Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 44 (26.10.1886)
- Date
- 1886-10-26
- Page
- Seite 699 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227609-3227654--43929-3264318- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
699 städtische Verwaltung der Hauptstadt hat zwei Juden als Räthe, die vom Volke gewählt sind. Der erste Generalsecretär im Ministerium des Innern ist ein Israelit, der binnen Kurzem zum Minister ernannt werden wird, solch ein intelligenter und geschickter Diplomat ist er. Auch die rechtschaffenen jüdischen Kauf- und Handelsleute werden von der Bevölkerung sehr geachtet, welche, weit davon entfernt, wie früher von ihnen „Jid" mit der größten Verachtung zu sagen, jetzt zu ihnen sagt: „Brate" d. h. Bruder, sie wie Menschen achtet und als Freunde und Mitbürger behandelt. Aber jetzt beginnen leider schwarze Punkte sich am Horizont zu zeigen. In Folge unerhörter Verfolgungen, denen unsere rumänischen Glaubensgenossen unterworfen sind, verlassen viele dieses Land, das man barbarisch nennen könnte, und flüchten sich nach Serbien. Sie kommen in ihrem sonderbaren und schmutzigen Costüm an, mit langen Korkzieherlocken (Peies), ohne Bildung, ohne Besitz und Capital. Um ihr Brod zu verdienen, giebt es welche unter ihnen, die alle Art wenig achtbaren Handel treiben. Dadurch erzürnen sie die Serben, welche diese Dinge sehr ungern sehen, und sagen, daß ihre Toleranz nicht über die Grenzen gehen könne, welche sie ihr gezogen haben; sie murren und einige drohen sogar. Wenn das so fortgeht, so riskiren die acht bis zehn Tausend eingeborenen Israeliten ihre Ruhe und ihre Zukunft. Deshalb bitten wir die Alliance israelite universelle und alle diejenigen unserer auswärtigen Glaubensgenossen, welche es vermögen, sich für uns zu interessiren und zu interveniren, damit die rumänischen Flüchtlinge nicht Serbien überfluthen; denn durch eine zunehmende Einwanderung bereiten sie uns Eingeborenen und Auswärtigen dasselbe Mißgeschick, welches unsere rumänischen Brüder befallen. Ein Punkt, auf den ich die Aufmerksamkeit Ihrer geschätzten Leser lenken muß, ist, daß die eingeborenen serbischen Israeliten Alle Sephardim sind, während die neuen Ankömmlinge Alle Aschkenasim sind. S. Jachia. Bonn, 17. October. (Notizen.) Gestern verstarb zu Frankfurt a. M. Meyer Karl von Rothschild im 66. Lebensjahre. Er war geboren am 5. August 1820 zu Neapel, wo sein Vater Karl von Rothschild das dortige Geschäftshaus begründet hatte. Seit 1855 war er mit seinem Bruder Willy Leiter des Frankfurter Geschäftes. Ein Gehörleiden bewog ihn seit zehn Jahren völlig zurückgezogen zu leben. Die Hauptbeschäftigung seines Lebens galt der Sammlung von Kunstwerken aus Mittelalter und Neuzeit, deren Werth viele Millionen beträgt, die jedoch nur Wenigen zugänglich war. Er war der erste Vertreter Frankfurts im Reichstage, fiel aber bei späteren Wahlen durch. Er war auch Mitglied des Herrenhauses, erschien aber selten dort j und hat niemals das Wort ergriffen. Bon seinen sechs Töchtern sind drei innerhalb der Familie Rothschild verheirathet, zwei an Fürsten Napoleonischer Mache, eine ist unverheirathet. Bon wohlthätiger und gemeinnütziger Thätigkeit weiß man von ihm nichts zu berichten, und hinsichtlich seiner Glaubensgenossen war er sehr gleichgiltig. So verweigerte er z. B. jeden Beitrag zu den Sammlungen für die russischen Flüchtlinge, und zwar selbst zu der Zeit, wo der Hilferuf durch ganz Europa schallte und der Lordmayor von London sich an die Spitze der Hilfsvereine stellte. — Wir haben in Nr. 40 gelegentlich des russischen Ministers der Bolksaufklärung Uwaroff gedacht, so wie daß wir von demselben eigenhändige, höchst freundliche Briefe über die Angelegenheit zu errichtender jüdischer Schulen in Rußland erhielten. Wir empfangen hierzu von Herrn A. Lewinsky, Candidaten der Philosophie und Theologie, folgende Ergänzung: „In Nr. 40 der „Zeitung des Judenthums" berichten Sie unter Rubrik „Notizen", daß der ehemalige russische Minister der Volksaufllärung Sergei Uwaroff behufs Gründung jüdischer Volksschulen in Rußland sich an „jüdische Gelehrte in Deutschland wandte, theils um ihre Ansichten über die Anlegung dieser Schulen zu vernehmen, theils um jüdische Lehrer in Deutschland für sie zu gewinnen." Diese Notiz bedarf insofern einer Ergänzung, als dieser Minister oder dessen Rathgeber Dr. Lilienthal nicht nur in brieflichen Verkehr mit jüdischen Gelehrten Deutschlands trat, sondern auch den Rath wissenschaftlich gebildeter Männer unseres Glaubens im Auslande einholte. So richtete Lilienthal auch an den berühmten emsigen Forscher Prof. S. D. Luzzatto b'i (y-j'tp genannt) aus Triest (starb 1865), unter dessen Leitung die erste Stätte wahrhaft jüdischer Wissenschaft in dem „Collegium rabbinicum“ in Padua 1829 entstand'), im Aufträge Uwaroff's ein Schreiben, über welches ich, da mir die Sammlung der hebräischen Briefe Luzzatto's nw) herausgegeben von Eisig Gräber, Przemyl 1882, vorliegt. Folgendes mittheile. In Nr. 288 (S. 733 ff. der erwähnten Ausgabe) berichtet Luzzatto in einem an Dr. Leopold Zunz gerichteten Briefe, daß er am 12. Adar 5601 (1841) ein Schreiben Lilienthal's aus Peterbnrg erhalten habe, das folgenden Inhalt hat: „Das Collegium rabbinicum zu Padua ist unter Ihrer aus- „gezeichneten Leitung die Musterschule für alle künftigen ähn- „lichen Institute geworden; Männer, ausgezeichnet an Geist „und Herz, sind als die Zierde Israels daraus hervor- „gegangen; und Ihr Verdienst allein ist es, wenn Gemeinden „unter solchen Führern sich glücklich fühlen. Ihr Wirken hat „auch die Aufmerksamkeit Seiner hohen Excellenz, des Herrn „Ministers der Volksaufklärung, Uwaroff, auf sich gezogen i) Dieses Institut mußte bekannttich 1870 aus Mangel an Subsidien geschlossen werden. 44*