Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 46 (9.11.1886)
- Date
- 1886-11-09
- Page
- Seite 729 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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729 „Berl. Tagebl." geltend, daß er Jndenjunge geschimpft und dadurch gereizt worden sei. „Daß man dich Judenjunge genannt hat, kannst du doch nicht schimpfen nennen," bemerkte der Vorsitzende Landgerichtsdirektor Freitag, „denn du bist doch Jude und ein Junge bist du auch." Sprachs, und der Staatsanwalt v. Reinbaben beantragte eine Gefängnißstrafe von 6 Monaten. Das Strafkammerkollegium sah indeß die Sache mit etwas anderen Augen an und hielt eine Strafe von 50 Mk. für Alfred Schlesinger für angemessen. (Die obige Definition ist gewiß richtig. Erwägt man aber, daß bei der Beleidigung der animus injuriandi das Hauptgewicht hat, so steht die Sache anders. Vielleicht macht dies die Apellinstanz klar.) Liegnitz, 24. Oct. Der aus den Stöcker'schen Versammlungen und aus einem neulichen Prozeß bekannte getaufte Jude Elias Cohn (aus Krotoschin) treibt sich jetzt in Schlesien umher. Ein hiesiges Blatt schreibt darüber: „Elias Cohn aus Krotoschin, ein getaufter Jude, reist jetzt als Missionar zur Bekehrung der Juden im Lande umher und soll schon verschiedentlich Bekehrungsversuche gemacht haben. In Sprottau, wo Herr Cohn kürzlich die Synagoge besuchte, soll derselbe indessen eine heftige Zurückweisung erfahren haben und auch in Glogau sind ihm dieser Tage seine Bemühungen um Israel nicht viel besser bekommen. Gestern nun stattete, nach dem hiesigen „Stadtbl.", der genannte Agitator auch unserer Stadt einen Besuch ab. Sein erster Gang war zu dem jüdischen Vorbeter, der sich mit ihm aber nicht viel abgegeben zu haben scheint. Am Nachmittag erschien Cohn in der Synagoge während des Gottesdienstes und machte dort derartige Störung, daß die feierliche Handlung unterbrochen werden mußte. Zur Synagoge hinausgedrängt, verursachte Cohn einen so anhaltenden Scandal, daß seine Verhaftung die Folge war. Heute früh wurde derselbe wieder entlassen und dürfte nun nächstens in einer der Nachbarstädte von sich reden machen. Zum Zweck der Bertheilung führt er eine Menge Tractätchen bei sich." Posen, 24. Oct. (Privatmitth.) Es hat dem bei Weitem größten Theil der Besucher der beiden Haupt-Synagogen, der sog. „alten" und „neuen Betschule," in welchen statutengemäß „Gebetänderungen der Zustimmung des jeweiligen Herrn Gemeinde-Rabbiners bedürfen," freudigen Anklang gefunden, daß an n"*i und diesmal sämmtliche Stücke zwischen der rwnp sowohl in mw als in ^did weggelassen wurden. Außerdem würde ich noch einige andere, mehr oder minder wesentliche Aenderungen mittheilen können, die jedoch wenig interessiren. — Wichtiger ist die Thatsache, daß nunmehr auch die hiesige Synagogen-Gemeinde dem Deutsch-Israel. Gemeindebunde sich angeschlossen hat. B. A«S der Provinz Posen, 29. Oct. (Privatmitth.) Es ist Ihnen wohl schon berichtet worden, daß das Posener Rabbinat an den verflossenen hohen Festen die Piutim zwischen der Keduschah gestrichen hat. Diese Stücke sind an sich von keiner großen Bedeutung und von nicht allzu großem Umfang. Allein in der Thatsache, daß ein orthodoxes Rabbinat dieselben entfernt hat, liegt ein Zugeständniß, ein Präjudiz, das wohl zu erwägen ist. Das Rabbinat hat hiermit anerkannt, daß es in unserer weitschichtigen Liturgie Gebetslücke giebt, die störend, überflüssig und wir zu beseitigen berechtigt sind. Wird doch selbst unter Umständen die Berechtigung zu einer Verpflichtung. Ist aber einmal dieses Zugeständniß gemacht, so ist damit die Diskussion eröffnet, welche Gebetstücke zu dieser Kategorie gehören. Die Meinungen sind sehr verschieden, aber die Frage ist auf diesem Wege eröffnet. Niemand, der auf dem Boden des historischen Judenthums steht, wird jene uralten überlieferten Gebete antasten wollen, welche den Grundstock unseres Gebetcultus bilden, wie lma, ym, ni?Dn, namp. Aber wie steht es um die vielen, umfangreichen, den meisten Betern ganz unverständlichen Gebetslücke, die im Laufe der Zeiten nach und nach hineingeschoben und hinzugefügt wurden? Sie entsprangen dem Bedürfniß, den Gottesdienst so weit wie möglich auszudehnen und in demselben zu verweilen. Sie mögen also damals an der Zeit gewesen sein, und hierdurch ist es auch erklärlich, wie das jüdische Gebetbuch, namentlich das Machsor, so ungeheuerlich anschwellen konnte; wie es möglich war, daß, trotz des Widerstrebens großer Autoritäten, so viele groteske Poesien sich Aufnahme schaffen und bei dem Laienthum die Autorität der Heiligkeit erwerben konnten? Das Bedürfniß unserer Zeit geht auf das Gegentheil aus. Ob es zu billigen, ob ihm ein gewisses Recht zur Seite stehe, wollen wir hier nicht untersuchen. Es ist da, und wenn man ihm gar kein Gehör schenkt, antwortet es dadurch, daß es nur dem kleinsten Theile des Gottesdienstes beiwohnen läßt, so daß der ganze Gottesdienst nur noch für eine geringere Zahl Anwesender abgehalten wird. Ja, wir möchten behaupten, daß dieses Bedürsniß schon seit sehr langer Zeit vorhanden ist und sich dadurch bethätigte, daß die Gebete, die eben nur spätere Einschaltungen sind, mit einer unglaublichen Hast abgesagt und seitenlange Piutim in wenigen Minuten zurückgelegt wurden. Dies ist doch unwiderlegbares Zeugniß, daß der Beter in diesen Stücken nichts Anziehendes, nichts was sein Inneres an- und aussprach, fand und daß er ihm weiter keine Bedeutung beilegte, als daß sie mit der schnellsten Bewegung der Lippen abgesagt werden müßten. Daß aber ein solcher Zustand mit der Würde des Gebetes und mit dem Zwecke des Gottesdienstes unvereinbar ist, braucht man wohl nur anzndeuten. Genug, das Posener Rabbinat hat damit einen Weg beschritten, der, wenn nicht heute, doch morgen zu weiteren Consequenzen führen muß. Memel, 26. Oct. (Privatmitth.) Vor einigen Tagen 4«