Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-11-16 · Heft 47 (16.11.1886) · p. Seite 741

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 47 (16.11.1886)
Date
1886-11-16
Page
Seite 741 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3227609-3227657--43974-3264366
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

741 jochten Nationen. So bald auch Cäsar unter den Dolchen seiner Mörder fiel, hatte doch seine Herrschaft lang genug gedauert, um seinen Nachfolgern den Boden völlig zu ebnen und zu festigen. Als Cäsar noch mit seinen Gegnern, mit den Anhängern des Pompejus, schwer zu ringen hatte, namentlich in Syrien und Egypten, traten die Juden unter der Führerschaft des Antipater auf seine Seite. Zwar die egyptischen Juden unterstützten Anfangs den Ptolemäus; aber Antipater mit seinen Schaaren errang auf dem rechten Flügel des Mithridates, des Feldherrn Cäsars, den Sieg, und ihm unterwarfen sich auch die egyptischen Stammesgenossen. Von da ab begünstigte Cäsar die Juden in wohlwollendster Weise. In Egypten bestätigte er ihre volle Gleichberechtigung und ließ die Urkunde darüber in eine eherne Säule eingraben und öffentlich aufstellen. Den Palästinensern stellte er ihre Synhedrialverfassung und die erbliche Hohepriesterwürde wieder her. Mehr noch, er ertheilte den Juden in Rom das römische Bürgerrecht, und die Urkunden darüber wurden in den Archiven verschiedener Städte niedergelegt. Hiermit war für die Juden ein Anstoß nach einer neuen Richtung gegeben. Sie traten nunmehr aus dem Colonialverhältniß und aus der Abschließung, welche in diesem lag, mehr heraus und fügten sich den gesellschaftlichen Verhältnissen an. Mit der kurzen Unterbrechung der für sie so traurigen Hadrianischen Zeit, veranlaßt durch den großen Aufstand des Bar- Kochba, traten, wie die Novellen der späteren christlich-römischen Kaiser erweisen, die Juden in alle öffentlichen Laufbahnen, in die militärischen und Civil-Aemter und Berufe, zahlreich ein. Wie sehr sie auch vier Jahrhunderte nach Cäsar, dieser ihrer Gleichberechtigung beraubt wurden, so war doch hiermit für alle Zeit der Keim gelegt für das Streben, in die staatliche Gesellschaft einzutreten, darin wirksam zu sein und die gleichen Rechte zu erlangen. Diese Tendenz gab sich auch während des Mittelalters, wo und wann nur der Raum dazu gegeben ward, unter den Mohammedanern und unter den Christen kund und erlangte zeit- und ortsweise eine wenn auch beschränkte Befriedigung. — Jener großen Tragödie, die ein Jahrhundert nach Cäsar's Tod eintrat, der Zerstörung Jerusalems und der Zerstreuung des jüdischen Stammes, haben wir hier nicht zu erwähnen, denn sie war die Folge des Confliktes, in welchen Rom und Jerusalem, die Tyrannei der Römer und der Freiheitsdrang und die religiöse Begeisterung der Juden gerathen mußten, knüpfte sich aber nicht an einen bestimmten Mann. Es war gleichgiltig, ob der römische Feldherr Vespasian oder Titus oder sonstwie hieß. Das unglückliche Zusammentreffen, daß zu derselben Zeit die römischen Waffen nirgends beschäftigt waren und die heftige Parteiung unter den Juden, brachten das traurige Resultat hervor. Vom vierten Jahrhundert der gewöhnlichen Zeitrechnung an hatten die Juden eine weite Wüste, nur hier und da von einer kleinen Oase unterbrochen, zu durchwandern. Und am Saume dieser Wüste steht ein Herrscher, den man mit dem Namen des Großen belegt hat, der aber weder ein großer Kriegsheld noch ein Staatsmann war. Constantin (311— 337) hatte erkannt, daß das zersetzte und wankende Heidenthum keine haltbare Stütze für die Staatsgewalt mehr abgab, daß er diese vielmehr in dem Christenthume und dessen feurigen Anhängern finden werde. Dieses hatte aber seit langer Zeit schon eine feindselige Stellung gegen das Judenthnm eingenommen. „Nicht auf einmal zwar ergoß sich der Strom des Hasses über die Juden, sondern nur allmählig, in einem Zeiträume von 124 Jahren (von 315 bis 439) gelang es der Intoleranz erst, die verjährte Duldung zu zerstören und aufzuheben. Denn schon hatte ein Jahrhundert der Ruhe für die Juden Gutes geleistet, indem es ihren Stand und ihre Verhältnisse consolidirte und den Juden die Kampfeslust nach außen genommen hatte, so daß sie ruhige Zuschauer des Streites zwischen Christen und Heiden abgaben. Darum hielt die Gewohnheit die Herrscher lange zurück, die Juden mit einemmale aus dem Staate zu entwurzeln, und wir sehen nicht selten die allmählig härter werdenden Verordnungen über die Juden zurücknehmen, und mildere an die Stelle treten, bis wieder die Härte und Unduldsamkeit die Oberhand gewannen. Constantin legte den Grundstein; Theodosius II. und Valentinian III. schoben den Schlußstein in das Gewölbe, das fortan über den Häuptern der Juden stand."') So war es der erste christliche Kaiser Roms, der zuerst den Gedanken der Ausschließung der Juden aus der bürgerlichen Gesellschaft faßte und ins Werk setzte. S eine Verordnung könnte dem Unkundigen als von geringer Bedeutung erscheinen, war es aber nicht. Er entzog den Juden die Befreiung von der Curialpflicht. Diese bestand darin, Bürgen für die Steuern zu sein, den Ausfall aus eigenen Mitteln zu decken, Grundstücke, die, weil sie die Steuern nicht ertrugen, verlassen worden, zu übernehmen u. s. w. Unter den Kaisern wurde deshalb die Curialpflicht nur solchen wohlhabenden Bürgern atzferlegt, welche ein Verbrechen begangen. Daher waren alle anderen Bürger, und so auch bis jetzt die Juden, von dieser Strafpflicht frei. Ihnen jetzt diese Freiheit nehmen, hieß nichts Anderes, als sie in die unterste Klasse, in die der Verdächtigen und Verbrecher stoßen, und war so für die Juden eine Schmach und ein Verbannen aus der achtbaren Gesellschaft. Daß dies die richtige Auffassung des für die Juden verhängnißvollen Schrittes ist, geht daraus hervor, daß Constantin das 321 erlassene Dekret im Jahre 330 dahin zu modificiren sich bewogen sah, i) S. unser „Israelitisches Predigt- und Schulmagazin" Bd. I, S. 400.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.