und zwar aus der Opferwilligkeit von Privaten. — Das Amtsblatt veröffentlicht heute früh das Dekret betr. die Ernennung des Senators Millaud zum Bautenminister. Eduard Millaud ist Jude und in Tarascon (Rhone) 1834 geboren; er ließ sich 1856 in Lyon, der Hauptstadt seines Departements, als Rechtsanwalt nieder, wurde von der Regierung der Nationalvertheidigung 1870 zum Generalanwalt ernannt und übte vorübergehend das Amt eines Staatsanwalts aus, mußte aber im Mai 1871 seine Entlassung geben, weil er keine Preßprocesse anstrengen wollte. Am 2. Juli 1871 von den Lyoner Wählern mit 61,000 Stimmen in die Nationalversammlung geschickt, nahm er dort an wichtigen Debatten theil; er beantragte u. A. das Vermögen Napoleons III. zur Zahlung der Kriegskosten zu verwenden. Obwohl auf der äußersten Linken sitzend, nahm er doch im Gegensatz zu Louis Blanc u. A. die Verfassungsgesetze an. 1880 zum Senator der Rhone gewählt, schloß er sich im Oberhaus der Republikanischen Vereinigung an. Millaud hat mehrere, sehr geschätzte rechtswissenschaftliche Werke veröffentlicht. Die Presse aller Richtungen nimmt seine Ernennung günstig auf. Ranc betont im „Matin", wie gut es sei, daß man endlich einmal einen Bautenminister habe, der kein Ingenieur sei und also den Eisenbahngesellschaften gegenüber die Rechte des Staates energisch vertreten könne, denn die Ingenieure seien einzutheilen in solche, die im Dienste der Gesellschaften stünden, und in solche, die in deren Dienste zu treten hofften. Ein energischer Minister werde diesem Zustande ein Ende machen und den Ingenieuren die Wahl stellen, ob sie den Gesellschaften oder dem Staate dienen wollten. Rumänien. Bukarest, im November. Das Bulletin der All. isr. univ. für den Monat September enthält die Rede, mit welcher der rumänische Ministerpräsident Bratiano einer Interpellation des Senators Gherghel antwortete. Wir entnehmen derselben kurz: zuerst sprach er darüber, daß nach einer ministeriellen Vorschrift nur rumänische Aerzte angestellt werden sollten, daß aber leider die Anzahl der rumänischen Aerzte so gering sei, daß man vielen Gemeinden erlauben mußte, ausländische (d. h. jüdische) Aerzte anzustellen. Die Regierung habe jedoch die Bedingung gestellt, daß diese Aerzte immer nur auf ein Jahr angestellt würden. Außerdem wurde befohlen, daß nur Rumänen Pharmaceuten werden dürften, natürlich mit denselben Ausnahmen. Zu zweit besprach Bratiano die Rekrutirung der nicht naturalisirten Juden — bekanntlich sind dies mit höchst geringer Ausnahme alle Juden. Die früheren Kriegsminister waren dagegen, weil diejenigen, welche ihrer Wehrpflicht genügt haben, naturalisirt werden mußten. Bratiano aber war dafür, weil er in der Wehrpflicht keine politischen Rechte sehe, er zwar den beiden Kammern die Freiheit nach ihren Beschlüssen zu naturalisiren bewahren wolle, aber überzeugt sei, daß die Kammern diejenigen Juden, welche gedient haben, naturalisiren würden. Bratiano spricht hier eine Ueberzeugung aus, die er sicher-