Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 46 (9.11.1886)
- Date
- 1886-11-09
- Page
- Seite 726 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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726 schönen Worten auseinander, daß der Zweck des Religionsunterrichtes nicht darin bestehe, dem Zögling viel Wissen beizubringen, sondern „die Fähigkeit, zu glauben, in entsprechender Weise zu entwickeln und zu fördern." Er fordert deshalb von dem Lehrer, stets mit Begeisterung und aus vollem Herzen zu lehren, um dadurch die entsprechenden Empfindungen in den Schülern zu wecken. Er giebt aber allerdings zu, daß dies sehr schwierig sei, weil durch die geringe Achtung und Aufmerksamkeit, welche die Eltern dem Religionsunterrichte widmen, die Disciplin in der Religionsschule schwer aufrecht zu erhalten sei. Es folgen die Geschichte und die Chronik der Schule. — Gehen wir jetzt nach Amerika über. Es liegt uns zunächst der Bericht aus St. Louis über die Versammlung der Delegirten der zu einem Verbände vereinigten jüdischen Wohlthätigkeitsvereine vor, welche am 27. und 28. Juui d. I. zu Chicago stattgefunden. Der Verband zählt jetzt 31 Gemeinden und zwar aus den größten Städten der Vereinigten Staaten. Sie zahlen jährlich je 10 Dollars für die Verbandskosten, die jedoch nicht ausreichen. Die Versammlung beschloß, durch ein Cirkulär die Wohlthätigkeitsvereine aller Städte zum Beitritt aufzufordern; sie bestimmte als Hauptzweck die Bedürftigen jeden Ortes angemessen, aber mit der Tendenz, ihnen zur Selbsterhaltung die Mittel zu gewähren, zu unterstützen und ihnen auch, wenn sie nach einem anderen Orte übersiedeln wollen, die dazu nöthigen Mittel zu bieten, besonders aber auch durch Zusammenwirken die gewohnheitsmäßige Bettelei zu unterdrücken; endlich die betreffenden europäischen Hilfscomites zu ermahnen, keine Auswanderer nach Amerika zu senden, welche unfähig sind, sich durch eigene Arbeit Unterhalt zu verschaffen, daß hingegen erwerbsunfähige Leute dahin zurückgeschickt werden würden, woher sie gekommen. Jedenfalls ist es ein erfreuliches Zeichen, daß die sonst auf ihre Selbständigkeit so sehr bedachten jüdischen Gemeinden und Vereine in den Vereinigten Staaten in einen solchen Verband zusammengetreten sind, und dieser augenscheinlich anwächst und sich kräftigt. — Ebenso kamen uns der 12. Jahresbericht der Hebrew Benevolent Association in New-Orleans und der 31. Jahresbericht der Association kor the Relief of Jewisli Widows and Orphans in New Orleans zu. Es bereitet dem Menschenfreunde eine aufrichtige Befriedigung, diese Vereine und Anstalten in ihrer immer wachsenden Wirksamkeit und die Opferwilligkeit unserer amerikanischen Glaubensgenossen zu beobachten. Steht es doch fest, daß außer dem religiösen Bekenntniß kein stärkeres Band die Mitglieder der jüdischen Glaubensgenossenschaft fester zusammenhält, als die Ausübung der Barmherzigkeit und der Gemeinnützigkeit. Die weltgeschichtlichen Heroen nnd die Juden. i. Es wird jetzt der Geschichtsschreibung der Vergangenheit oft der Vorwurf gemacht, daß sie der politischen Geschichte fast ihren ganzen Raum gewährt hat und dagegen der viel wichtigeren Culturgeschichte nur Andeutungen gewidmet habe, aus denen erst mit vieler Mühe und Umsicht ein doch immer mangelhaftes Bild der Zustände und des Wesens eines Volkes sich zusammenstellen lasse. Und doch habe eben die Culturgeschichte für die Entwickelung der Menschheit eine um so viel höhere Bedeutung, als die Existenz der Mafien wichtiger sei als die von Individuen, seien diese auch noch so begabt und einflußreich. Spötteln doch jetzt die echten Demokraten über diejenigen Heroen, welchen die Geschichte den Beinamen „des Großen" beigelegt hat und sehen sie nur als buntgefärbte Schemen an. Für die Zukunft künden sie den Wegfall aller politischen Geschichte und aller großen Männer an, welche ihre Zeit von der Schulter an überragen. Die letzteren überlassen wir ihren Träumereien, denn solche werden sie es wohl noch für Jahrtausende bleiben. Die Wichtigkeit der Culturgeschichte ist allerdings nicht zu verkennen, und wohl zu bedauern, daß die früheren Geschichtsschreiber uns nur geringen, schwer zusammenzubrjHgenden Stoff für sie hinterlaffen haben. Jndeß neben ihr das Vollgewicht der politischen Geschichte zu verkennen, wäre ein nicht minderer Jrrthum. Diese steht mit jener, die Culturzustände mit den politischen Ereignissen und Geschicken eines Volkes in der innigsten Wechselwirkung und sind beide schwerlich von einander zu trennen. Auch was von jenen Heroen, von den gewaltigen Herrschern, „den Hirten der Völker" nach dem Ausdruck Homer's in demokratischem Sinne gesagt wird, ist nur sehr theilweise wahr. Die-Menschen lieben es, oder es ist vielmehr eine Nothwendigkeit der Gesellschaft, wenigstens so weit diese sich bis jetzt entwickelt hat, Einem aus ihrer Mitte die größte Machtfülle in die Hand zu geben und ihm in Stellvertretung Aller einen großen Wirkungskreis anzuweisen. Dies ist nicht bloß in Monarchieen der Fall, wo ja die Monarchen selbst oft neben sich Männern, denen sie ihr ganzes Vertrauen schenken, die Ausübung großer Macht übertragen, sondern auch in Republiken, wo stets nach tüchtigen Werkzeugen der Regierung, nach festen Charakteren, nach einer sog. „starken Hand" gesucht wird, um das Steuer des Staates zu führen, und man hält es stets für eine bedauernswerthe Schwäche des Staates, wenn solche zur Zeit nicht gefunden werden. Aber abgesehen hiervon zeigt uns die Geschichte fast aller Epochen, daß einzelne Männer einen außerordentlichen Einfluß auf das Geschick nicht bloß ihres eigenen Volkes, sondern vieler Nationen ausübten, ihrer Zeit die Signatur aufprägten und auf Jahrhunderte hin dem Ber-