Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 46 (9.11.1886)
- Date
- 1886-11-09
- Page
- Seite 723 (sequence 3)
- Language
- German
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723 uns nicht daran hindern, da andererseits die Naivetät, die Natürlichkeit und der Zusammenhang unverkennbar von jenen religiösen Erkenntnissen Zeugniß gaben, daß eben diese hohe Anschauung unmittelbar aus dem Herzen der Sänger als Jubel und Gottesfeier heraus flössen. Eine zweite, nach Inhalt und Form bedeutendere Gruppe von Lobliedern bietet sich uns in den Psalmen 113—118. Hier wird das ganze menschliche Leben vom religiösen Standpunkte aus in Betracht gezogen. Die äußeren Geschicke, wie das innere Seelenleben, finden ihre Beleuchtung. Das allgemeine, das nationale, das individuelle Dasein wird gleichermaßen berücksichtigt. Wir steigen auf die Höhen der Gottesidee, und werden wiederum bis in die Tiefen des verzweifelnden Menschenherzens gesenkt, immer aber mit dem freudigen Gefühle des durch Gottes Fügung und Beistand gewonnenen Sieges. Schon die alte Synagoge erkannte den Werth dieser Psalmen und bestimmte sie zum Festgesange. Jndeß bei näherer Betrachtung muß man doch den Psalm 118 von den übrigen ablösen. Diese, Ps. 113—117, bilden ein vollständiges Ganzes. Sie beginnen und enden mit einem Hallelujah. Ps. 113 bringt den Aufruf zum Lobe Gottes und 117 ist der kurze, mächtige Schlußgesang. Doch stehet Ps. 118, der mit demselben Verse schließt, mit dem er angefangen, unserer Gruppe in Gedankengang und Innigkeit des Ausdrucks ganz nahe, so daß wir sie in unserer Erörterung nicht trennen mögen. Auch Psalm 111 und 112 sind Hallelujah-Lieder, jedoch den zu besprechenden Psalmen ferner und selbst dem Geiste nach von geringerer Höhe. Unsere Gruppe stammt aus der schon entwickelteren nachexilischen Zeit. Jehuda ist mit Israel gleichbedeutend; das Königthum und das Prophetenthum sind verschwunden; der Tempelcultus steht in voller Blüthe und die Priesterschaft ist in ihrer Würde und Besonderheit anerkannt. Der Sang richtet an „die Diener des Ewigen", also an alle, welche Gott ehrfürchten, anbeten und seinem Willen leben, den Aufruf zum Loben in ebenso prächtiger, wie inniger Weise (Ps. 113). Dieser Gott ist erhaben über Zeit (B. 2) und Raum (V. 3), erhaben über alle Völker, über Himmel und Erde ,V. 4). Aber in seiner Allwissenheit, die Alles durchschaut (V. 5), führt er seine Weltregierung, und diese bekundet sich besonders in der „Erhebung des Dürftigen aus dem Staube, neben Fürsten ihn zu setzen", und zwar „neben Fürsten seines Volkes," weil gerade unter Denen, die den Dürftigen im Staube gesehen, die Erhebung zu Würde, Ansehen und Macht am schwierigsten, am wunderbarsten ist und es dem Menschen am meisten Befriedigung schafft, gerade vor den Blicken der Seinigen die höchste Stufe zu erreichen; aber ebenso in der Gewährung von Söhnen an das kinderlose Weib zu ihrer höchsten Freude (7 — 9.), da bekanntlich im Oriente die Kinderlosigkeit eine tiefe Schmach für die Frau war (Rahel, Hannah). Selbstverständlich soll hiermit in feinen Zügen die gütige Vorsehung Gottes gezeichnet werden; vor ihm sind alle Menschen gleich, er erhöht und erniedrigt nach seinen Rathschlüssen, nach der Begabung der Menschen, ihrem Thun und Lassen. Aber auch da, wo der Mensch rathlos steht, wo er selbst für die Aenderung seines Looses nichts zu thun vermag, wirkt Gott in seiner Allgüte und Allwissenheit und schafft Freude und Lust in dem Hause, darin Kummer und Gram gewohnt. Nach diesem allgemeinen Ausdruck wendet sich der Sänger zur Nation. Er feiert (Ps. 114) in sehr malerischer und rednerisch prächtiger Weise den Auszug Israels aus Egypten, den Uebergang über das rothe Meer und den Jordan, die Wunder der Wüste. Hervorzuheben ist, daß hier das volle Bewußtsein zum Ausdruck gelangt, daß dieser Auszug den Zweck hatte, Israel zum Träger der Gotteslehre, zum Religionsvolke zu bilden (V- 2). — Diese geschichtliche Erinnerung leitet den Sänger zu dem gegenwärtigen Zustande (Ps. 115). Juda, wenn auch für sich bestehend, ist unbedeutend geblieben unter mannigfach drückender Fremdherrschaft. Aus diesen oft schwer lastenden Verhältnissen kann nur uud wird Gott erretten. Nicht um des Verdienstes Juda's willen, sondern wegen der Ehre, das ist der Anerkennung Gottes durch die Völker. Denn diese in ihrem Wahne, daß jede Nation einen Gott habe, der an deren Geschick seine Kraft bewähren müsse, sprechen jetzt: „Wo ist denn nun ihr (Israels) j Gott?" Hier aber fühlt sich der Israelit auf der ganzen Höhe seiner Erkenntniß; er antwortet: „Unser Gott ist im! Himmel, Alles was er will, thut er." Von da aus gießt >er seinen Spott über die Götzenbilder aus, die, wenn auch ^aus kostbarem Metall, regungslos, todt, nichtig, Menschen-; werk sind. Wir hören jetzt aus dem Munde des Volkes,! was während des Exils noch aus Prophetenmund (Jesaias II) verschallte. „Wie sie, so todt nnd nichtig, werden ihre Verj (crttger, Jeder, der auf sie vertraut." Und dies führt einen - wohlgeordneten Chor ein, der in regelmäßigem Wechselgesang > „das Haus Israel, das Haus Ahron und die Gottesfürch-! tigen" zum Vertrauen auf Gott auffordert, der „ihr Helfer j und ihr Schild ist." Aus dieser Abtheilung ersieht man, jdaß „Gottesfürchtige" alle Menschen befaßt, welche Gott erkennen und ehrfürchten. In diesem Vertrauen beruht die i Gewißheit, daß der Segen Gottes sich über das Haus Israel, ’ das Haus Ahron und die Gottesfürchtigen allesammt, „die Kleinen wie die Großen", ergießen, daß er das Volk mehren werde in allen Geschlechtern. Und diese Gewißheit regt zur höchsten Freude auf, zur Freude an der Erde und dem Leben. Der Sänger ruft dem Volke zu: „Gesegnet seid Ihr dem Ewigen, dem Schöpfer des Himmels und der Erde". Der Himmel zwar ist des Ewigen allein, aber „die Erde gab er den Menschensöhnen", sie zu bewohnen, zu besitze», 46*