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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-11-02 · Heft 45 (2.11.1886) · p. Seite 709

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 45 (2.11.1886)
Date
1886-11-02
Page
Seite 709 (sequence 5)
Language
German
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709 tonen betrachtet. Es ist daher erklärlichdaß das antisemitische Geschrei bei den Klerikalen großen Wiederhall fand, um so mehr als deren Organe, wie das Univers und der Monde niemals aufgehört hatten, gegen die Juden zu schüren. Bei den Radikalen erklärt sich dieselbe Erscheinung eben durch ihren Haß gegen alle positive Religion. Dieser religiöse Radikalismus, der sich weit über die politisch-radikale Partei hinaus erstreckt, ist ebenso gegen das Judenthum eingenommen, wie gegen Katholieismus und Protestantismus. Er beherrscht auch die Kammer und den Senat durch die Majorität und würde sicherlich schon viel weiter gegangen sein, wie bisher, wenn ihn nicht Nützlichkeitsgründe oder der beliebte Opportunismus davon zurückgehalten. Ihm ist daher jeder Jude widerwärtig, der nicht gänzlich seiner Religion entsagt hat. Am liebsten würde er Jeden aus dem öffentlichen Leben verbannen, der an irgend einer kirchlichen oder hinsichtlich der Juden einer synagogalen Ceremonie Theil nimmt. Das Judenthum als anerkannte Confessio» hat schon genug von dieser antiklerikalen Richtung gelitten, obschon thatsächlich innerhalb des französischen Judenthums auch nicht die geringste Spur einer hierarchischen Macht und ihres Einflusses aufzufinden ist. Das Cultusbudget ist bereits an allen Seiten beschnitten, obschon es gerade für die jüdische Confessio» recht gering bemessen war; dem Rabbinerseminar in Paris sind die meisten Mittel entzogen worden; nicht allein ist der Religionsunterricht aus dem Lehrplan aller Schulen verbannt worden, sondern man gestattet ihm nicht einmal die Benutzung der Schulräume außerhalb der Schulzeit; den jüdischen Consistorien ist die Annahme jeden Geschenkes oder Legates untersagt aus dem Verbote der „todten Hand" heraus, obschon jene nur aus Laien mit Hinzuziehung eines Rabbiners bestehen und noch kein israelitisches Consistorium irgend ein Vermögen gesammelt hat; endlich arbeitet man, jenes Gesetz aufzuheben, welches auf den Friedhöfen für die drei Confessionen getrennte Abtheilungen gestattet. Daß also unter solchen Verhältnissen bei den beiden Hauptparteien der Antisemitismus schnell ausflackern konnte, kann Niemanden in Erstaunen setzen. Das Gesetz verhindert es, noch dazu da ihm die behördliche Macht zu Gebote steht, daß die Klerikalen und die Radikalen nicht über einander herfallen: beide Parteien aber sind sich in ihrer Gesinnung gegen das Judenthum gleich. Die zweite Ursache liegt in der Tagespresse und den Romanen, welche beide die Lectüre des französischen, besonders des Pariser Publikums ausmachen, die ernstere Literatur den Fachmännen überlassend. Die ganze Tagespresse, mit Ausnahme des Journal des Debats und des Temps, ist aber von dem frivolsten Geiste beherrscht, der lediglich nach pikanten Berichten und Notizen ausgeht, auf sensationelle Kundgebungen, ohne irgend um Wahrhaftigkeit und Wirklichkeit sich zu kümmern. Jenen mußten nun die antisemitischen Schriften mit ihren Uebertreibungen, lügnerischen Verleumdungen und Schmähungen einen willkommenen und recht reichen Stoff darbieten, den sie auch wacker benutzten, so daß über Alles, was Judenthum und Juden betrifft, entstellende und aus der Luft gegriffene Aeußerungen für einige Zeit auf die Tagesordnung kamen. Was nun in Paris das allgemeine Publikum dazu geneigt machte, solche Zeitungsartikel gern zu lesen und sich der judengehässigen Gesinnung zuzuwenden, war der Umstand, daß in der Pariser Finanzwelt nicht wenige Juden eine bedeutende Rolle spielen und sich Reichthümer erworben haben. So etwas zieht die Augen des Publikums aus sich, erregt den Neid und macht, da die soeialistischen Schlagwörter hinzukamen, eine feindselige Meinung leicht, indem man mit jener Anzahl von Börsenmännern die gesammte Judenheit verwechselte. Nicht minder arbeiten hieran die Romane. Auch sie brauchen pikante Persönlichkeiten und problematische Situationen und da greifen sie gern nach den Juden, von welchen sie nur zwei Typen kennen und zeichnen: den habgierigen Wucherer und den Emporkömmling mit seinem Hang nach Aufsehen und Luxus. Wie weit ist man in der Romanliteratur von der „Jüdischen Novelle" von Florian, von Esther und Athalie von Raeine im Drama und selbst von dem Roman Balzac's „Der Israelit'") abgekommen! — Jndeß darf nicht übersehen werden, daß die Tagespresse mit ihren Artikeln und die Romane mit ihren zwei Typen das Interesse des Publikums bald erschöpft haben werden, und daß in dem rasch pulsirenden Pariser Leben ein solcher Paroxysmus schon aus Mangel an greifbarem Stoffe bald wieder erlöschen muß, wenn dessen Nachwirkung auch noch eine Zeit lang verbleibt. Hinsichtlich der Romane liegt uns ein vor Kurzem erschienener vor, der den namentlich durch das schöne Werk Sans famille bekannten Romancier Hector Malot zum Verfasser hat: Baecara, Paris, Cliarpentier & Co. 1886, und welcher eine ganz andere Tendenz verfolgt. An sich will dieser Roman die in der Pariser Welt so schmählich verbreitete und verderblich wirkende Spielwuth, namentlich das berüchtigte Baeeara schildern und zeigen, auf welche bösartige Weise selbst rechtliche Männer, ehrenfeste Familienväter in diesen Abgrund hineingezogen werden. Einleitend hierzu zeichnet der Verfasser zwei neben einander bestehende Familien, eine christliche und eine jüdische. Die erstere ist eine seit mehr als zweihundert Jahren in hohem Ansehen stehende Fabrikantenfamilie in Elboeuf. Der jetzige Inhaber der Fabrik ist l) Wir übersetzten diesen Roman im Jahre 1840 (S Bündchen, Leipzig, Belgische Verlagshandlung). Balzac läßt darin einen Prinzen, der eine Prinzessin heirathen soll, sich als Juden verkleiden, um die Liebe der Prinzessin zu gewinnen uud zu prüfen. Es gelingt ihm dies vollstängig, und erst in der «stunde der Katastrophe, als die Prinzeisin ihm heimlich zu folgen entschlossen war, giebt er seinen Rang zu erkennen. Balzac wollte also zeigen, daß es auch unter den Juden Männer giebt, welche durch ihre edlen Eigenschaften die stärkste Zuneigung zu erwerben vermögen.

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