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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-11-16 · Heft 47 (16.11.1886) · p. Seite 742

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 47 (16.11.1886)
Date
1886-11-16
Page
Seite 742 (sequence 6)
Language
German
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742 daß er die jüdischen Geistlichen und Vorsteher ausnahm und diesen, aber auch nur diesen, die Befreiung von der Curialpflicht wieder zurückgab. Nachdem die Völker des Abendlandes nach der großen Wanderung wieder seßhaft geworden, nahm der geschichtliche Verlauf insofern eine andere Richtung, als die das Alterthum beherrschende Erscheinung einer Art von Universalmonarchie nach der anderen nicht wieder vorkam, sondern die Völker nur gegeneinander um ihre Territorien und ihre Selbständigkeit rangen. Da nun die Juden durch alle diese Länder zerstreut waren, so kam es, daß kein Einzelner, kein Herrscher einen Einfluß auf das äußere und innere Geschick der jüdischen Gesamintheit wieder erlangte. Die Fürsten, die sie aus England, Frankreich, Spanien u. s. w. von Zeit zu Zeit oder gänzlich vertrieben, waren just keine großen Helden und fanden jene, aus einem Lande gedrängt, in einem anderen Zuflucht. Es waren daher nur große, die Welt erschütternde Begebenheiten, welche auf das Loos des jüdischen Stammes einwirkten. So die Kreuzzüge, welche das Unglück der Juden voll machten, die französische Revolution von 1789 und die revolutionären Erschütterungen von 1848, welche die bürgerliche Gleichstellung ihnen verschafften. Selbst die Kriege und die Gesetzgebung eines Karl des Großen berührten die Juden nicht. Der große Friedrich, der in glänzender Weise den Abschluß des „aufgeklärten Absolutismus" kurz vor dem Eintritt der französischen Revolution repräsentirt, war wie auch in anderen Beziehungen noch gegen die Juden voller Vorurtheile. Ließ er doch die Aufnahme Moses Mendelssohn's in die Akademie der Wissenschaften, die ihn vorgeschlagen hatte, nicht zu; belegte er doch die Juden mit der drückenden Porzellansteuer, um auf deren Kosten seine Porzellanfabrik zu heben; verweigerte er doch die Ansiedlung von Juden in der Festung Magdeburg, obschon kein Beispiel aus der Geschichte anzuführen gewesen wäre, daß Juden eine Festung verrathen hätten, und Magdeburg auch ohne jüdische Einwohner 1806 durch einen preußischen General verrathen wurde. — Wir hätten hier unsren Blick nur noch auf Napoleon I. zu richten. Wir sehen davon ab, daß in denjenigen Ländern, die er zu Frankreich schlug, wie Italien, Belgien, Holland, die Rheinlande, wie auch im Königreich Westfalen, die dortigen Juden alsbald völlig gleichgestellt wurden. Es war dies nicht seine besondere Intention, sondern eine Consequenz der französischen Grundsätze, und verschwand denn auch, mit Ausnahme von Holland, in diesen Ländern die Gleichstellung wieder, sobald sie ihren früheren Herrschern zurückgegeben waren. Aber in einer anderen Beziehung hat er für die Juden eine große Wirksamkeit geübt. Napoleon unterzog alle Einrichtungen, welche die Revolution hergestellt hatte, einer genauen Prüfung; er trat die Erbschaft der Revolution gewissermaßen mit „der Wohlthat des Inventars" an; und so prüfte er auch die Gleichberechtigung der Juden. Zu diesem Zwecke versammelte er durch ein Dekret vom 30. Mai 1806 eine Versammlung jüdischer Notablen, der er eine Reihe von Fragen zur Beantwortung vorlegte,' über' Monogamie, Ehescheidung und Mischehen, so wie über die Wahl und Macht der Rabbiner, besonders aber, „ob die Juden die Franzosen als Fremde ansehen? was das jüdische Gesetz im Verhalten gegen Andersdenkende fordere? ob die französischen Juden Frankreich völlig als ihr Vaterland betrachten? ob manche Gewerbe den Juden verboten seien? ob Wucher gesetzlich erlaubt sei?" Die Versammlung antwortete in befriedigendstem Sinne, daß die französischen Juden Brüder der Franzosen seien und Frankreich als ihr Vaterland ansehen, kein Unterschied im Verhalten gegen Glaubensgenossen und Andersdenkende bestehe, kein Gewerbe verboten, jeder Wucher verboten und schändlich sei. Hiermit war der religiöse und moralische Boden für die Gleichberechtigung der Juden völlig geebnet und jedes Hinderniß, das man ihr aus dem Judenthume hätte entgegenstellen wollen, beseitigt. Die Erklärung der Notablen galt für alle Juden, denen der Staat alle jene beschränkenden Ausnahmegesetze abnehmen wollte, und somit war auch dem Fortschritt, der sog.Emancipation der Weg geebnet.') Dies ist es, was Napoleon eine bedeutungsvolle Stellung in der Geschichte der Juden erwarb. Daß er, der Reorganisator der römischen Kirche, in den damaligen französischen Ländern, auch der Synagoge eine Consistorialverfassung verlieh, die in Frankreich bis heute besteht und auch auf Algerien ausgedehnt worden, kann uns hier nicht beschäftigen, da dieselbe nirgends nachgeahmt wurde, nur daß in Baden und Württemberg eine jedoch sehr mo» dificirte ähnliche Einrichtung getroffen worden. Wir sind dem Laufe der Weltgeschichte gefolgt. Es liegt in der Natur der Sache, daß kein Volk von anderen unberührt und unbeeinflußt bleibt, und daß die Waffen des Stärkeren das Geschick der schwächeren Nationen entscheidend beeinflussen. Seitdem aber für die Juden das eigenthümliche Geschick der Zerstreuung eingetreten, werden deren Stellung und Verhältnisse betreffs ihrer Gesammtheit nicht mehr von einzelnen Machthabern, sondern von den allgemeinen Grundsätzen bestimmt, welche in der staatlichen Gesellschaft zur Geltung kommen und sie gestalten. 1) Siehe auch die Protokolle der ersten Rabbinerversammlung zu Braunschweig (1844), welche die Continuität mit jener Notablenversammlung aufstellte.

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