Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 45 (2.11.1886)
- Date
- 1886-11-02
- Page
- Seite 711 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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711 Wohlthätige Werke, ix. Die jüdische Barmherzigkeit, welche schon durch das Mosaische Gesetz fest begründet worden, hat den jüdischen Stamm durch alle Zeiten und Zonen begleitet. Hatten wir vor Kurzem die Veranlassung zu bemerken, daß uns von einem wohlthätigen Vereine zu Kairo 100 M. für die Abgebrannten in Stryi in Galizien übersandt worden, so führen uns häufige Berichte bis an die Westküste Amerikas zu freudiger Beachtung der überall begründeten und aufstrebenden jüdischen Wohlthätigkeitsanstalten. Wir haben hierüber heute wieder einmal eine ganze Reihe von Mittheilungen vor uns. Beginnen wir mit eben den Abgebrannten in Stryi, für welche sich ein „Hilfscomitö der israelitischen Cultusgemeinde in Lemberg" gebildet hatte. Beiläufig mögen wir bemerken, daß sich bei solchen Werken der Barmherzigkeit überall im Osten und Westen, diesseits und jenseits des Oceans, die verschiedenen religiösen Richtungen brüderlich vereinigen. So standen an der Spitze jenes Comitss der Rabbiner Hirsch Ornstein und der Prediger B. Löwenstein. Dasselbe hat einen Ausweis der bei ihm eingelaufenen Spenden bis zum Juli 1886 veröffentlicht. Sie betrugen 13,079 fl. 38 kr. — ®ie Arch. isr. bringen einen Artikel über die jüdische Wohlthätigkeit in L ond on. Derselbe ist unvollständig; er enthält z. B. nichts über die jüdischen Volksschulen, in welchen Tausende von Knaben und Mädchen gratis unterrichtet und im Winter mit Kleidern und Nahrung versehen werden. Wir geben einige Hauptzüge hier wieder. Bekanntlich strömen nach London jüdische Hilfsbedürftige in Masse, so daß das dortige Hilfscomitö schon Verwarnungen auch durch dieses Blatt veröffentlicht hat, da die Ansprüche weit über das Maß der Mittel hinauswachsen. Wie man veranschlagt, befinden sich jetzt ca. 60,000 Juden in London, unter welchen die Zahl der Bedürftigen bis zu 11,000 steigt. Seit 1859 ist ein Hilfscomitö in Function. Es haben sich zu diesem Zwecke die drei Synagogen Londons vereinigt. Die Mittel werden durch freiwillige Subscription beschafft, die sich jährlich auf ca. 17,000 Pfd. Sterl. (340,000 M.) beläuft. 109 Herren und 55 Damen sind von dem Comitö delegirt, die Armen zu besuchen und die Unterstützungen zu vertheilen. Verbunden damit ist eine Darlehnskasse, aus welcher die es benöthigen bis zu 10 Pfd. Sterl. entleihen können und wöchentlich mit 6 Pence zurückbezahlen. Höchstens 4 pCt. geht verloren. Ein anderer Verein sorgt für die Lehrlinge, sie zu placiren und zu unterstützen; er unterhält gegenwärtig 283 Lehrlinge. Andere Zweige der Wohlthätigkeit bilden die Vereine für Ausstattung armer Bräute, für Nähmaschinen u. s. w. Im vorigen Jahre wurden 351 Personen nach ihrem Vaterlande zurückbefördert. Dafür ließen sich 250 bedürftige Familien in London nieder. Im Jahre 1881, wo die Flucht aus Rußland begann, kamen in London ca. 9000 an, die aller Hilfsmittel beraubt waren. — Wir gehen zu einem seiner Tendenz nach sehr erfreulichen Gegenstände über, bei welchem uns freilich der Wunsch übrig bleibt, daß er von jüdischen Menschenfreunden viel mehr berücksichtigt und mit Mitteln ausgestattet werde. Es ist der „Verein zur Unterstützung mittelloser israelitischer Studirender in Wien". Er gab soeben seinen 25. Jahresbericht heraus, und da dieser einen interessanten und lehrreichen Rückblick auf die verflossenen 25 Bereinsjahre enthält, so geben wir dessen Hauptstellen hier wieder. „Fünfundzwanzig Jahre sind verflossen, seitdem der „Verein zur Unterstützung mittelloser israelitischer Studirender in Wien" ins Leben trat. Da dürfte es an der Zeit sein, einen Rückblick sowohl auf das Entstehen wie auf die Wirksamkeit dieses Vereines während dieses Zeitraumes zu werfen. Wie bekannt, datirt di« jüdische Gemeinde in Wien, tvenn auch nicht officiell, denn sie durfte damals nicht den Namen Gemeinde führen, seitdem das Bethaus in der Seitenstättengasse 1826 entstand, d. h. als der sei. Prediger Mannheimer ins Amt trat; bis dahin gab es nur einige wenige fromme Stiftungen. Ferner bestand die Chewra Kadischa, begründet von David Wertheim, einem Nachkommen des berühmten Samson Wertheim, das israelitische Spital, dann die Armen- Anstalt, welche von der Frau des genannten David Wertheim mit ins Leben gerufen wurde und der Frauenverein. Doch waren diese Institutionen höchst primitiv und wurden nach dem Jahre 1826 reorganisirt. Es mußte daher zunächst für die nothwendigsten und wichtigsten Bedürfnisse Sorge getragen werden. So entstanden der Handwerker-, Taubstummen- und Theresien-Kreuzerverein, die Kinderbewahranstalt rc. Für arme israelitische Studirende an Hochschulen bestand kein Unterstützungsverein und hat der sel. Prediger Mannheimer, so weit ihm dieses möglich war, da und dort einzelne Studenten durch Mittel, die ihm zur Verfügung gestellt wurden, unterstützt. Im Laufe der Zeit wuchs jedoch, wie bekannt, die jüdische Bevölkerung in Wien in Folge des politischen Umschwunges, der sich im Jahre 1848 vollzogen hatte. Dieser Umschwung der Verhältnisse führte es auch herbei, daß überhaupt mehr Juden als bis dahin, ja bei weitem mehr, als nach deren Anzahl angenommen werden kann, die Hochschulen besuchten, da ihnen die vorher verschloffenen Nahrungswege nun geöffnet waren. Dazu kamen die leichteren Communicationsmittel, welche viele Studirende aus weiter Ferne anlockten, nach der Residenz zu ziehen. Ein großer, ja ein sehr großer Theil der jüdischen Studirenden waren und sind jedoch Kinder armer unbe-