Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 45 (2.11.1886)
- Date
- 1886-11-02
- Page
- Seite 708 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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708 des Thieres, an der Kraft des Mannes Gefallen hat, sondern „an denen, so ihn fürchten, die seiner Gnade harren." Nach dem zweiten Satze führt er an, wie durch Gottes Spruch Schnee und Eis wird, und durch sein Wort sie schmelzen, „er läßt seinen Wind wehen, Wasser rieseln." Gerade durch den Gedanken, daß es derselbe Gott ist, der seine Wunderwerke in der Schöpfung vollbringt, welcher Israel wieder aufhilft, will der Sänger seinen Volksgenossen Muth und Zuversicht einflößen und die Verzagtheit verscheuchen, welche bei dem Anblick der Schwäche und Geringfügigkeit der jüdischen Colonie in der ersten Zeit nach der Rückkehr aufkommen mußte. — Der Gedanke, der den 148. Psalm beherrscht, ist die Einigkeit in der Natur, welcher Gott ewige Gesetze gegeben, nach welchen sie ward und besteht. Im ersten Absatz werden deshalb die Engel und die Himmel, Sonne und Mond und Sterne des Lichtes aufgefordert, zum Lobe dessen, der „gebot und sie wurden geschaffen, sie feststellte auf immer und ewig und ein Gesetz gab, das nichts überschreitet." Im zweiten Absatz ergeht dieselbe Aufforderung an die Erde, alle Gebilde und Wesen auf ihr, und von da an alle Nationen, ihre Könige, Fürsten und Richter und an alle Menschen jeglichen Alters, „denn sein Name allein ist erhaben, seine Majestät über Erde und Himmel." Hieran reiht sich der Schlußvers, der den Söhnen Israels Glück und Ruhm verheißt, „dem Volke, das ihm nahe." — Auf diesen die Einheit des Weltalls und die Einheit der Menschheit zum Lobe Gottes rühmenden Gesang geht Psalm 149 wieder auf das besondere Geschick Israels. Dieses soll „ein neues Lied" singen und zwar „in der frommen Gemeinde." Israel sei eine Schöpfung Gottes, und stehe unter seiner besonderen Führung. Ihm, der „dem Dulder Sieg verleiht," sollen die Söhne Israels im Reigen mit Pauke und Zither singen, ihm die Frommen jauchzen und „auf ihren Lagern jubeln." Treten Völker gegen sie auf, Nationen und ihre Könige, so werden sie gezüchtigt, denn Gott übt Gericht an ihnen zum Ruhme all' seiner Gerechten. Hierauf der Schlußpsalm. So winden' sich diese fünf Lobgesänge zu einem Kranze, in welchem die höchsten Gedanken in einfacher, warmer Sprache sich als zusammengehörige Blumen vereinigen: die Einheit Gottes in Natur- und Menschenwelt, die Einheit des Weltalls und der Wesen und Erscheinungen, die Einheit im unveränderlichen Naturgesetz und endlich die Einheit in der Vorsehung, welche Gerechtigkeit übet zum Heile der Unschuldigen und Gerechten und zur Bestrafung der Frevler, und gerade hieraus schöpft der fromme Israelit das Vertrauen auf die Erhebung und Leitung Israels. (Fortsetzung folgt.) Der Antisemitismus in Frankreich. iu.l) Daß der Antisemitismus in Frankreich zeitweilig üppig ins Kraut geschossen, kann man sich nicht verhehlen. Er ist aus Algerien nach dem Mutterlande gekommen, also einer der Nachthcile. die Frankreich bis jetzt aus dieser Besitzung gezogen. In dieser Provinz hat sich viel europäisches Gesindel aus aller Herren Ländern angesammelt. Und dieses ist es, nicht etwa der Haß der Mohammedaner, welches aus Neid auf den durch Fleiß, Mäßigkeit u ad Sparsamkeit erworbenen Wohlstand der Israeliten und ergrimmt über die Gleichstellung der eingeborenen Juden seit 1870 die antisemitische Bewegung in jener Provinz herbeigeführt und genährt hat, die hier und da schon zu Straßenkämpfen ausgeartet, da die dortigen Juden nicht gewillt sind, Mißhandlungen und Beschimpfungen ruhig hinzunehmen. Dergleichen kommt natürlich in Frankreich nicht vor. Man hat sich verwundert, daß eine antisemitische Agitation in dem Lande Anklang gesunden, in welchem seit einem Jahrhundert das Princip der Gleichheit so tiefe Wurzeln geschlagen, und in welchem Juden weit über ihr Bevölkerungsmaß in allen Zweigen des öffentlichen Lebens bedeutende Stellen eingenommen haben und einnehmen, im Militär, jetzt selbst in der Marine, im gelehrten und Lehrerstande aller Grade, als Richter, in den Verwaltungszweigen, namentlich als Ingenieure, im Parlamente und selbst in den Ministerien. Jndeß braucht man in keiner Weise zu fürchten, daß hierin sich Etwas ändern werde. So lange in den französischen Juden das rechte Streben und die erforderliche Begabung vorhanden sein werden, wird es ihnen stets gelingen, einen Platz im öffentlichen Leben zu erlangen. Der Sitz antisemitischer Gesinnung ist, wie für jede Bewegung in Frankreich — Paris, und äußert sich in der Tagespresse, Romanen und einigen Pamphleten von größerem oder geringerem Umfange. Die Ursachen nun, daß diese Gesinnung einigen Raum gewonnen, sind zweifach. Zuerst haben wir den Parteigeist zu betonen, der durch den Kampf mit der Kirche und ihrem Klerus hervorgerufen^worden. Jn^Frankreich wie in Belgien giebt es auf dem kirchlichen Gebiete nur zwei Parteien, die Klerikalen und die Radikalen; man ist entweder der Kirche bis zur Bigotterie ergeben oder ihr und aller positiven Religion feindlich gesinnt. Die Klerikalen sind naturgemäß Feinde des Judenthums wie des Protestantismus. Je feindseliger die Gegner gegen die katholische Kirche verfahren, desto ausschließlicher wird sie. Da nun Protestanten und Juden gerade wegen der Abgrenzung jener Kirche auf liberaler Seite stehen, mit desto gehässigeren Blicken werden sie von den Ultramvn- 1) Siehe S. 423 und 465.