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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-10-26 · Heft 44 (26.10.1886) · p. Seite 701

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 44 (26.10.1886)
Date
1886-10-26
Page
Seite 701 (sequence 13)
Language
German
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701 bevorstehenden hohen Festtagen eine Predigt halte. In meiner früheren, meiner ersten Anstellung, ward diese Forderung an mich nicht gestellt. Es ist dies eine eigenthümliche Zumuthung, die jedoch, wie ich höre, in den meisten kleinen, sogenannten Landgemeinden, jetzt gewöhnlich ist. Ich habe, wie alle meine Collegen, weder Gymnasium noch Universität besucht, wo man sich zum Predigtamt vorbereitet. Auf dem Seminar hat man schon so viel zu lehren und zu lernen, daß an eine besondere Anleitung zum Predigen nicht gedacht werden kann. Ich habe mir bereits aus meinen kleinen Ersparnissen einige jüdische Predigtsammlnngen angeschafft, sie aber für meinen Zweck wenig brauchbar gesunden. Die einen sind zu lang und ausführlich, die anderen in einer so hohen Sprache abgefaßt, daß meine Zuhörer sie nicht verstehen würden, die dritten zu gelehrt, mit einer Menge von Talmud - und Midraschstellen und deren künstlicher Auslegung dersehen. Auch gestehe ich, daß ich nur zwei Mal Gelegenheit hatte, jüdische Kanzelredner zu hören, jedoch in großen Gemeinden, wo sie vor einem zum größten Theile gebildeten Publikum zu sprechen, also Anforderungen zu genügen hatten, dir weit über den Gedankenkreis einer Landgemeinde hinausgehen. Es fehlt mir also an geeigneten Vorbildern. Allerdings ist es auch viel, von einem und demselben Manne zu fordern, daß er die ganze Woche Unterricht geben, in der Zwischenzeit schachten und am Sabbath oder Festtag als Borbeter die lange Reihe der Gebete vortragen und die ausgedehnte Thoravorlesung abhalten und dann noch die Kanzel besteigen soll, um zu predigen. Es scheint mir dies ein ungerechtfertigtes Uebermaß. Aber verweigern darf ich es nicht, denn die Leute würden es als einen Mangel an Fähigkeit auslegen und mich deshalb mißachten, was meine Stellung sehr gefährden würde. Also, verehrter Amtsbruder, wollen Sie mir hierüber guten Rath ertheilen und mir den Weg zeigen, den ich einzuschlagen habe, um doch einigen Erfolg zu erzielen. Sie haben die bewährte Erfahrung für sich, die mir eben fehlt, und so hoffe ich, von Ihnen Anleitung und Unterweisung zu erhalten, wofür ich Ihnen im Voraus meinen tief empfundenen Dank sage. p. P. Antwort. Mein lieber Amtsbruder! Sie sind nicht der Erste, der eine solche Frage an mich stellt, und in der That, halte ich es für einen Mangel an denjenigen Seminaren, in welchen für das von Ihnen besprochene Bedürfniß gar keine Fürsorge getroffen wird. Da die Forderung, einen Vortrag zu halten, gegenwärtig in den Landgemeinden an die Lehrer fast überall gestellt wird, so müßte er im Senrinar auch hierfür vorbereit werden, und müßte deshalb auch der Cursus etwa um ein halbes Jahr verlängert werden. Eile thut nirgends gut. Im Ganzen, junger Freund, müssen wir es ja dankbar anerkenne», wenn mau auch in den kleinen Gemeinden beim Gottesdienst etwas mehr geistige Nahrung verlangt, als das Ablesen von Gebeten, bei denen man sich nicht viel denkt und die den Meisten zu einem großen Theile unverständlich sind. Und daß man nun von den Lehrern eine Predigt verlangt, muß uns zu Genugthuung dienen, denn jedenfalls erlangt der Lehrer dadurch, wenn er es nur irgend angemessen vollbringt, eine höhere Achtung, namentlich auch von Seiten des weiblichen Geschlechts, und diese ist für ihn ein unschätzbares Gut. Freuen wir uns deshalb, daß auch in den Landgemeinden ein solches Bedürfniß erwacht ist, und gehen wir rüstig und muthig auch an die Lösung dieser Aufgabe. Unter uns, wir haben bei unseren Glaubensgenossen den Vortheil, daß, wenn sie sich erst an einen Lehrer, Vorbeter oder Prediger gewöhnt und für ihn Achtung gewonnen haben, sie leicht in Enthusiasmus für ihn gerathen und ihn für den besten seiner Art halten, gegen den alle übrigen Collegen nichts bedeuten. Doch ich will zur Sache kommen. Ich bin auch der Meinung, und dies mache Ihnen Muth, daß Wissenschaft und Kunst zum guten Redner überhaupt und zum Prediger in Landgemeinden erst recht nicht erforderlich sind, ja eher schaden als nützen. Sie versetzen uns weit über den Gedankenkreis des Volkes und geben diesem Steine statt Brodes. Kann es die ihm dargereichte Nahrung nicht verdauen, so wird es ihrer bald überdrüssig. Man sagt mir nach, daß ich gut zu sprechen verstehe — nun, so will ich Ihnen mein ganzes Geheimniß verrathen. Ich halte es mit dem alten lateinischen Spruche, der verdeutscht lautet: „Das Herz macht den Redner!" Besitzt der Redner ein mitfühlendes Herz für die Freuden und Leiden seiner Mitmenschen, fühlt er in diesem wessen sie bedürfen an Belehrung und Tröstung, an Mahnung und Aufrichtung, so wird sich ihm auch das rechte Wort einstellen, mit dem er die Saiten des Gemüthcs und des Verstandes seiner Zuhörer berührt und erklingen läßt. Ich meine hiermit nicht, daß der Redner sentimental sein soll, das würde den ländlichen Zuhörer nicht lange ergreifen und beschäftigen. Was er hört, muß in seine Vorstellungs- und Empfindungsweise gehören. Doch ich will meinen Rath für Sie in bestimmter Weise formuliren. Zuerst: der Bortrag muß nicht zu lang sein, denn lange Reden zu hören ist der Landbewohner nicht gewöhnt; sie ermüden ihn und seine Aufmerksamkeit schwindet. Zwanzig Minuten genügen. Alsdann muß die Predigt einfach sein, zunächst in der Disposition. Diese darf durchaus nicht gekünstelt sein, nicht in zu viele Theile zerfallen. Der Zusammenhang muß leicht faßbar sein und folgerichtig vor sich gehen. Man stelle den Text voran und komme am Schluß auf ihn zurück, damit die Hörer wenigstens diesen mit nach Hause nehmen. Knapp und zutreffend muß ferner die Sprache sein; Schwung oder gar Schwulst ist hier schlecht angebracht. Allerdings müssen

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