Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 47 (16.11.1886)
- Date
- 1886-11-16
- Page
- Seite 738 (sequence 2)
- Language
- German
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738 oder sie konnten zu Pöbelaufständen gegen das Gut und das Leben der Juden aufreizen, um ein Feuer zu entzünden, das den Juden aufs Höchste verderblich werden würde. Beides haben sie mit aller Kraft versucht, und beides ist denselben mißlungen. Es versteht sich, daß nicht dieselben Männer unmittelbar beide Wege gingen: die Führer der Agitation in den verschiedenen Ländern thcilten sich in die Rollen, und die drei, die wir oben genannt, haben nur die erste der beiden Rollen abgespielt, die andere Anderen überlassend. Aber jene Pöbelexcesse mußten alsbald die staatlichen Organe der gesetzlichen Ordnung gegen sich aufrufen. Vielleicht hatten jene Aufwiegler sich eingebildet, daß sie die letzteren mit sich fortreißen, oder daß der Brand zu großen Umfang annehmen würde, um erstickt werden zu können. Aber sie hatten sich geirrt. In Preußen traten die polizeilichen und richterlichen Gewalten so prompt ein, daß die Aufläufe sich auf einige kleine Städte beschränkten und schnell wieder verschwanden; in Ungarn gelang dies nach einiger Zeit, nach längerer Dauer in Rußland, wo das Unheil Tausende unserer armen Glaubensgenossen schwer betroffen, doch überzeugte sich zuletzt auch hier das Raubgesindel, daß ihm die Ausübung seines Handwerks theuer zu stehen käme. Die Führer freilich wußten sich stets zur rechten Zeit zu salviren, desto härter mußten es viele der Verführten büßen. Nun sahen wir aber oben, daß auch der gesetzgeberische Weg keine Lorbeeren für sie wachsen ließ: die ungeheure Mehrheit des Volkes wollte bei den Wahlen seiner Vertreter von den Antisemiten nichts wissen, und damit war ihnen auch die parlamentarische Wirksamkeit abgeschnitten. Die Ohnmacht der Antisemiten wurde auf diese Weise immer offenbarer. — Bei jeder dieser Betrachtungen ergiebt es sich immer als Resultat, daß den Antisemiten nichts weiter gelungen ist, als in zahllosen Geistern die alten Vorurtheile wieder zu wecken und eine Spannung gegen die Juden wieder hervorzurufen, welche in geselliger, manchmal auch in gewerblicher Beziehung, sich bethätigt und, man^LL es nicht verkennen, auf den thatsächlichen Aussch^E^^ Juden aus dem öffentlichen Leben hinwirkt. Dieses HKolges hat sich die antisemitische Agitation, wenn sie will, zu rühmen. Wir aber dürfen uns dies, freilich zu unserem tiefen Bedauern, nicht verhehlen. Hierfür ist das einzige Mittel — die Zeit, die jede heftige Bewegung wieder beruhigt, jede absonderliche Strömung zuletzt wieder in das regelmäßige Bett zurückleitet. Die Zeit vermag dies allmählig zu bewirken, wenn wir, wenigstens in unserer Mehrzahl, durch unser Verhalten und unsere Bestrebungen, durch unser Thun und Lassen unsere' christlichen Mitbürger von der Unrichtigkeit jener Beschuldigungen, von der Unwahrheit jener Verleumdungen überzeugen und ihnen thatsächlich erweisen, wie das verflossene Jahrhundert unserer Culturbestrebungen uns mit dem Volke aus dasselbe Niveau der Bildung, der gemeinnützigen und patriotischen Arbeit gestellt hat. Dann wird die Zeit kommen, wo sich eine günstigere Stimmung wieder verbreitet hat. Die Gegenwart hat so große Aufgaben zu lösen, daß die kleinliche und engherzige antisemitische Aufregung keine lange Dauer haben kann. Die Loblieder unter den Psalmen. in. Der 118. Psalm bildet einen Sieges- und Lobesgesang für sich. Denn er schließt mit demselben Verse, mit welchem er beginnt; er hebt mit einem Chorgesange an und endigt mit einem solchen, und in seinem Verlaufe klingt er alle die Momente an, welche in einem solchen Lobliede zum Ausdruck kommen. Allerdings schließt er sich an den voran-! gegangenen großen Gesang, den wir im vor. Art. besprachen, i So führt, er dieselbe Vertheilung „Haus Israel, Haus Ahron, jbte Gottesfürchtige»" '(2—4) an, wie 115, 9., und manche i Ausdrücke und Gedanken sind in beiden gleich. Dennoch! aber steht Ps. 118 auf einem anderen Boden. Er ist ein! Siegeslied nach einem bestimmten Siege und für einen be-; stimmten siegesfestlichen Gottesdienst (V. 24). Wenn man den Zustand, welcher aus 115, 1. 2. hervorleuchtet, mit dem vergleicht, den 118. 10—12 voraussetzen, so kann man nicht zweifelhaft sein, daß der erstere Gesang immer noch Schwäche und Gefahr, gedrückte Verhältnisse andeutet, während Ps. 118 voll des kühnsten Muthes, der unbedingten Zuversicht einen eben erfochtenen Sieg feiert, so daß wir denselben nach einem makkabäischen Siege verfaßt annehmen müssen. Auch in der Entwickelung desselben Gedankens bemerken wir einen Fortschritt. Es ist dies ein höchst bemerkenswerther Gedanke: der Sänger spricht geradezu den Dank für die Bedrängniß aus, in die ihn Gott gebracht und in der er ihm dann Hilfe und Rettung bereitet hat. (V. 21.) Er ist sich bewußt, daß erst durch Kampf und Gefahr der Mensch all' seine Kraft entwickelt, und daß ihm nur hierdurch das volle Bewußtsein der göttlichen Leitung und hiermit die volle unerschütterliche Zuversicht auf das ihm werdende Heil komme. Es ist eine Freude am Kampfe, die sich lebhaft ausspricht, weil er die Freude des Sieges verbürge. Hierin liegt eine so kraftvolle Entfaltung des Volksgeistes, eine so herrliche Bethätigung des religiösen Glaubens, daß es zur Befriedigung gereichen muß, diesem Gedanken in solcher Wärme und Sicherheit zu begegnen. In dem vorangegangenen Lobgesang ist derselbe Gedanke, jedoch noch unentwickelt, vorgekommen. Dort ist es noch die Freude an der Erhörung des Gebetes, an der zu Theil gewordenen Hilfe Gottes; hier ober spricht der muthvolle Kämpfer, der sich der bestandenen Gefahr freut und den Feind zu neuem Streite kühn herausfordert. —