Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 46 (9.11.1886)
- Date
- 1886-11-09
- Page
- Seite 722 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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verbessern und nichts verschlechtern. Alles hing theils von der Gesetzgebung ab, welche nach und nach den Druck zu beseitigen suchte, der auf den Arbeitnehmern lastete, so wie ihnen gegen die Unfälle des Lebens möglichst Schutz zu schaffen sich bemühte; theils von den Krisen, von dem Wechsel zu Gunsten oder Ungunsten in der Industrie und dem Handel. Gerade im Gegentheil ist es bei vielen Gelegenheiten von den Arbeitnehmern anerkannt worden, daß die jüdischen Arbeitgeber ihre Arbeiter in wohlwollendster Weise und unter möglichst günstigen Bedingungen behandeln. Die Anschuldigungen der Antisemiten sind deshalb hinsichtlich der Arbeiter ebenso lügenhaft und aus der Luft gegriffen wie ihre übrigen. Hier haben sie jedoch noch den Nachtheil, thatsächlichen Verhältnissen gegenüber zu stehen. Jeder Arbeiter, den sie anreden, weiß durch sich selbst, ob er durch einen jüdischen Arbeitgeber gedrückt werde oder nicht, ob er es jüdischen Arbeitgebern zu verdanken habe, daß er sich in unbefriedigender Lage befinde. Die Lügenhaftigkeit des Anklägers leuchtet ihm sofort ein. Dies hat sich denn auch in diesen Tagen in Kassel bewährt. Nachdem nämlich in Berlin und in den unmittelbaren Dependencen in Breslau, Leipzig und Dresden die Arbeiter sich abwehrend gegen die Antisemiten und zwar in höchst fühlbarer Weise verhielten, versuchten sie ihr Heil in der Provinz, nämlich in der einstigen Residenz des hessischen Kurfürsten, wo sich ein Häuflein Getreuer unter der Marke „Reform-Verein" erhalten zu haben scheint. Stöcker und Consorten haben, wenn auch nur eine kleine Zahl Epigonen gezüchtet. Ueber das Gebühren derselben wird nun Folgendes in der „Frkf. Ztg." berichtet: Kassel, 24. Oct. Einen überaus stürmischen Verlauf nahm die gestern Abend im Gasthause „ Zum Anker" zu Wehlheiden auf Veranlassung des Kasseler „Reform- Vereins" abgehaltene antisemitische Volksversammlung, in welcher als Hauptredner der Herausgeber und Redakteur des „Geldmonopol," L. Werner aus Kassel und vr. Böckel aus Marburg, welcher sich bekanntlich als judenfeindlicher Mundnnd Federheld „vr. Capistrano" zu nennen beliebt, auftraten. Letzterer hatte sich zum Gegenstände seines Vortrages das Thema „Der Jude und der deutsche Arbeiterstand" gewählt. Wie wenig Anklang der Herr Doktor, abgesehen von seinem reformvereinlerischen Generalstabe, bei den Versammelten fand, bewiesen die häufigen unwilligen Unterbrechungen, denen er ausgesetzt war. Recht kläglich fiel am Schluffe seiner Ausführungen das vom Redner dem Antisemitismus gewidmete Hoch aus. Dasselbe fand vielstimmige Konkurrenz in Hochrufen auf den Sozialismus und den anwesenden Vertreter des 6. Berliner Wahlkreises im Reichstag, Wilhelm Pfannkuch aus Kassel. Das von vr. Böckel zum Besten ge-j gebene antisemitische Rezept, wie dem Arbeiterstande zu helfen wäre, wurde von Pfannkuch energisch zurückgewiesen. Als er, jedoch im Verlaufe seiner Erwiderung von dem Gebühren der „antisemitischen Blase" sprach, löste der Wehlheidener Polizeibeamte Abends 10 '/j Uhr die Versammlung auf Wir können also erwarten, daß ähnliche Versuche, wenn jene Leute noch Muth dazu haben, in gleicher Weise scheitern werden. Mögen aber auch alle jüdische Industrielle und Brodherren niemals vergessen, daß sie die heilige Pflicht haben, ihren Arbeitnehmern Alles was in ihren Kräften steht, zugute kommen zu lassen und ihnen die Wege zu ebnen, um ein menschenwürdiges Dasein führen zu können. Die Loblieder unter den Psalmen, n. Wenn wir vom Bibelforscher, abgesehen von den stets nothwendigen sprachlichen Untersuchungen, fordern, den Geist der heil. Schriften und ihrer Aussprüche zu erfassen, den Gedankeninhalt ans Licht zu stellen und die principiellen Ansichten klar zu machen — so nehmen wir selbstverständlich jede Willkür aus, welche in jene hineinträgt, was nicht darin enthalten, die eigenen Ideen, selbstgeschaffene Vorstellangen ihnen insinuirt und durch sie beweisen will. Die Vergangenheit hat uns in dieser Beziehung viele warnende Beispiele aufbewahrt. Wie viele Dogmen hat man den biblischen Texten aufgebürdet, wenn sie auch nicht die geringste Spur davon aufweisen oder ihnen geradezu widersprechen; was hat die Mystik in den verschiedensten Epochen, besonders die Kabbala aus den biblischen Lehren und Ansichten gemacht; wie wurden durch die Sucht nach Allegorien (Philo) die Worte der Schrift ins Ungeheuerliche verdreht; wie viele Vorschriften werden im Talmud an biblische Ausdrücke geknüpft, deren Zusammenhang mit diesen gar nicht oder nur wenig deutlich zu erkennen ist; welche Curiositäten wurden endlich durch vermeintliche Bedeutung der Buchstaben und ihres Zahlwerthes herausgewitzelt (Baal-Haturim)! Vielmehr ist überall der einfache Wortsinn (ntrit'D) zu eruiren, dann aber die Gedankentiefe, die in demselben niedergelegt, zu erfassen; wir haben uns nicht mit der Klarlegung des Wortsinns zu begnügen, sondern eben den Ideengehalt zu erfassen und den Zusammenhang mit den ähnlichen und gedanklich verbundenen Kundgebungen zu vergleichen. Da wir von dieser Ansicht in unseren exegetischen Arbeiten stets beseelt waren, so glauben wir auch denselben möglichst Folge geleistet zu haben. Kamen wir bei der Behandlung der Gruppe von Lobliedern, welche das Psalmbuch schließt, zu hohen erhabenen Ideen, die darin ausgesprochen sind, so citirten wir doch alle die Verse, in welchen jene zu finden sind, und der einfache, fast schmucklose Ausdruck in diesen Psalmen konnte