Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-10-26 · Heft 44 (26.10.1886) · p. Seite 702

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 44 (26.10.1886)
Date
1886-10-26
Page
Seite 702 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3227609-3227654--43932-3264321
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

702 Bilder und Vergleiche angewendet werden, aber sie dürfe» nicht über den Borstellungskreis der Zuhörer hinausgehen, nicht aus der Ferne.und der Wissenschaft entlehnt sein, wohl aber aus den Erscheinungen in der Natur und im Leben. Was nun den Inhalt betrifft, so empfiehlt es sich, Mannigfaltigkeit in denselben zu bringen und dazu besonders die reiche biblische und jüdische Geschichte zu benutzen. Ein kurz gefaßtes aber recht deutliches Bild einer Persönlichkeit, eines Ereignisses, einer Sitte aus dem gedachten Kreise entworfen und es dann für das wirkliche Leben anzuwenden, wird seinen Eindruck nicht verfehlen. Persönliche Anspielungen müssen vermieden werden, und selbst Familienereignisse dürfen nur ganz allgemein zur Besprechung kommen. Denn hierin ist man sehr empfindlich in den kleinen Kreisen, mit denen wir es zu thun haben. Allgemein gehaltene Mahnungen dürfen nicht fehlen, doch sollen sie nicht zu heftigen Strafreden werden. Was endlich den Vortrag betrifft, so muß er ganz natürlich sein, alle Künstelei in Organ und Geberden ist zu vermeiden: sie ist dem Landbewohner fremd und erregt leicht seine Spottlust. Zu vermeiden ist ebenso wohl jedes Schreien als auch die Einförmigkeit des Tonfalles. Der Redner muß die Stellen, die einen besonderen Eindruck machen sollen, auch stark betonen und hierdurch hervorheben. Aber gerade deshalb muß er im Tone abwechseln, vernehmlich sprechen, aber nicht allzu laut. Hinzufügen möchte ich noch, daß der Prediger nicht ablesen dürfe. Er möge sein Manuscript auf das Pult legen, um sich sicherer zu fühlen; aber er muß memorirt haben, gut memorirt, und wenn einmal das Gedächtniß einen Augenblick stockt, nicht erschrecken, sondern sich bedenken, um wieder ins Geleise zu kommen, auch befähigt sein, einige Worte frei hineinzuschieben. Fürchten Sie sich nicht vor dem Memomoriren, auch wenn es Anfangs viel Mühe kostet. Wer sich jung daran gewöhnt, erlangt bald eine Fertigkeit darin. Der freie Vortrag allein macht einen tieferen Eindruck und flößt vor dem Redner Achtung ein. In solchen Dingen darf man von dem ländlichen Zuhörer nicht voraussetzen, daß er anders gestimmt sei als der gebildete Städter. Es sind dies vielmehr Instinkte des Volkes. Nur noch eine Kleinigkeit. Den Text lesen Sie aus der Bibel vor; der Zuhörer weiß dann sogleich, daß es sich um diesen Ausspruch der h. Schrift handle und das aus der Schrift unmittelbar verlesene Wort hat für ihn eine höhere Bedeutung. — Dies ist es, was ich Ihnen heute sagen möchte. Es erschöpft den Gegenstand nicht, aber es sind doch beachtenswerthe Winke. Zweierlei will ich nur noch hinzufügen: daß schließlich der Redner das Beste aus sich selbst schöpft, und er nur das, was ihm seine eigene Anlage und Befähigung bietet, zu regeln hat; und endlich, daß kein Meister geboren wird, daß die Geister, welche mit bedeutenden Erzeugnissen sofort hervortreten, nur selten sind, Uebung und Erfahrung aber auch aus dem weniger Befähigten einen tüchtigen Mann herausbilden. Sind daher Ihre ersten Erfolge nur genügend, so lassen Sie sich nicht entmuthigen: das Bessere kommt nach. Mit den besten Wünschen, Ihr p. p._ Vermischtes. Die neue Synagoge zu Versailles. Man schreibt der „Voss. Ztg.": Die am 22. September j eingeweihte Synagoge in Versailles ist von dem Architekten j Aldroghe erbaut worden, welcher auch die Synagoge in der ,Rue de la Bictoire in Paris errichtet hat. Die neuen französischen Synagogen sind von Außen und Innen im Wesentlichen romanischen Stiles. Die Fayade dieser neuen Versailler Synagoge, ganz in der Nähe des Bahnhofes auf dem rechten Seiueufer, besteht der Hauptsache nach aus dreiTheilen. In der Mitte befindet sich der Hauptbau mit einem großen Kreisfenster, einer Rose („rosaee“), einer Reihe von sechs kleinen Rundbogenfenstern, welche durch romanische Säulchen von einander getrennt sind, und einem ebenfalls rundbogigen Portal mit romanischen Säulen; an den beiden Seiten dieses Haupt- und Mittelbaues zwei Flügel, jeder mit einem Portal, jedoch nur mit zwei Fenstern. Auf einer Art von Fronton oben auf dem Mittelbau, welcher durch zwei mächtige vorspringende Pfeiler von den beiden Seitenflügeln geschieden ist, erhebt sich „die Gesetzesrolle". Die beiden Pfeiler werden bekrönt durch zwei vasenförmige Knäufe oder Weihrauchgefäße. In dem Peristyl des „Tempels" sind zwei Marmortafeln mit je einer Inschrift im Hebräischen und im Französischen, zu Deutsch also lautend: „Dieser Tempel, dem. Ewigen geweiht, wurde gegründet von der Frau Cäcilie Fnrtado-Heine. Gesegnet sei ihr Name von Geschlecht zu Geschlecht. September 1886." Das Schiff erhält sein Licht durch sechs große Fenster und die erwähnte „Rose" der Fayade. Für die Frauen und Mädchen, bekanntlich in den Synagogen von den Männern getrennt, sind rechts und links im Schiff des „Tempels" zwei Chöre mit hohen goldbronzenen Kandelabern. Der neunarmige Leuchter vor der Theba, welcher sich an drei Fuß hoch inmitten des „Tempels" erhebt, sowie auch die vier Kandelaber an den Seiten des „Tabernakels", aus welchem das christliche Altar entstanden ist, sind wahre Meisterwerke des Brvnzegusses und der Ciselirung und geben dem sonst sehr einfachen Innern einen imponireuden Glanz. Die Sitze für die Rabbiner, das Synagogal-Consistorium und die Gemeinde sind aus Eichenholz; das sehr einfache Ornamentale des ganzen Holzwerkes ist ebenfalls der Hauptsache nach romanischen Stils. Die Chöre für die Frauen werden von eisernen Säulchen und Consolen getragen. Bei Vermeidung alles bildlichen und künstlerischen Pompes und Prunkes ist dennoch die Wirkung des gesammten Innern eine höchst würdevolle und feierliche.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.