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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-11-02 · Heft 45 (2.11.1886) · p. Seite 706

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 45 (2.11.1886)
Date
1886-11-02
Page
Seite 706 (sequence 2)
Language
German
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706 war der erste Beweggrund; ein zweiter bestand in Folgendem. Eine jede positive Religion hat zu ihrem Fundament geheiligte Urkunden, in welchen die Grundlehren und Grundgesetze dieser Religion ausgesprochen sind, ausgesprochen mit dem Feuer jugendlicher Begeisterung, mit dem Flammenworte der Inspiration. Hierauf baut sich die ganze Geschichte dieser Religion, von hier gehen alle Anstöße und Impulse der weiteren Entwickelung aus und jede Phase der letzteren kehrt zu ihnen zurück, um daraus Kraft und Direktive zu schöpfen. So insbesondere das Judenthum; und wenn daher dieses mit dem Eintritt seiner Bekenner in das allgemeine Culturleben eine neue Phase zu beginnen hatte, so verstand es fich von selbst, daß es auf jene heiligen Urkunden zurückgehen und aus demselben eine feste Grundlage bilden mußte. Hier offenbarte sich die eigenthümliche Erscheinung, daß die in der h. Schrift kundgegebenen religiösen, moralischen, politischen und sozialen Prinzipien mit dem Geiste, den Forderungen und Bedürfnissen der modernen Zeit nicht im Widerspruche, sondern im Einklänge stehen, so daß die letzteren ihren positiven und geschichtlichen Untergrund, ja ihre Ausgaben und Ziele in jenen finden können. Besonders die Arbeiten Salvadors, Saalschütz', Sam. Maiers und die unsrigen brachten dies unzweideutig ans Licht. — Diese Bemerkungen einmal auszusprechen, hielten wir für angemessen. Kommen wir nun zu dem Gegenstände, der uns heute beschäftigen soll. Der Genius einer Nation bekundet sich vorzugsweise in den Klageliedern und Freudengesängen des Volkes. Wie dieses sein Weh und seine Schmerzen, und andererseits wie es seine Freuden und sein Glück zum Ausdruck bringt, gewährt uns einen tieferen Einblick in seine Natur, seinen Charakter, seine sittliche Richtung. Dahin gehört sowohl das Lied, das im Sinne der ganzen Nation und ihrer Geschicke gedichtet ist, als auch das, welches dem Individuum zum Ausdruck seiner Empfindungen dient. Für beide Arten, für Klagewie Lobgesänge, haben wir in den Büchern der h. Schrift Beispiele. Liegt uns doch in den „Klageliedern Jeremias'" der Trauergesang der ganzen Nation bei dem furchtbarsten Geschicke vor. Wir wenden uns heute den Lobgesängen zu. Wenn in einem Lande Friede, Sicherheit und Wohlstand herrschen, wenn sich über dasselbe ein sonniger blauer Himmel wölbt, und zur rechten Zeit der Segen der Wolken den Boden befruchtet und die Gewässer anschwellt, wenn dann der Ertrag mühevoller Arbeit Scheuer und Keller füllt — dann schickt das Volk sein Jauchzen und seinen Jubel gen Himmel auf oben angeführten Schrift herzustellen. Er lautet: „Erreiche ich aber, dag ich in dem Geiste nur Einiger, vorzüglich unter den Israeliten, wo der Sinn für ihre alterthümlichen Schriften und ihre ehemalige, ehrwürdige Muttersprache jetzt so sehr gesunken ist, die Liebe zu denselben etwas erwecke, so wird dies mein schönster, größter Lohn sein!" und sucht seinem Gefühle und seiner Freude Luft zu schaffen. In Israel mußte dies einen religiösen Charakter annehmen. Feierte es doch seine Freudentage in den drei großen Wallfahrts- und Verbrüderungsfesten in seinem Heiligthume. Allerdings gab es auch im alten Israel Zechgelage mit Wein und Gesang, wie uns die Propheten öfter andeuten (s. Jesaias 5), aber diese werden eben als Entartung, sündhaft und straffällig bezeichnet. Musik und Tanz waren bei diesem Volke seit alter Zeit heimisch und gepflegt. Sie begleiteten auch die Feier jedes Sieges, die Triumphlieder nach Kampf und Rettung. Schon am Ufer des rothen Meeres „nahm Mirjam die Pauke in ihre Hand und alle Frauen zogen hinter ihr aus mit Pauken und in Reigen" zu dem Lobgesang (2 Mos. 15, 20). Als Jephta siegreich nach Hause kehrte, „da tritt seine Tochter heraus ihm entgegen mit Pauken und Reigen" (Richter II, 34). Nachdem Saul und David die Philister geschlagen, „da kamen heraus die Weiber aus allen Städten Israels mit Gesang und Reigen, dem Könige Saul entgegen, mit Pauken, in Freude und mit Triangeln, und die spielenden Weiber stimmten Gesang an." (1 Sam. 18, 6). Bei dem Einzuge der Bundeslade in Jerusalem, „tanzte David aus aller Kraft vor ihr her, und das ganze Haus Israel brachte hinauf die Lade des Ewigen mit Jauchzen und mit Posaunenschall." (2 Sam. 6, 14). Welche Ausbildung das Volkslied, Gesang und Musik im alten Israel gewonnen hatte, deutet uns jeiies Verlangen der Sieger an die Gefangenen in Babel an, ihnen die Zionslieder mit dem Harfenspiel vorzutragen, daß die Exulanten mit der Weigerung beantworteten, da die Trauer, die sie empfanden, es nicht zuließ (Psalm 137). Insbesondere wurden im Tempel neben dem Opferdienste Lobgesänge angestimmt, von welchen uns eine nicht ganz geringe Anzahl unter den Psalmen erhalten blieb, und die zum Theil gruppenweise zusammengestellt sind. Wir wählen zunächst die Gruppe, welche den Schluß des Psalmbuches bildet (Ps. 146—150). An Inhalt und Form, so wie in der Sprache, sind sich diese Psalmen so gleich, daß wir sie eben zu einer Gruppe zusammenzuziehen haben, die wie Ps. 147 erweist, aus der Zeit nach dem Wiederaufbau Jerusalems und der Ansammlung der Exulanten im h. Lande unter der persischen Herrschaft entstanden ist: „Der Ewige baut Jerusalem, er sammelt die Zerstreuten Israels, er, der zerbrochene Herzen heilt und ihre Schäden verbindet" (147, 2). Die Gruppe schließt mit dem 150. Psalm. Wenn die Redaktoren des Psalmbuches ihren Takt dadurch bewiesen haben, daß sie Ps. 1. an die Spitze des Psalmbuches stellten, welcher als einleitend den religiös-sittlichen Grundzug aller Psalmen in einfacher poetischer Sprache ausdrückt: so zeugt der Schluß des Buches mit dem 150. Psalm von demselben richtigen Gefühl. Er

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