Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-11-09 · Heft 46 (9.11.1886) · p. Seite 730

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 46 (9.11.1886)
Date
1886-11-09
Page
Seite 730 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227609-3227656--43962-3264353
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

-30 find hier acht Familienväter und eine Einzelperson von den ausgewiesenen Israeliten verhaftet worden. Sie waren bei fünfzig Mark Strafe event. 10 Tage Haft angewiesen worden, den Ort zu verlassen. Da sie die Strafe nicht bezahlen konnten, so mußte mit Haft vorgegangen werden. Es sind das allesammt Leute, welche von Fugend an sich hier am Orte befinden und ihr russisches Heimathsrecht längst verwirkt haben. In Rußland wenigstens hat für dieselben eine Heimath nicht ermittelt werden können. Wo sollen nun aber diese Leute hin, die nirgends eine Heimath, auch nicht so viel Geld haben, um nach überseeischen Ländern auswandern zu können; möglicherweise auch dort, da sie vermögenslos sind, nicht ausgenommen werden? Die Verhafteten mit ihren Familienangehörigen machen zusammen 45 Personen aus, welche in diesem Augenblicke durch wohlthätige Spenden erhalten werden müssen. Der Vorstand der hiesigen Gemeinde wandte sich deshalb an den Herrn Oberpräsidenten der Provinz und es erfolgte der Bescheid, die Verhafteten sofort zu entlassen und Bericht zu erstatten. Auf die weitere Entwickelung der Angelegenheit ist man gespannt. Oesterreich-Ungarn. Pest, 25. October. (Privatmitth.) Zwei Kircheufürsten begingen neulich ihr fünfzigjähriges Priesterjubiläum: Der Kardinal-Fürstprimas Simor in Gran und der Erzbischof von Olmütz. Ersterm überreichte die israelitische Gemeinde in Gran eine von ihrem Rabbiner verfaßte Adresse, letzterm gratulirte Rabbiner vr. Frankl in Kremsier im Namen der Gemeinde. Am 20. d. M. fand in Buzias die feierliche Einweihung der daselbst neuerbauten Synagoge statt. Die Festrede hielt der Lugoser Rabbiner Weiß. Am 16. d. M. starb in Wien der Kaufmann Hermann Sternberg, der nach polnischen und russischen Quellen eine „Geschichte der Juden in Polen unter den Piasten und den Jagiellonen" (Leipzig 1878) bearbeitet hat. Achtzehn Jahre früher erschien von ihm „Versuch einer Geschichte der Juden in Polen unter der Regierung der Piasten" (Wien 1860). Rußland. Turek, 28. October. (Privatmitth.) Unsere Glaubensgenossen in den Ostseeprovinzen, deren Gouvernementsregierungen 3 sind, nämlich 1) Kurland, mit der Gouvernementsstadt Mitau, 2) Livland mit der Gouv.-Stadt Riga und 3) Esthland mit der Gouv.-Stadt Reval, droht häufig die harte Ausweisungsordre, da diese 3 Provinzen auch zu den für die Juden verschlossenen gehören, und da bei der frühe» ren humanen Regierung das Aufenthaltsgesetz für die Juden nicht so streng gehandhabt wurde wie jetzt, so ist die Zahl der jüd. Einwohner auch in den Provinzen bedeutend gestiegen, welche nach den Bestimmungen des § 17 des Paßreglements vom Jahre 1876 (Gesetzsamml. Bd. XIV) hier kein Aufenthaltsrecht genießen. Wie in jüngster Zeit in Riga, Libau u. s. w., so ist auch gegenwärtig seitens des neuen Gouverneurs für Esthland, dem „Hajom" zufolge, der Befehl an die Reval'sche Polizei ergangen, sämmtliche in Reval wohnenden Juden, und namentlich diejenigen, welche kein Bürgerrecht erworben haben, sofort auszuweisen. Auf alsbaldige Beschwerdeführung der dortigen zahlreichen Judenschaft ist nunmehr von dem Gouverneur die Verfügung eingetroffen, daß nach dem s. Z. vom Minister des Innern, Grafen Loris-Melikoff erlassenen Rescript vom 3. April 1880 alle Juden, die vor dem Erlasse des betr. Rescriptes zugewandert sind, in Reval bleiben dürfen, wogegen alle später hinzugekommenen Juden bei Vermeidung des Abschubes die Stadt zu verlassen haben und künftighin keine aus fremden Gouvernements kommenden Juden zum Aufenthalt in Reval zugelassen werden sollen. — Bekanntlich pflegen überhaupt die jüdischen Studenten in Rußland unter den profanen Wissenschaften zumeist die Medicin, wogegen man ihnen gegenwärtig die härtesten Beschränkungen widerfahren läßt. So ist wieder ein frisches Verfahren auf diesem Gebiete zu erwähnen. Wie „Woschod" meldet, sind sämmtliche jüdischen medicinischen Studirenden in Petersburg, die um Zulassung zum Besuche der Kliniken baten, mit der Motivirung, daß die Hörsäle überfüllt sind, zurückgewiesen worden. Es ist charakteristisch, daß wegen Ueberfüllung der Hörsäle gerade blos Juden zurückgewiesen werden müssen! — Auswärtige Juden, denen es nach den Landesgesetzen verboten ist, in der Nähe von 50 Werft an der rumänischen Grenze zu wohnen, werden aus Bessarabien (es liegt in dem Grenzrayon) aus« gewiesen. Hunderte von Familien werden dadurch ins größte Elend gestürzt. — Bekanntlich existirt in Petersburg eine Polizei, die zu wachen hat, ob die jüdischen Handwerker, die als solche hier Domicilrecht haben, ihr Handwerk auch wirklich betreiben. Im Falle der Nichtbefassung eines dor» tigen Juden mit seinem Handwerke, wird er ausgewiesen. Da die betr. Polizei dabei nicht viel leisten kann, so hat sich ein besonderer Plivatverein aus christlichen Handwerkern hier gegründet, der auch dies zu überwachen hat. Sobald ein Vereinsmitglied einen Juden ein anderes Geschäft als sein Handwerk treiben sieht, muß er ihn bei der Polizei denunzieren. — Die Feuerwehrgesellschaft in Warschau erklärte ihren jüd. Mitgliedern, daß nur diejenigen in derselben verbleiben dürsten, die sich bereit erklärten, auch an Sabbaten den Feuerlöschdienst zu verrichten. —

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.