Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 45 (2.11.1886)
- Date
- 1886-11-02
- Page
- Seite 710 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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710 ein sehr rechtschaffener und hochangesehener Mann, der es bis zum Deputirten gebracht und selbst die Anwartschaft auf ein Ministerportefeuille hat. Den Wünschen seiner Mutter nachgebend, hat er für einen falliten Bruder den größten Theil seines Vermögens geopfert, und da er in seiner Fabrik auf einem veralteten Standpunkt verbleibt, steht es mit dem Hause nicht gut. Der jüdische Fabrikant Eck-Debs hat 1871, nachdem das Elsaß dem deutschen Reiche zugefallen, seine Heimath verlassen und seine Fabrik nach Elboeuf verlegt. Auch er ist ein streng sittlicher Mann, versteht es, dem sich ändernden Geschmack und den fortschreitenden Erfindungen zu folgen und sein Etablissement nimmt deshalb einen raschen Aufschwung. In beiden Familien herrscht das innigste Familienleben; in beiden lebt eine Großmutter, der christliche Fabrikant hat eine Tochter, sein einziges Kind, der jüdische einen Neffen, der ihm Sohn ist. Der Verf. will nun in beiden Familien, die also sittlich gleich stehen, zeigen, wie in unserer Zeit mit den aufeinanderfolgenden Generationen die Vorurtheile schwinden und die Menschen sich nähern. Die beiden Großmütter sind streng orthodox, die Christin hält peinlich alle Kirchensatzungen, die Jüdin bewahrt in ihrem Hause sorgfältig alle jüdischen Vorschriften und Einrichtungen. Die beiden Fabrikanten und ihre Frauen sind freier gesinnt und beide Parteien haben die zwischen Christen und Juden herrschende Abneigung überwunden. Herr Aline steht nicht an, als ein Schwager des Herrn Eck gestorben, und die Leute der Umgegend von dem Begräbniß des Inden sich fern hielten, er, der Generalrath und Deputirte, am Grabe eine Rede zu halten, in welcher er die Tugenden des Verstorbenen rühmte, wodurch er das Herz der jüdischen Großmutter gewonnen. Die dritte Generation geht noch weiter: die Tochter des christlichen Fabrikherrn und der Neffe des jüdischen lernen einander kennen und lieben. Die Eltern sind bald einverstanden, aber die Großmütter widersetzen sich entschieden. Unterdeß waren die Geldverhaltnisse des christlichen Hauses sehr arg geworden, und Herr Aline läßt sich zum Spiel verleiten, das ihn gänzlich ruinirt. In Folge dessen erklärt er dem Eck, daß er seiner Tochter keine Mitgift geben könne und dieser erwidert, daß dies die Heirath nicht hindern solle, weil die beiden jungen Leute sich so aufrichtig lieben. Endlich giebt die jüdische Großmutter nach, weil sie für Aline eine tiefe Dankbarkeit empfindet. Einen heftigeren Kampf kostet die Einwilligung der christlichen Großmutter, die nur dadurch gewonnen wird, daß sich ihr Sohn als sehr krank darstellt und daß bei dem Ruin seines Vermögens die Sorge um seine Tochter seine Krankheit verstärke und seinen Tod beschleunige. Aline hatte auch versucht, den Eck in den von ihm geleiteten Spielclub, den er in seinem schändlichen Wesen noch gar nicht erkannt hatte, einzuführen. Eck sah aber schnell das verderbliche Wesen dieses Clubs ein, wies jede Versuchung zurück und verwarnte Aline. Doch vergebens. Zuletzt als dieser zum Bewußtsein seiner verlorenen Ehre gekommen, erschießt er sich und damit schließt das Buch. Der Leser wird aus dieser Skizze die wohlwollende und zur Zeit muthige Gesinnung des Verfassers erkennen, der das innige Familienleben und den festen sittlichen Charakter des jüdischen Hauses mit solcher Wärme und Consequenz darstellt. Wir möchten glauben, daß dieser Roman einen Wendepunkt in der französischen Romanliteratur in Bezug auf die Juden bilden werde. — Auch auf dem Theater ist in den letzten Tagen ein jüdischer Stoff nicht ohne Erfolg behandelt worden, und zwar von einer Dichterin Fräulein Simonue Arnoud. Es ist der Heldenkampf der Makkabäer, ein Gegenstand, der freilich fast in allen Sprachen schon verarbeitet worden. Es gelang aber der französischen Dichterin nicht, ihrem Drama einen bleibenden Werth zu schaffen. Sie glorificirt darin mehr den französischen als den jüdischen Patriotismus und hat keine Ahnung davon, daß in dem letzteren das religiöse Motiv die Haupttriebfeder war. Die Geschichte wird in jeder Weise entstellt. Der König Antiochus z. B. will sogar einen der Makkabäer, den seine Tochter liebt, mit dieser verheirathen und für das Paar ein selbständiges jüdisches Königreich schaffen. Das Publikum nahm trotz der großen Schwächen des Stückes dasselbe nicht ungünstig auf. Jedenfalls wird es dazu beitragen, dem widerlichen Treiben der Antisemiten ein Ende in Paris zu bereiten. Wir können diesen Artikel aber nicht schließen, ohne ein eigenthümliches Faktum zu erwähnen, welches so recht die Praktiken der Antisemiten ins Licht stellt. Bekanntlich ist die Novoje Wremja ein verbittertes antisemitisches russisches Blatt, das vor offenbaren Lügen nicht zurückscheut. Dasselbe schrieb jüngst, daß an dem berüchtigten Pamphlet „la France Juive“ bedeutende französische Schriftsteller, ohne sich nennen zu lassen, mitgearbeitet hätten und nannte besonders den berühmten Naturalisten Emil Zola. Ein Advokat zu Kiew, Herr Kupernik, richtete an denselben die Anfrage, ob diese Behauptung auf Wahrheit beruhe, und erhielt folgende Antwort: „Sehr geehrter Herr! Sie schreiben mir, daß einige russische Zeitungen mir eiuen Antheil an der Mitarbeiterschaft bei dem Werke Druwont's 1a France Juive geben, und Sie fragen mich, ob dies wahr ist. Die Nachricht ist einfach stupide. Alle meine Werke genügen, meine Mitarbeiterschaft an einem Werke Lügen zn strafen, dessen Form, Gedanken, Manier und Ziele ich gleicherweise verurtheile. Emil Zola." Das wird freilich die Novoje Wremja nicht abhalten, ihren Lesern am nächsten Tage wieder neue Lügen aufzutischen — aber für die Gesinnung in Frankreich ist diese Antwort Zola's von recht großer Bedeutung.