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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-11-09 · Heft 46 (9.11.1886) · p. Seite 734

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 46 (9.11.1886)
Date
1886-11-09
Page
Seite 734 (sequence 14)
Language
German
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734 nähme Mittel zur Flucht fanden oder — den« Scharfrichter durch Selbstmord zuvorkamen. Der Rest ward auf dem neuen Markte verbrannt. In ihrer Judentracht, mit den gelben und weißen spitzen Hüten, den sog. Judenhüten bekleidet, wurden sie mit eisernen Halsbändern an die Roste des Scheiterhaufens geschmiedet, der sich in der Form eines Tabernakels erhob, und hier, von ihrem Rabbiner, der mit ihnen starb, zur Standhaftigkeit ermahnt, hörte man sie Synagogenlieder singen, bis die Flammen aus dem Holz, Reisig und Pech um sie zusammenschlugen, bis ihre Stimmen schwächer wurden und allmälig verstummten und Alles in glühende Asche zusammensank... Aber immer, indem ich mich auf dieselbe Stelle stelle, und hier, von der Ecke der Pagenstraße hinüberschaue nach den Ruinen des Kleinen Jüdenhofs, mein' ich die Stimme der Sterbenden und ein leises Wimmern zu vernehmen aus jenen Steinhaufen — Die uns ansehn, schmerzhaft traurig, Daß man glauben muß sie weinten. Bis zuletzt hat der kleine Jüdenhof etwas Trauriges und Finstres gehabt, und er hat es noch, heut, in seinem Verschwinden, wo er mitten durchgerissen vor mir liegt und man hinein sehen kann, als ob es wirklich ein Hof wäre, von unglaublich elenden Häusern umgeben, kleinen Häusern mit hölzernen, halbverfaulten Treppen davor. Lange mag es sein, daß hier ein Jude nicht mehr gewohnt hat; von 1571 bis 1671 waren überhaupt keine Juden in Berlin, und als der große Kurfürst die ersten wieder zuließ, fünfzig aus Wien vertriebene Familien, da wird wohl keine derselben sich im Jüdenhof angesiedelt haben. Sie waren vermögende, hochgebildete Leute, diese Wiener, und der große Kurfürst nicht der Mann, sie in ein Ghetto zu sperren. Sie ließen sich in den benachbarten Straßen nieder, in dem, was jetzt das Judenviertel von Berlin ward und diesen Charakter bis auf den heutigen Tag in mannigfachen Zügen noch verräth. Der Kleine Jüdenhof gegenüber aber blieb ein Schlupfwinkel der ärmsten und niedrigsten Classe der Bevölkerung; und nun, wo sein Inneres uns enthüllt ist, zu denken, daß hier Menschen gehaust haben! Ja noch immer sind einige dieser Höhlen von ihren Bewohnern nicht verlassen, und ich muß mir wirklich ein Herz fassen, das Pflaster emporzusteigen, so schräg und spitz, daß es eine Pein ist, darauf zu gehen. Die Luft selbst hat etwas Feuchtes und Dumpfes. Eine dicke Schicht von Nässe bedeckt die Mauern der Häuser und die Steine des abschüssigen Fußweges — denn einen Fahrweg giebt es hier nicht. Das ganze Terrain ist hügelig. Man glitscht aus bei jedem Schritte, den man vorwärts setzt. Ich preise mein Geschick, daß die Mehrzahl der Bewohner schon ausgewandert ist und die Letzten des kleinen Jüdenhofes offenbar den rechten Humor nicht mehr haben. Gleichgültig lassen sie den Fremdling vorüberziehen, so gut er es vermag. Sie kommen sich jetzt schon vor wie expatriirt; hier und da wohl noch erscheint ein Kopf an den zerschlagenen Fenstern, aber er zieht sich bald wieder zurück, und wo die bereits zahlreich klaffenden Lücken den Einblick gestatten, gewahrt man auch an den Wänden denselben zähen Niederschlag von Ruß und Qualm. Düster, drückend, ein Alp, ein böser Traum, aus dem man zu erwachen meint, wie beim Schein des neuen Tages, wenn man nun endlich aus dem, was einst der Kleine Jüdenhof war, heraustritt und, im Anhauch einer reineren Luft, über ein mit Sparren und Ballen und Steinen und rauchendem Kalk bedecktes Erdreich, in kühnem Bogen den Horizont umzirkelnd, sie erblickt, die erste Bahnbrecherin in dieser Gegend, die Stadtbahn, und aus einer Welt von Trümmer» mächtig emporragend die der Vollendung nahende Central-Markthalle, das erste Merkmal der imposanten Kaiser- Wilhelm-Straße. Vermischtes. Was Moses sich alles gefallen lassen muß! Als Richard Wagner selbst noch nicht Wagnerianer und auch noch nicht Antisemit war, schrieb er eine Oper „Moses", deren Held der Wassersnoth in der Wüste auf die bekannte Weise ein Ende machte. Diese Oper, jetzt längst vergessen, wurde seiner Zeit im Dresdner Hoftheater mehrfach aufgeführt, und zwar unter Leitung des jetzigen Hof-Operndirectors Jahn, der damals in Dresden Capellmeister war. Die Hauptszene der Oper ist natürlich die, in welcher der heidenmäßige Durst der Wüstenwanderer geschildert wird. Die Zunge klebt ihnen merklich am Gaumen und sie schreien immer verzweifelter nach Wasser. Ein eigener „Chor der Durstigen" besorgt dieses Geschrei und der Prophet sieht sich endlich bewogen, nach einem Stoßgebet mit seinem Stabe auf einen Felsen zu schlagen, worauf infolge vorhergegangener Verabredung mit dem Theatermaschinisten ein Wasserstrahl hervorsprüht. Schon manchesmal, so erzählt die „Neue Musikzeitung", war dieses Wunder immer glatt vor sich gegangen, als sich eines Abends plötzlich ein noch größeres Wunder ereignete. Der Chor hatte den Propheten stürmisch aufgefordert, Wasser herbeizuschaffen, und Moses hatte mit gewohnter dramatischer Kraft an den Felsen geschlagen, aber welcher Schreck, es zeigte sich kein Tropfen Wasser. Moses stand in einiger Verlegenheit da, umsomehr, als der gleichfalls verlegene Chor, um die unvorhergesehene Pause auszufüllen, seinen Gesang um Wasser noch lauter und dringender wiederholte. Abermals schwang Moses seinen Stab und schlug so gewaltig an den Felsen, daß er beinahe dessen Lein-

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