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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-11-09 · Heft 46 (9.11.1886) · p. Seite 733

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 46 (9.11.1886)
Date
1886-11-09
Page
Seite 733 (sequence 13)
Language
German
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733 stätten der in kleinen Räumlichkeiten eingesperrten Juden, von welchen die älteren „der große Jüdenhof" zwar augenblicklich noch bestehen bleibt, die jüngeren jedoch „der kleine Jüdenhof" niedergelegt wird, eben jener neuen Prachtstraße zum Opfer. Rodenberg giebt im Octoberhefte der diesjährigen Nr. 1 folgende Beschreibung derselben: Berlin hatte zwei Jüdenhöfe, den kleinen, an der Stadtmauer, und den großen, an der Jüdenstraße, weiter oben; und dieser, der Große Jüdenhof war der erste Wohnsitz der Juden in Berlin. Hier in einem Hofe, der noch immer der Große Jüdenhof heißt, war das erste Ghetto der Berliner Juden. Die Construction des Raumes ist offenbar noch genau dieselbe wie vor fünf Jahrhunderten und ruft deutlich die trüben alten Erinnerungen zurück. Zwischen den beiden Häusern Nr. 46 und 47, durch welche man in den Hof tritt, sieht man noch die Oeffnung des Thores, welches denselben einst abgesperrt; man glaubt, dicht zusommengedrängt noch die Judenhäuser und die Synagoge zu sehen, die hier stand, und einen Gesang zu vernehmen, weither, klagend und jubelnd zugleich: „Sei gegrüßt, geliebte Halle Meines königlichen Vaters! Zelte Jacob's, eure Heilgen Eingangspfosten küßt mein Mund!" Aber sie sind gefallen, die Zelte Jacob's und kein übrig gebliebener Balken oder Stein mehr giebt Kunde von der alten Herrlichkeit und den alten Linden. Handwerker und kleine Beamte wohnen jetzt in diesem Hof, und wo der Schrein stand -— der die Thora Aufbewahrt und verhängt ist Mit der kostbar seid'nen Decke Die von Edelsteinen funkelt —- da stehen jetzt die Kremser und Equipagen eines hier residirenden Fuhrherrn — und man weiß, die Berliner Fuhrherrn sind substantielle Leute! Als die Juden aus ihrem ersten Exil nach Berlin zurückkehrten, da fanden sie ihre Synagoge zerstört und ihre Häuser nicht wieder. Markgraf Ludwig, mit dem Beinamen der Römer, der sie zuerst „versetzt" und dann vertrieben, hatte während ihrer Abwesenheit den Großen Jüdenhof dem Propste Wörner geschenkt, und die Juden waren froh, noch weiter hinaus, an der Stadtmauer, im Kleinen Jüdenhof unterzukommen. Aber wenn es ihnen im Großen Jüdenhof schlimm ergangen, so erging es ihnen schlimmer im Kleinen. Mit der Ankunft der Hohenzollern schien zwar, wie Alles in der Mark, auch ihr Loos sich bessern zu sollen; nicht weil diese schwäbisch-fränkischen Herren etwa größere Judenfreunde gewesen wären als die Märker — wie sollten sie auch? aber sie waren bessere Rechner. Denn hier wie anderwärts bildeten die Juden das ganze Mittelalter hindurch ein Finanzobject, und nur als solches wurden sie geschätzt und geschützt. Sie waren in jener geldarmen Zeit für Diejenigen, denen sie Leibzölle entrichten mußten, von nicht unbeträchtlichem Werthe: die Reichen hatten bis zu fünfzig Gulden und auch die Armen nicht unter fünf zu zahlen. Der Judenschutz war ein Regal, aber in den Kämpfen des 14. und 15. Jahrhunderts mit den meisten übrigen Rechten der Landeshoheit von der Stadt Berlin erworben und besessen worden; bis die Hohenzollern kamen und es ihr mit allem Andern wieder nahmen. Anderthalb Jahrhunderte lang aus einer Hand in die andere gegangen, aus der des Kaisers in die der Markgrafen, und aus der ber Markgrafen in die der Stadt (alle drei nicht besonders stark in der Nationalöconomie) waren die Juden nun zuerst in feste Hände, die der Hohenzollern gekommen, die sie auch nicht wieder losließen. Denn man weiß, was die Hohenzollern einmal haben, das geben sie nicht wieder her, weder Juden noch sonst Etwas. Und für die Juden war es insofern ein Gewinn, sie hatten hundertundfünfzig Jahre Ruhe. Wie über jede andere Quelle von Einkünften in diesem ihrem verarmten Lande, dem sie erst wieder Wohlstand schenken sollten, gaben die Kurfürsten stark Acht auf ihre Juden, daß denselben kein Leids geschah, weder an ihrem Säckel noch an ihrem Leibe, ließen sie handeln, wandeln und gedeihen und waren ihre wohlgeneigten Freunde, vorausgesetzt, daß sie mit ihrem Beutelchen voll Silber und Gold an den Zinstagen pünktlich zur Stelle waren. Aber ein böser Tag kam, wo man nicht nur ihr Silber und Gold, sondern auch ihr Leben wollte; ein Tag, wo selbst ein Hohenzoller die Juden nicht länger vor den trüben Wahnvorstellungen eines aufgeregten Volkes zu schützen vermochte; wo die Beschuldigungen und Anklagen auf Hostienraub, Marter und Mord von Christenkindern so laut und stürmisch und in der That durch eine Kette begleitender Umstände (versteht sich in Folge des Jnquisitionsverfahrens mit Folter und Territion) so glaubhaft wurden, daß das Verhängniß nicht mehr abzuwenden war. Unter Joachim I. geschah's im Jahre 1510, daß man von einundfünfzig verdächtigten Juden aus Berlin und der Mark achtunddreißig zum Feuertode verürtheilte — „sol man sy zu pulver verbornen", wie es in den Acten heißt. Von dreien, die zum Christenthum übertraten, wurden zwei zum Tode durch das Schwert begnadigt und demgemäß „des Sonabends nechst" hingerichtet; ein Dritter aber, wegen seiner Kenntnisse in der Augenheilkunde, dem Grauen Kloster überwiesen! Von den zehn im Urtheil nicht Erwähnten muß man annehmen, daß sie die peinliche Befragung nicht überlebten, daß sie vor ober nach der Fest-

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