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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-11-09 · Heft 46 (9.11.1886) · p. Seite 724

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 46 (9.11.1886)
Date
1886-11-09
Page
Seite 724 (sequence 4)
Language
German
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724 zu genießen, sich ihrer zu freuen. Und die höchste Freude besteht in dem Aufjubeln zu Gott, das des Menschen Theil ist. Nicht die Todten, nicht die in das Todesschweigen hinabfahren, loben Gott: wir die Lebenden „von nun an bis in Ewigkeit, Hallelujah!" So steigert sich hier das Bewußtsein der wahren Gotteskenntniß zum unerschütterlichen Vertrauen auf Rettung und Sieg, auf den Segen Gottes in der Fülle des Volkes, zur Freude an dem Besitz der Erde und am Leben im dankenden Aufjauchzen zu Gott — also Seelisches und Materielles in inniger Verbindung. — Wie aber in eine Symphonie nach dem ersten immer höher anschwellenden Theile das Andante eintritt, um der Sammlung, dem ruhigen Fortgang der Harmonien, der Besonnenheit und Erwägung und darum der tieferen und zarteren Empfindung Raum zu schaffen, und von da aus zu neuem Aufschwung sich zu erheben: so auch in diesem Lobgesang. Gewissermaßen nach einer kleinen Pause hebt Psalm 1.16 von Neuem in ruhigerer, enipfindungsvoller Weise an. Sei es im Namen des Volkes, sei es in den Gefühlen des Individuums, beides ist hier identificirt, der Sänger spricht von sich selbst, aus, senkt er seinen Blick in die leidensvolle Vergangenheit zurück, aus welcher er gerettet worden, da er zu Gott flehete und dieser ihn erhörte. Ihn hatten „die Bande des Todes umschlungen, die Aengste der Unterwelt ihn getroffen, Bedrängniß und Kummer ihn überkommen": da rief er zum Herrn und der „gnädig und gerecht und Erbarmer", der Unschuldige bewahrt, half ihm. Welch' tiefen Ton schlägt der Sänger an, wenn er ausruft: „Kehre meine Seele zu deiner Ruhe wieder, denn der Ewige that dir wohl" — ein kräftiger Reim, so selten in den Psalmen, giebt den Worten um so mehr Nachdruck. — „Ja, Du rettetest vom Tode meine Seele, mein Auge vom Weinen, meinen Fuß vom Gleiten. Ich werde wandeln vor dem Ewigen in den Landen des Lebens." Diese Worte bedürfen keiner Erörterung, sie sind aus der Seele jedes Leidenden, dem Hilfe geworden, gesprochen. Aber noch mehr, der Sänger wirft auch einen Blick in die innersten Bewegungen seiner Seele, nicht in ausführlichen psychologischen Malereien, vielmehr in wenigen, mehr andcutenden als ausführenden Strichen. In seinem tiefen Leid regte sich Mißtrauen, Verzagtheit, Zweifel in seinem Herzen; er kam in Widerstreit mit dem, was seinen Geist sonst leitete und beherrschte; was die Menschen Tröstliches und Zuversichtliches aussagen, ward ihm verdächtig. Jetzt ist dies vorüber: „den Kelch des Heils will ich erheben und des Ewigen Namen anrufen"; die Gelübde, die er in der Noth gethan, will er vollziehen „vor dem ganzen Volke". Er weiß ja jetzt, „daß das Sterben der Frommen in den Augen des Ewigen theuer ist"; er fühlt sich als Diener Gottes, der „alle Fesseln löst"; Dankopfer will er bringen und seine Gelübde lösen „in den Höfen des Hauses des Ewigen, in der Mitte Jerusalems, Hallelujah!" So war auch dies Mal die Betrachtung der überstandenen Geschicke zum Jubelgesang empor gestiegen, aber gehaltener, gemessener, in den gottesdienstlichen Formen, nicht draußen auf aller Flur der Erde, im Heiligthum. — Da gilt es den Schluß, und das Loblied rauscht in nur zwei kurzen, aber kräftigen Sätzen von allgemeiner Bedeutung aus. Alle Völker und Nationen sollen sich im Lobe Gottes vereinen, denn über alle reicht die mächtige Gnade Gottes und seine Treue und seine Wahrheit! So bildet dieser Lobgesang ungekünstelt in seinem innersten Zusammenhang, in der Vertheilung seines Stoffes und seiner Farben, in der Abwechselung seiner Töne ein vollendetes Kunstwerk, eine wohlgegliederte Kette von Liedern desselben Grundtons, aber in mannigfacher Form. Er umfaßt mit gleicher Stärke und Betonung die höchste Gotteserkenntniß, alle menschlichen Beziehungen und das nationale Element. Auf dem Boden Israels erwächst in voller Entwickelung der Baum der Gotteserkenntniß, wird von diesem unter sehr wechselnden Geschicken getragen und genährt, aber seine Zweige und Aeste breitet er über alle Völker und Nationen aus und schafft seine Blüthen und Früchte für die ganze Menschheit. Dies ist die Vorstellung, welche der Lobgesang in uns herauffördert. Er versetzt nickt wie die erste Gruppe mitten in das Universum, in die nach allen Seiten gewaltige, von Gott geschaffene und erhaltene Natur; er verbleibt innerhalb der Menschenwelt und ihrer Geschichte. Als ein durchaus würdiges Pendant reiht sich der 118. Psalm ihm an. Gehen wir zu ihm über. (Fortsetzung folgt.) Wohlthiitige Werke, x. Haben wir uns aus Interesse an dem Gegenstände mit dem 25jährigeu Jahresbericht des „Vereins zur Unterstützung mittelloser israelitischer Studirender in Wien" länger beschäftigt, so müssen wir doch noch einige Daten nachtragen. Ist es unerfreulich, daß die Zahl der Mitglieder im Laufe der Zeit »icht-zu-, sondern abgenommen (von 153 bis 126) und in Folge dessen auch die Jahresbeiträge (von 2068 auf 1696 fl.), so ersetzt sich dies in Folge der Spenden durch Zunahme derselben, so daß die Gesammteinnahmen von 2341 auf 3329 fl. gestiegen. In gleichem Maße erhöhten sich die vertheilten Unterstützungen (von fl. 1483 auf 3801), so daß im Ganzen der Verein fl. 76,901 verausgabt hat. Jnsgesammt wurden 5109 Studirende unterstützt, von welchen nur 108 aus Wien waren, 605 aus Böhmen, 900 aus Mähren, 914 aus Galizien, 149 aus der Bukovina, 1943 aus Ungarn und kleinere Zahlen aus anderen Ländern, aus Preußen

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