Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 45 (2.11.1886)
- Date
- 1886-11-02
- Page
- Seite 713 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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713 H. Auspitz und vr. Em. Schiffmann der Statutenentwurf revidirt und der Statthalterei zur Genehmigung vorgelegt. Diese erfolgte am 29. Jänner 1862. Sie gelangte in die Hand des Vorstandes am 9. Feber und am 11. Feber versammelte sich derselbe, um den Geschäftsgang zu regeln und die bereits eingelaufenen Gesuche zu erledigen. Kurze fünf Monate waren verflossen von der ersten Anregung bis zum Entstehen des Vereines; — in der damaligen Zeit ein höchst seltener Fall. Es ist selbstverständlich, daß nicht alle möglichen Fälle bei der Abfassung der Statuten ins Auge gefaßt werden konnten und daß überhaupt die Erfahrung da wie überall die beste Lehrmeisterin war. So wurde, wie bereits erwähnt, die Unterstützung bei Rigorosen und Promotionen in erster Linie und vorwiegend in Aussicht genommen. Es schritten jedoch zahlreiche Studirende um Unterstützung behufs Zahlung der Collegiengclder ein. Nun lehrte die Erfahrung, daß Studirende von der Bezahlung des Collegiengeldes ganz oder halb befreit werden, wenn sie nebst dem Armuthszeugniß auch Belege über die mit gutem Erfolge geleisteten Colloquien beibringen. Es traten jedoch öfters berücksichtigungswerthe Momente ein und ist es jedenfalls hart und schwer, wenn ein Studirender, der nicht in der Lage ist, das Collegiengeld zu bezahlen, ein Semester oder gar ein Jahr verliert. Der Wirkungskreis des Vereines wurde auch durch andere Momente erweitert. In Folge des neuen Universitätsgesetzes haben die Studirenden der Medicin, bevor sie das erste Rigorosum ablegen, d. i. nachdem sie die zwei ersten theoretischen Jahre absolvirt haben, drei Vorprüfungen aus den naturwissenschaftlichen Disciplinen zu machen, die früher nicht bestanden und für welche Taxen erlegt werden. Für die Techniker wieder kamen die Staatsprüfungen hinzu. Ueberdies aber entstand im Jahre 1872 die Hochschule für Bodenkultur. Die Hilfe und der Beistand des Vereines wurde in allen diesen Fällen von den mittellosen Hörern dieser Hochschulen angerufen. Während daher in den ersten zehn Jahren des Bestandes unseres Vereines die höchste Summe der berücksichtigten Gesuche 175 betrug, beträgt sie jetzt über 300. Hingegen sind die Jahresbeiträge, welche im ersten Jahre 2068 fl. ausmachten, jetzt in Folge der Ungunst der Zeitverhältnisse auf 1399 fl. zusammengeschmolzen. Wenn wir bei alledem auch heuer in der Lage waren 3804 fl. für die Betheiligung zu verausgaben, so wurde uns das nur durch die Spenden, Gaben und Legate, die wir im Laufe der Zeit und auch im verflossenen Jahre von edlen Menschenfreunden, die die Wirksamkeit unseres Vereines würdigen, erhalten haben, möglich. Aber wir müssen, um den zahlreichen Petenten zu genügen und wir berücksichtigen nur jene, die mittellos und würdig sind, kargen, und können nicht wie in der ersten Zeit umfassend große Gaben gewähren. I Die P. T. Mitglieder unseres Vereines gehörten stets ausschließlich der Wiener Gemeinde an. (Eine Ausnahme hiervon machte in früherer Zeit Herr Albert Cohn sei. Andenkens in Paris und jetzt Herr vr. Scheider in New-Aork.) Auch die Spenden, die wir im Laufe der Jahre erhalten haben, rühren bis auf einen verhältnißmäßig sehr kleinen Bruchtheil von Wienern her. Hingegen bilden Studirende, die Wiener sind, und die wir unterstützen, nur eine kaum beachtenswerthe Minorität. Der weitaus größte Theil der Studirenden, die wir unterstützen, sind Fremde, zumeist aus Ungarn. Abgesehen nun davon, daß die einzelnen Gemeinden in den Kronländern uns gar keinen Beitrag leisten, haben wir uns an die isr. Landeskanzlei in Budapest gewendet und auf Grund statistischer Daten ersuchten wir, unserem Vereine eine Subvention zu gewähren. Wir wurden jedoch abgewiesen. Man rechnet eben in den Kronländern auf den Wohlthätigkeitssinn der Wiener Israeliten und hält sich enthoben, selbst etwas zu thun. Wir müssen auch nach einer anderen Seite hin unser Bedauern ausdrücken. Wir gewähren den Petenten die Beiträge als Darlehen, über welche der Empfänger einen Revers ausstellt, in welchem er sich verpflichtet, „sobald es seine Verhältnisse ermöglichen, diese Schuld abzutragen." Es geschieht dies aus doppeltem Grunde: Es soll dem Ehrgefühle der Studirenden durch eine „Spende" oder „milde Gabe" nicht nahe getreten werden und andererseits ist es doch nur recht und billig, wenn jene, die sich eine Stellung im Leben errungen, des Vereines, dem sie dankbar zu sein Grund haben, gedenken und die seiner Zeit erhaltenen Beiträge zurückzahlen. Während jedoch der Verein während dieses Viertel Jahrhunderts über 72,000 fl. an Unterstützungen verausgabte, betrugen die Rückzahlungen im Ganzen 1935.24 fl. Und doch giebt es einige Universitäts-Professoren, Rabbiner, Religionslehrer, zahlreiche Advocaten, Aerzte, Techniker rc., die sich eine achtungswerthe, gut situirte Stellung im Leben errungen, welche seinerzeit mit Beihilfe des Vereines die Rigorosen- und Promotions-Taxen rc. bezahlten, die jedoch jetzt des Vereines ganz vergessen haben. Wir warteten bisher, die bebetreffenden Herren daran zu erinnern, ihrer Pflicht nachznkommen, doch wollen wir jetzt nicht mehr zögern, wenn wir auch nicht immer wissen, wo die Herren zur Zeit leben, und da wir den Herren nicht materielle Opfer auferlegen wollen, so werden wir auch gerne Ratenrückzahlungen entgegenehmen. Selbstverständlich kann und wird uns diese allerdings unangenehme Erfahrung nicht irre machen und werden wir nach wie vor arme, würdige Studirende, soweit unsere Kräfte reichen, unterstützen; aber wir wollten mit der Wahrheit nicht zurückhaltcn." (Fortsetzung folgt.) 45