Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 47 (16.11.1886)
- Date
- 1886-11-16
- Page
- Seite 739 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227609-3227657--43972-3264364- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
739 Hieran reiht sich noch ein anderer bemerkenswerther Gedanke, der nämlich, daß die Rettung nach der göttlichen Fügung oft durch ein Werkzeug geschieht, welches bis dahin unbeachtet, ja verachtet gewesen: „Ich danke dir. daß du mich in Bedrängniß gebracht und wardst mir dann zur Rettung. Der Stein, den die Bauenden verworfen, er ist zum Eckstein worden. Vom Ewigen ist dies geschehen: in unseren Augen ' ist es wunderbar." (V. 21—23.) Wer denkt hierbei nicht an jene merkwürdigen Ereignisse, als das ganze Volk vor dem Syrerkönige darniederlag, und es der greise Mathathias, der alte Priester in der kleinen Stadt Modin, war, der mit seinen Söhnen aufstand, die Fahne des Widerstandes erhob, eine kleine Schaar um sich sammelte, und dessen Heldensohn Juda die gewaltigen Heere des Syrerkönigs schlug, Jerusalem befreite, den Tempel reinigte, den Cultus wiederherstellte. Diese beiden Gedanken haben sich seitdem in den Menschengeistern heimisch gemacht und sind zum Eigenthum der ganzen Menschheit geworden. Zuerst die Aufforderung zum Danke in einem Chorgesang mit dem Refrain „denn ewig währet seine Gnade." Der Sänger spricht im Namen des ganzen Volkes, wie der Uebergang zur ersten Person Pluralis gegen Ende des Gesanges zeigt. Die Bedrängniß des Volkes war groß, es wandte sich mit seinem Flehen zu Gott und dieser schuf ihm Raum. Hieraus das Vollgefühl der Leitung und des Beistandes Gottes, voraus der Wegfall aller Furcht vor Menschen und das unerschütterliche Vertrauen, nicht auf Menschen und Fürsten, sondern auf Gott. Wohlan, so mögen alle Völker den Bedrängten feindlich umringen: „Im Namen des Ewigen! Ich tilge sie." Die Feinde wollten ihn zum Fallen bringen, aber der Ewige half ihm. Nun erhebe sich Preis und Gesang, denn „Jubel und Ruf der Rettung tönt in den Zelten der Gerechten," nicht zum Eigenlobe des Menschen, sondern „die Rechte des Ewigen schaffet Macht." War jene Bedrängniß doch nur eine Züchtigung, die vorüberging und den Menschen erwecken und läutern sollte. So „öffnen sich die Thore des Rechtes, das Thor zum Ewigen, in welches die Gerechten dankend einziehen." Nun folgt der Dank, der eben in der Anerkennung des göttlichen Wirkens für den Bestand und den Sieg des Schwachen besteht und die Seelen der Geretteten mit dem Gefühle des Wunderbaren erfüllt. Dieser Tag des Sieges ist demnach ein Werk Gottes und soll mit Freude und Jubel gefeiert werden. Nunmehr folgt die gottesdienstliche Feier. Voran ein kurzes Bittgebet, dann das Heranziehen der feiernden Menge zum Heiligthume, aus welchem ihr der Segensruf entgegentönt. Dann der Zug der Festopfer zum Altar. Der Lobgesang und der Schlußchor. — So bildet dieser Siegesgesang eine der kräftigsten, lautersten und gehobensten Kundgebungen des religiösen Geistes, und zwar nicht blos wie er sich aus der Seele des schwer Geprüften und Geretteten emporringt, sondern wie er sein Wort auf die Lippen eines ganzen Volkes legt und zum vollen Bekenntniß bringt. Der kurze Bittspruch (V. 25) ist in die Liturgie nicht blos der Synagoge, sondern auch als „Hosianna" aller Kirchen übergegangen. Der Einleitungsvers („Danket dem Ewigen" pp.) wurde in den Lobliedern sehr oft verwendet (106, 1. 107, 1.), und zum Refrain eines ganzen Psalms (136), den wir deshalb an unseren Psalm anschließen wollen. — Der ganze Psalm 136 ist ein Lob Gottes als Schöpfers der Welt und als wunderbarer Lenker der Geschichte, besonders der des Volkes Israel. Er besteht aus Halbversen mit dem Refrain „denn ewig währet seine Gnade." In diesem Bau kann ihm bei seiner Länge die Einförmigkeit nicht abgesprochen werden. Er wurde also wahrscheinlich zum Gebrauche als längeres Chorlied im Tempel verfaßt und verwendet. Nach der Aufforderung, dem Herrn zu danken (1—4), wird das Lob Gottes als Schöpfer der Himmel, der Erde und der großen leuchtenden Weltkörper gesungen (5—9). Ohne Uebergang wird dann der Auszug aus Egypten, der Durchzug durch das rothe Meer und die Wüste, der Sieg über die Emoriter und die Eroberung Canaans gefeiert, und wie er Israel von allen Drängern erlöst (10—24). Hieran knüpft sich noch ein Dank für Gott, „der Speise giebet allem Fleische," und wird mit B. 26: „Danket dem Gotte des Himmels, denn ewig währet seine Gnade" geschlossen. Wir begegnen also hier wiederum dem Gedanken, der die meisten Loblieder erfüllt, die Einheit Gottes in der Natur und als Vorsehung in der Geschichte. Es geht daraus hervor, wie tief in dem jüdischen Volke die freudigen Gefühle für die Wunderwerke und die Segnungen der Natur und für die rettende Hand, die sich so oft in ihrem Geschicke bewährte, wurzelten. Das Anschauen der Natur und die geschichtlichen Erinnerungen vereinigten sich im jüdischen Gemüthe zur Bewunderung und Anbetung Gottes. — Wenn schon der eben besprochene Psalm mehrfache Sätze wörtlich den 5 Büchern Mosis entlehnte, so noch mehr das Loblied Ps. 135. Es ist eine musivische Arbeit aus anderen Psalmen, namentlich 113—117, der Thorah und selbst dem Propheten Jeremias. Originell ist er nur darin, daß er seine Aufforderung an die „Diener des Ewigen, die ihr stehet im Hause des Ewigen, in den Höfen des Hauses unseres Gottes" (V. 2.), richtet, also an die Tempelsänger, die Leviten, so daß er also offenbar zu cultuellen Zwecken verfaßt ist. Deshalb schiebt er auch, was sonst nicht wieder vorkommt, zwischen „das Haus Ahron und die Gottesfürchtigen," „das Haus Levi" hinein, V. 19. Aus diesem und anderen Lobliedern ersieht man übrigens, wie sehr das cultuelle Bedürfniß angewachsen war, daß es eben Loblieder hervorbrachte, die nur Nachahmungen der früheren aus originellem Geiste entstanden sind. Faßt man 47*